Viele kritische Fragen und Anmerkungen: Zwei Stunden lang diskutierte Ministerin Michaela Kaniber (2. v. re.) mit Landwirten aus dem Oberland. Mit dabei Bundestagsabgeordneter Alexander Radwan (re.) und Landtags-Abgeordneter Martin Bachhuber (3. v. re.).
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Viele kritische Fragen und Anmerkungen: Zwei Stunden lang diskutierte Ministerin Michaela Kaniber (2. v. re.) mit Landwirten aus dem Oberland. Mit dabei Bundestagsabgeordneter Alexander Radwan (re.) und Landtags-Abgeordneter Martin Bachhuber (3. v. re.).

Verbot von Anbindeställen und Zuchtvieh-Export: Bauern diskutieren mit Ministerin Kaniber

Bauern diskutieren mit Ministerin Kaniber: „Der Landwirtschaft fehlt die Perspektive“

  • Patrick Staar
    VonPatrick Staar
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Landwirte aus der ganzen Region diskutierten mit Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber im Klosterbräustüberl in Reutberg. Die Themen waren brisant.

Bad Tölz-Wolfratshausen – „Wir brauchen den Ausstieg aus der ganzjährigen Anbindehaltung, und zwar so schnell wie möglich.“ Mit dieser Ankündigung sorgte Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber kürzlich für reichlich Aufregung bei den Bauern im Landkreis. Die Aufregung war so groß, dass der Landtagsabgeordnete Martin Bachhuber die Landwirtschaftsministerin bat, sich einer Diskussionsrunde mit den Landwirten zu stellen. Die sparten am Freitagvormittag im Klosterbräustüberl Reutberg nicht mit klaren Worten.

Eine Zuhörerin merkte an, dass heutzutage kein junger Bauer mehr auf die Idee komme, einen Anbindestall zu bauen. Sie hätte sich eine klare Aussage gewünscht, dass die bestehenden Anbindeställe in einer Übergangsphase weiter genutzt werden dürfen. Ein anderer stellte fest: „Auf einer Alm kann man unmöglich einen Laufstall bauen. Es ist ganz, ganz wichtig, dass man da die Kombi-Tierhaltung beibehält.“ Von Kombi-Tierhaltung spricht man, wenn Kühe in Anbindehaltung, teils kombiniert mit Weidegang gehalten werden. Abgesehen davon warnte der Almbauer davor, Anbinde-ställe generell zu verteufeln. Die Kühe lebten dort gesünder: „Da gibt es keine Rangkämpfe, und die Kühe müssen nicht die ganze Zeit in ihrem Scheißdreck rumsteigen.“

Zahl der Bauernhöfe und der Tiere geht zurück

Der Peißenberger Bernhard Heger sieht das Problem grundsätzlicher: „Der Landwirtschaft fehlt die wirtschaftliche Perspektive.“ 80 Prozent der Bauernhöfe könnten ohne Zuschüsse und Nebeneinkünfte nicht überleben: „Auf der einen Seite soll man die Viecher gescheit betreuen, und auf der anderen Seite soll man ein Nebeneinkommen generieren. Die nächste Generation hat deshalb oft die Schnauze voll.“ Er selbst kämpfe nebenbei noch für seinen Berufsstand, „und das treibt einen dann oft über seine Grenzen hinaus“. Es gehe nicht nur um Zuschüsse, sondern um politische Verlässlichkeit. Der Bau eines neuen Stalls koste rund eine Million Euro: „Nach fünf Jahren, noch bevor er abbezahlt ist, gibt es schon wieder neue Richtlinien – noch mehr Tierwohl, noch mehr Nachhaltigkeit.“ Der Stundenlohn eines Landwirts in Europa liege durchschnittlich bei 2,50 bis acht Euro: „Das kann doch nicht sein.“ In der Nutztierhaltung gebe es einen Wandel, entgegnete Kaniber. Die Zahl der Bauernhöfe und der Tiere gehe zurück. Es sei seit 40 Jahren klar, dass Anbindehaltung ein Auslaufmodell ist, die Einstellung der Menschen zu den Themen Verbraucherschutz und Tierwohl habe sich geändert. Gegen Kombi-Tierhaltung spricht aus ihrer Sicht gar nichts: „Ich bin eine Beschützerin der Kombi-Tierhaltung. Gerade im Alpenraum ist das eine Möglichkeit, hervorragende Milch zu produzieren.“

Exportverbot von Zuchtvieh

Kaniber äußerte sich auch zum angestrebten Exportverbot von Zuchtvieh in Drittstaaten außerhalb der EU. Man könne davon ausgehen, dass dieses Verbot europaweit bald gilt. Sie empfahl den bayerischen Landwirten, nicht auf das Verbot zu warten, sondern freiwillig auf den Export zu verzichten – nur so sei eine finanzielle Entschädigung möglich. Abgesehen davon will sie die Forschung in den Embryo-Transfer vorantreiben. Dies ist eine Technik, bei der Embryonen von Säugetieren künstlich in eine Gebärmutter eingebracht werden.

„In der Praxis funktioniert das nicht“, merkte ein Vertreter des Miesbacher Zuchtviehverbands an. Er erinnert sich: „Bei einer Lieferung in die Ukraine hat das reinste Chaos geherrscht.“ Deshalb habe sich auch noch kein Markt dafür entwickelt. Er fürchtet, dass bei einem Exportverbot in Drittstaaten die Preise in den Keller fallen – ähnlich wie bei anderen Exportstopps in der jüngeren Vergangenheit.

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