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In der Campinghaus-Siedlung am Kranzer – hier ein Luftbild aus der Entstehungsphase – leben heute 180 Menschen.

Zwischenbilanz für Asylunterkunft

„Am Kranzer ist immer was los“

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Reichersbeuern - Sie ist die größte Flüchtlingsunterkunft im südlichen Landkreis und von der Art her einmalig: die Campinghaus-Siedlung Am Kranzer. Viereinhalb Monate, nachdem die ersten Asylbewerber dort Quartier nahmen, fällt die Bilanz des Reichersbeurer Bürgermeisters Ernst Dieckmann positiv aus: Der Kranzer habe sich zu einem „lebenswerten Ort“ entwickelt. 

„Einige schlaflose Nächte“ habe er Ende vergangenen Jahres gehabt, berichtete Ernst Dieckmann jetzt bei einem Helferkreis-Treffen im Reichersbeurer „Altwirt“. Damals, kurz vor Inbetriebnahme der Asylunterkunft Am Kranzer, gab es viele Sorgen und Bedenken. Die drei Gemeinden Reichersbeuern, Sachsenkam und Greiling hatten sich entschieden, gemeinsam eine Asylunterkunft zu errichten, wie es sie in dieser Form und Größe bislang im Landkreis nicht gab.

Asylbewerber werden aus anderen Quartieren an Kranzer verlegt

In abgelegenem Gelände, knapp einen Kilometer abseits der B 13, stellte man 40 „Mobile Homes“ auf, enge Campinghütten für je sechs Personen. Eine logistische Herausforderung war das Projekt, gleichzeitig gab es Kritik an der isolierten Lage. Wenn er heute an den Kranzer blicke, „dann sehe ich, dass es den Menschen dort gut geht und sie sich wohl fühlen“, stellte Dieckmann nun fest. Und sein Greilinger Amtskollege Anton Margreiter berichtete von einer schönen Beobachtung über das Miteinander von Alt- und Neu-Isarwinklern. „Beim Maibaumaufstellen haben Burschen vom Kranzer mitgeholfen – das war für alle Beteiligten die höchste Gaudi.“

Mit viel Herzblut bei der Sache: Die Asylhelfer, die sich um die Bewohner am Kranzer kümmern, stecken viel Energie in ihre Aufgabe. Gemeinsam mit Bürgermeister Ernst Dieckmann (stehend) zogen sie Bilanz über die ersten vier Monate

Zu dem Treffen im „Altwirt“ waren alle haupt- und ehrenamtlichen Helfer eingeladen, um eine erste Bilanz zu ziehen. Fazit: Vieles lief besser als von Pessimisten prophezeit – angefangen damit, dass sich die Siedlung weniger schnell füllte als kalkuliert. Hatte es anfangs geheißen, die Siedlung werde voraussichtlich bis Ende März voll sein, konstatierte Dieckmann nun: „Stand heute sind es 180 Bewohner.“ Viele Hüten seien mit Familien à vier bis fünf Personen nicht bis zum Anschlag belegt. Ganz frei seien noch vier Häuser.
Die ersten 150 Bewohner seien direkt aus Erstaufnahmeeinrichtungen an den Kranzer gezogen. Mittlerweile kämen dort nur noch Menschen an, die bereits vorher eine reguläre Unterkunft im Landkreis hatten. Im Zuge der Konzentration auf zentrale Flüchtlingsunterkünfte würden sie aus Einzelwohnungen an den Kranzer verlegt – zuletzt aus dem Tölzer Badeteil.
„Ich rechne damit, dass wir in den kommenden Monaten durch weitere Verlegungen die volle Belegung von 228 Personen erreichen und auch bis Jahresende beibehalten werden“, sagte Dieckmann. Selbst wenn Asylbewerber den Kranzer verlassen, weil ihr Asylverfahren positiv oder negativ abgeschlossen ist, würden ihre Plätze wohl wieder nachbesetzt.
Dem gegenüber stehen 90 gemeldete Asylhelfer, von denen etwa 50 aktiv bei der Sache seien, wie die Sachsenkamer Koordinatorin Maria Demmel berichtete. „Viele stecken sie ihr ganzes Herzblut hinein.“ Ihnen sei es auch zu verdanken, dass am Kranzer „immer etwas los“ sei, so Dieckmann. „Alle Erwachsenen haben einen Platz in freiwilligen Deutsch-Kursen der ehrenamtlichen Helfer“, sagte der Bürgermeister. Maria Demmel zählte die weiteren Aktivitäten auf: So gibt es Patenschaften für je ein Häuschen, Hausaufgabenbetreuung, eine „Boutique“, in der die Bewohner „für wenig Geld Kleidung und Haushaltsgeräte kaufen können“, eine Radlwerkstatt, Nähprojekte, Frauenfrühstück, Yoga und vieles anderes.

Asylbewerber sollen Sprecher und Ortsrat wählen

Weitere Helfer werden gesucht: „Neun Häuser haben noch keinen Paten“, sagte Demmel. „Es fehlt noch jemand für die Hausaufgabenbetreuung, und auch die Deutsch-Lehrer bitten dringend um Hilfe.“ Dieckmann stellte dabei klar, dass auch zeitlich begrenztes Engagement willkommen sei, etwa einmal ein paar Bewohner mit auf den Berg zu nehmen. Die Helfer sollten darauf achten, sich nicht aufzureiben und den Flüchtligen Eigenverantwortung zu lassen. „Bis wir die Unterkunft 2018 wieder abbauen, haben wir noch viele Monate vor uns. Es ist keinem geholfen, wenn Ehrenamtliche über ihre Grenzen gehen und sich damit selbst schaden.“

Dieckmann berichtete auch von den Plänen der Verwaltungsgemeinschaft (VG), den Bewohnern am Kranzer Beschäftigung zu bieten. „Wir wollen allen einen Ein-Euro-Job geben.“ Zusätzliche Hausmeister-Jobs seien denkbar, Müllsammel-Trupps, Basteln für den Christkindlmarkt oder das Herrichten von Fahrrädern, die dann an andere Flüchtlinge verkauft werden – nicht mit Gewinnerzielungsabsicht, sondern zugunsten der „Helferkasse“. Der kommen übrigens auch die Einnahmen aus der „Boutique“ zugute. „Es ist nie gut, wenn Langeweile aufkommt, wenn so viele Menschen auf einem Haufen leben“, sagte Dieckmann. Er berichtete aber auch, das es bislang nur zu vier Fällen von Handgreiflichkeiten kam.

Zudem wolle die VG den Flüchtlingen mehr Mitbestimmung einräumen. „Wenn wir 200 Bewohner erreicht haben, wollen wir den Menschen die Möglichkeit geben, einen Sprecher und einen Ortsrat zu wählen. Denn die Menschen, die dort leben, wissen am besten, was gebraucht wird."

Asylsozialberater aus Afghanistan

Zu den hauptamtlichen Helfern am Kranzer zählt jetzt ein Mitarbeiter, der selbst einmal als Asylbewerber in den Landkreis kam. In dem Treffen beim „Altwirt“ stellte sich Sayed Naim Amiri als neuer Asylsozialberater vor, angestellt beim Verein „Hilfe von Mensch zu Mensch“. Der zweifache Familienvater stammt aus Afghanistan, hat in Pakistan Betriebswirtschaftslehre studiert. Vor vier Jahren sei er nach Deutschland, vor drei Jahren nach Kochel am See gekommen, berichtete er. Nach dem Besuch der Berufsschule in Miesbach und eines neunmonatigen Deutschkurses in München habe er am 9. Mai als Asylsozialberater angefangen. Samiri lebt mit seiner Familie in Bad Tölz.

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