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„Wenn das Thema Geburt aus unseren Krankenhäusern verdrängt wird, ist das für mich völlig unverständlich“: Andrea Jochner-Weiß, Landrätin von Weilheim-Schongau (Mi.), im Gespräch mit Chefärztin Dr. Solveig Groß und Klinik-Geschäftsführer Thomas Lippmann.

Interview

Rettung der Geburtshilfe: So lief es in Weilheim und Schongau

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In Bad Tölz wird aktuell darüber diskutiert, ob und wie die Geburtshilfe an der Asklepios-Stadtklinik noch zu retten sein könnte. Die Weilheimer Landrätin Andrea Jochner-Weiß hat an den beiden kommunalen Krankenhäusern in Weilheim und Schongau vergleichbare Situationen erlebt. Im Kurier-Interview übt sie nun deutliche Kritik an privaten Klinikträgern.

Bad Tölz-Wolfratshausen/Weilheim– Die aktuelle Diskussion um die Geburtshilfe in Bad Tölz wird auch im Nachbarlandkreis Weilheim-Schongau aufmerksam verfolgt. Sehr interessiert ist die dortige Landrätin Andrea Jochner-Weiß (CSU). Denn es gibt deutliche Parallelen zu den kommunalen Krankenhäusern in Weilheim (2016: 345 Geburten) und Schongau (422 Geburten). Die waren durch den Weggang von Belegärzten ebenfalls bedroht. Auch in Weilheim-Schongau verfiel man auf die Lösung, die Beleg- in Hauptabteilungen mit fest angestellten Ärzten umzuwandeln. In Weilheim ist das bereits passiert, in Schongau steht es unmittelbar bevor. Dieser Schritt wird nun für die Tölzer Asklepios-Stadtklinik erwogen. Dazu ein Interview mit Andrea Jochner-Weiß, Thomas Lippmann (Geschäftsführer der Krankenhaus Weilheim-Schongau GmbH) und Dr. Solveig Groß (Chefärztin der Weilheimer Frauenklinik und der künftigen Geburtshilfe-Abteilung in Schongau).

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie aktuell die Nachrichten zur Geburtshilfe in Bad Tölz lesen?

Jochner-Weiß:Als ich das Interview mit Asklepios-Regionalgeschäftsführer Joachim Ramming gelesen habe, war ich absolut entsetzt, dass man eine Abteilung einfach abstößt, wenn sie unangenehm und defizitär wird.

Herr Ramming spricht davon, dass eine Geburtshilfe-Hauptabteilung in Tölz mit 2,2 Millionen Euro unterfinanziert wäre.

Jochner-Weiß:Diese Begründung kann ich nicht glauben. Natürlich haben auch wir eine Finanzierungslücke: Es sind zirka 600 000 bis 700 000 Euro für die Hauptabteilung in Weilheim. Für Schongau gehen wir von einer ähnlichen Größenordnung aus.

Das andere Problem ist, die nötigen Ärzte zu finden, speziell für eine kleine kommunale Klinik. Warum war es für Sie attraktiv, Chefärztin in Weilheim zu werden, Frau Dr. Groß?

Groß: Ich war schon vorher als Belegärztin hier. Ich habe früher in Privatkliniken gearbeitet. Auch vor diesem Hintergrund bin ich fest davon überzeugt, dass die Gesundheitsversorgung in die öffentliche Hand gehört.

Lippmann: Es ist eine Mär, dass nur Privatkliniken attraktive Arbeitgeber für Chefärzte sind. Das kann auch eine kommunale Klinik sein. Voraussetzung ist natürlich, dass man bereit ist zu investieren, zum Beispiel in eine gute Geräteausstattung. Ein Unterschied liegt in den Maßstäben, woran ein Chefarzt, woran Erfolg gemessen wird. Uns geht es darum, die Bevölkerung umfassend mit Medizin zu versorgen.

. . .im Gegensatz zum gewinnorientierten Arbeiten bei privaten Trägern.

Lippmann: Es sind zwei verschiedene Unternehmensansätze.

Wo und wie haben Sie weitere Ärzte gefunden, Frau Groß?

Groß:Wir haben zwei ausländische Kollegen, dann habe ich ehemalige Kommilitonen und Kollegen kontaktiert, und ein Kollege ist aus Bad Tölz zu uns gekommen. Natürlich ist es nicht leicht, Kollegen zu motivieren, an einen kleinen Standort zu kommen, weit weg von Metropolen. Aber es gibt noch mehr Kollegen, die so denken wie ich, die sagen, ich möchte an einen kleinen Ort, in eine ruhige Umgebung, ich möchte Stabilität. Für mich ist der finanzielle Aspekt nicht der Hauptantrieb.

Der bundespolitische Trend geht zu großen Geburtszentren. Warum setzen Sie auf das Gegenteil?

Jochner-Weiß: Unsere Grundüberzeugung ist es, dass wir den werdenden Müttern die Möglichkeit erhalten wollen, ihre Kinder nah am Wohnort zur Welt zu bringen. Wir haben hier tolle Kliniken mit tollen Teams, die ein familiäres Umfeld bieten – im Gegensatz zu leider immer mehr anzutreffenden Geburtsfabriken.

Groß: Den Trend zu großen Zentren sehe ich sehr kritisch. Eine Geburt ist ein wichtiger Augenblick. In großen Zentren gehen die Feierlichkeit und Spiritualität verloren. Leider hat sich die Geburtskultur in Deutschland gravierend verändert hin zu einem übertriebenen Sicherheitsdenken. Es herrscht ein extremer Leistungsdruck auf die Frauen zu gewährleisten, dass das Kind gesund zur Welt kommt. Doch der schöne Augenblick, wo man Leben schenkt, sollte kein ökonomisierter, mechanisierter Prozess werden. Auch in einer kleinen Klinik ist eine Entbindung in Deutschland sehr sicher. Wir setzen auf eine natürliche, frauenorientierte Geburt.

Lippmann: In nordischen Ländern führt die Zentralisierung dazu, dass Frauen aus Angst, es nicht rechtzeitig in die Klinik zu schaffen, schon Tage vor dem Geburtstermin in die Klinik kommen. Da wird eine Natürlichkeit zerstört. Auch insofern, als Omas und Opas dann nicht in der Nähe sein können.

Gab es bei Ihnen nie die Überlegung, dass die Geburtshilfe eine – vielleicht für die ganze Klinik gefährliche – finanzielle Last sein könnte?

Jochner-Weiß: Nein, die gab es nicht. Eine Geburt ist das Natürlichste auf der Welt. Wenn dieses Thema aus unseren Krankenhäusern verdrängt wird, ist das für mich völlig unverständlich.

Ein Landkreis muss aber auch sagen: Das leisten wir uns jetzt. Es ist kein Pappenstiel.

Lippmann: Natürlich wissen wir, dass es in Zukunft im ländlichen Bereich schwierig wird, kleine Kliniken in kommunaler Hand zu erhalten. Aber unsere Antwort ist nicht zu schrumpfen und Bereiche abzugeben oder den Träger zu wechseln. Im Gegenteil: Wir wollen mit anderen kommunalen Häusern in ähnlicher Größenordnung und mit ähnlichem Gedankengut – im konkreten Fall Landsberg am Lech und Fürstenfeldbruck – einen Klinikverbund eingehen, mit dem wir mittel- und langfristig die breite medizinische Versorgung sichern.

Jochner-Weiß: Schon allein aus dem Argument heraus, dass wir als Landkreis mit 800 Geburten aus bundespolitischer Sicht eigentlich schon zu klein sind. Im Verbund mit weit über 2000 Geburten würden wir ganz anders dastehen.

Würde auch die Kreisklinik Wolfratshausen in so einen Verbund passen?

Jochner-Weiß: Sehr gut! Darüber will ich mit meinem Kollegen, Landrat Josef Niedermaier, sprechen.

Was würden Sie dem Tölzer Kreistag jetzt raten: Soll er mit einem Zuschuss an Asklepios die Geburtshilfe stützen?

Jochner-Weiß: Das ist eine äußerst schwierige Frage. Ich finde es nur ungeheuerlich, dass ein Krankenhaus dem Landkreis den Schwarzen Peter zuschiebt. Falls sich der Kreistag dagegen entscheidet, steht in vorderster Front der Landrat als Buhmann da. Meinem Kollegen etwas zu raten, würde ich mir nicht anmaßen. Zwei Millionen Euro, das wären bei uns zwei Punkte Kreisumlage. Das wird natürlich kritisch beäugt.

Groß: Die Geburt ist der Anfang des Lebens, und man muss sich überlegen: Was sollte uns das wert sein?

Denken Sie, der Asklepios-Konzern könnte, wenn er wollte, die Geburtshilfe aus eigener Kraft erhalten?

Jochner-Weiß: Ich spreche mal ganz allgemein von privaten Klinik- und Krankenhausträgern: Bei allem, womit man Geld machen kann, sind sie voll dabei. Eine Abteilung, die keinen Gewinn abwirft, wird zugemacht – darum soll sich dann die Kommune kümmern. Es ist die Rosinenpickerei, die ich nicht akzeptieren kann und will.

Lippmann: Um ein Beispiel zu nennen: Für einen akutgeriatrischen Fall bekommt das Krankenhaus den gleichen Erlös wie für drei bis vier Geburten. Im Falle der Krankenhäuser Weilheim-Schongau ist unser Auftrag, beides zu machen und keines zu lassen.

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