Geschäftsführer Stephan Höpfl steht in der Klosterbrauerei Reutberg neben den Bierpaletten.
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Die Lager sind voll: Geschäftsführer Stephan Höpfl steht in der Klosterbrauerei Reutberg neben den Bierpaletten. Durch Corona ist der Bierabsatz eingebrochen.

Herbe Folgen

Bier-Krise: Corona trifft berühmte Brauerei immens - „Des trink i normal aloa im April“

  • Stefan Sessler
    vonStefan Sessler
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Auf dem Reutberg brauen sie seit fast 350 Jahren Bier. Doch gerade macht die Klosterbrauerei eine schlimme Phase durch: Corona hat alles verändert.

  • Seit fast 350 Jahren wird auf dem Reutberg Bier gebraut.
  • Doch wegen Corona macht die Klosterbrauerei aktuell eine schlimme Phase durch.
  • Im April wurde nur ein einziges Fass Bier verkauft.

Reutberg – August Maerz, 59, sitzt in seinem Büro in der Klosterbrauerei Reutberg und tippt auf zwei eng- und doppelseitig bedruckte DIN-A4-Seiten. Auf dem Zettel stehen alle Feste, die vom Reutberg aus letztes Jahr mit Bier versorgt wurden. „Alles abgesagt“, sagt der Vorstandsvorsitzende der traditionsreichen Brauerei. „Ois.“

Er trägt Schnauzbart, Haferlschuhe und Karohemd. Und er hat ein Problem, das es in Bayern nach allem, was man weiß, so noch nie gegeben hat. Das Problem heißt: zu viel Fassbier im Keller.

Corona in Bayern: Brauerei auf dem Reutberg in der Bierkrise

Maerz deutet auf die Zettel vor sich. Es ist eine Liste des Grauens. Man kann nachlesen, was Corona den Menschen im Voralpenland alles geklaut hat. Maibaumfeiern, auf denen normalerweise Reutberger Helles ausgeschenkt wird, Marterlmessen, Patronatstage, Josefifeste, aber auch die Outbackparty in Bad Heilbrunn, die Lass-Kesseln-Party des Burschenvereins Deining, die Mexican-Night des Burschenvereins Sachsenkam oder die Tölzer Rosentage. 2019 gab es das alles noch. 2020 ist ein nicht endend wollender Ausfall.

Die Fässer stapeln sich im Bierkeller unterm Kloster, seit die Wirtshäuser wieder schließen mussten.

Klosterbrauerei nahe Bad Tölz: Im April nur ein Fass Bier verkauft - Kurzarbeit angemeldet

„Wir haben noch nie so ein schönes Wetter gehabt im April und so wenig Fassbier verkauft“, sagt Maerz. Ein einziges 30-Liter-Fass hat die Brauerei in dem Monat verkauft. „Des trink i normal aloa im April“, sagt Maerz und lacht. Obwohl ihm gerade nicht zum Lachen zumute ist.

Die Brauerei mit ihren 20 Mitarbeitern hat sich lange gegen Kurzarbeit gewehrt. Ein gelernter Mechaniker unter den Bierfahrern hat die Lastwagen zusammengeflickt. Andere haben Garten-stühle repariert. Sie haben alles probiert. „Doch der jüngste Lockdown in der Gastronomie hat uns die letzte Butter vom Brot genommen“, sagt Maerz. Deswegen haben sie jetzt schweren Herzens Kurzarbeit angemeldet. „Wir haben sämtliche Investitionen auf Eis gelegt“, sagt Maerz.

Der jüngste Lockdown in der Gastronomie hat uns die letzte Butter vom Brot genommen.

August Maerz, Vorstandsvorsitzender der Brauerei „Ois“

Seit 1677 brauen sie an diesem herrlichen Flecken im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen gleich neben dem Kirchsee Bier. Die Klosterschwestern erbaten damals eine Konzession zur Herstellung ihres Haustrunks. Der Reutberg ist neben Andechs einer der berühmtesten Bierberge Bayerns. Hier werden schon immer klassische Sorten gebraut. Helles, Weißbier, Josefi-Bock. Solche Sachen. Kein neumodisches Craft-Bier, kein Indian Pale Ale oder Helles, das gleichzeitig nach Kirsche und Mango schmeckt.

Brauerei in Bad Tölz-Wolfratshausen: Prominente Genossen - lange Wartelisten

„Indian Pale Ale, da krieg’ ich scho Ganshaut bei dem Namen“, sagt Maerz. „Das Bier, das man nur in medizinischen Größen darreichen kann, da verdienst du kein Geld, auch wenn es fünf Mal so viel kostet. Es passt aber auch nicht zu uns.“

Die Brauereigenossenschaft Reutberg gehört zur Region wie Hopfen ins Bier. Das Eine ist ohne das Andere nicht denkbar. „Der Reutberg ist inzwischen Kult“, sagt Maerz. Es gibt über 5200 bierliebende Genossen, die meisten aus der Umgebung. Darunter auch Polit-Promis wie Ilse Aigner oder Friedrich Merz, der ein Haus am Tegernsee hat. Wer Genosse werden will, muss drei Anteile à 100 Euro kaufen – davor muss man allerdings drei Jahre warten. Nur wenn ein Reutberger Genosse stirbt oder ausscheidet, rückt jemand nach. Die Warteliste ist lang.

Corona-Krise trifft Unternehmen hart - Umsatzrückgang

„Bad Tölz hat ganz früher 22 Brauereien gehabt, die es jetzt alle nicht mehr gibt“, sagt Maerz. „Der Reutberg hat alles überlebt, auch den Fusionswahnsinn in der Branche“, sagt der Vorstandsvorsitzende. „Das kimmt bei vielen bodenständigen Leuten gut an.“ Reutberger Bier ist ein Stück Heimat zum Trinken.

Trotzdem trifft die Krise das Unternehmen hart. Letztes Jahr lag der Umsatz bei 4,2 Millionen Euro und der Gewinn bei 170 000 Euro. Heuer sieht es düsterer aus. Wenn es noch monatelang so weitergeht, „dann geht es ans Eingemachte“, sagt Maerz, der trotzdem noch auf eine schwarze Null hofft.

Im Gärkeller: August Maerz (r.) und Brauergeselle Benedikt Disl begutachten das Kloster-Helle im Gärbottich.

Die Klosterbrauerei wird die Pandemie überleben, das ist klar. „Aber viele Wirte nicht“, sagt Maerz. Es wird Dörfer geben, die plötzlich ohne Wirtshaus dastehen. Das ist die Krise hinter der Krise, die man jetzt schon sieht, wenn man den Bierkeller der Brauerei direkt unter dem Kloster anschaut. Überall stehen Fässer mit Bier. „Eigentlich wäre es hier um diese Zeit leer“, sagt Maerz.

Nach Lockdown in der Gastronomie: viele Wirte geben ihr Bier zurück

Nach dem ersten Gastro-Lockdown haben viele Wirte beim Reutberg angerufen und gesagt, dass sie ihr Bier wieder zurückgeben wollen. Das Bier war eigentlich schon verkauft – trotzdem hat die Brauerei, die um die 90 Wirtschaften beliefert, ihr Kloster Helles und ihre Kloster Weiße zurückgeholt.

Keller für Keller. „Du bist nur am Schadensbegrenzen“, sagt Maerz. Es fühlt sich gerade an wie auf einer Welle, bei der man nicht so recht weiß, wie hoch sie ist und ob man einigermaßen sanft landet oder krachend. Die neuerliche Schließung der Wirtshäuser kann er bis heute nicht verstehen. „Die Krise wird auf dem Rücken des Mittelstands ausgetragen“, sagt er.

Trotz Corona: Bürger halten Brauerei die Treue - so viel Flaschenbier verkauft wie noch nie

Aber trotz allem gibt es auch gute Nachrichten. „Die Menschen in der Region halten uns die Treue“, sagt Maerz. Das ist für ihn das einzig Gute, das Corona bewirkt: „Dass die Menschen gspannen, wie abhängig man von der Regionalität ist und dass der Global-Player-Schmarrn mal aufhört. Das ist ein Hoffnungsschimmer, den wir haben.“ Es gibt erste vielversprechende Anzeichen. Die Brauerei hat heuer so viel Flaschenbier verkauft wie noch nie. Die Menschen haben ihr liebstes Reutberg-Bier einfach daheim auf der Couch getrunken anstatt beim Wirt.

Das Problem ist nur: Flaschenbier ist viel teurer in der Herstellung. „Am meisten verdient man mit Tankbier“, sagt Maerz. „Wenn ich 43 Hektoliter auf einmal in den Tank reindrücke und fahr den zu einem Fest und die trinken mir den aus. Schöner geht es ja gar nicht.“

Ewig her, diese Zeiten. Bestimmt acht Monate. Damals haben sie die letzte große Sause mit Bier beliefert, das Starkbierfest in Vaterstetten. Aber man kann es auch so sehen: Auf dem Reutberg wird seit fast 350 Jahren Bier gebraut. Der Bierberg hat Kriege und Krisen überstanden.

Trotz Corona: Bierbrauer blickt positiv in die Zukunft

Vor über 30 Jahren wollte ein Münchner Biergigant die damals verschuldete Brauerei schlucken. Doch die Klosterbrauerei gibt es noch immer. Da braucht es schon ein bisserl mehr als ein tödliches Virus, um diesen Betrieb in die Knie zu zwingen.

Die 18-Jährige Lisa Ilg aus Moosham gehört zu den wenigen Frauen, die eine Ausbildung zur Brauerin und Mälzerin machen. Beim Tölzer Mühlfeldbräu geht sie seit September mit Begeisterung dem Handwerk nach.

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(Von Stefan Sessler)

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