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Gratulation am Wahlabend: Hans Schneil (re.) mit seinem Nachfolger als Sachsenkamer Bürgermeister Andreas Rammler.

Kommunalpolitiker Hans Schneil

Interview mit Sachsenkams ehemaligem Bürgermeister:  Das Handy bleibt jetzt einfach liegen

  • Patrick Staar
    vonPatrick Staar
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Fast ein halbes Jahrhundert hat Hans Schneil die Politik in der Gemeinde Sachsenkam geprägt. Jetzt hat sich der Bürgermeister in den Ruhestand verabschiedet.

Sachsenkam – Erst war er 30 Jahre Gemeinderat, dann zwölf Jahre Bürgermeister. Das Dorf hat sich in dieser Zeit gewaltig entwickelt, die Einwohnerzahl hat sich fast verdoppelt. Während seiner Amtszeit gab es viele Hoch- und Tiefpunkte: Die Flüchtlingskrise, der Streit ums Kloster Reutberg, der Bau des Kindergartens. Im Gespräch mit Kurier-Mitarbeiter Patrick Staar zieht Schneil Bilanz über sein Leben in der Gemeindepolitik.

Herr Schneil, Ihr Vorgänger Max Gast war zwölf Jahre Gemeinderat und 30 Jahre Bürgermeister, sie waren 30 Jahre Gemeinderat und zwölf Jahre Bürgermeister. Was ist so schön an der Arbeit in Sachsenkam, dass man davon nicht mehr loskommt?

Schön? Na ja, es war überhaupt nicht meine Absicht, dass ich Bürgermeister werde. Ich kann mich noch ganz genau erinnern: 2006, kurz vor Leonhardi, sind der 1. und der 2. Bürgermeister auf mich zugekommen. Ich war völlig überrascht und habe mich gefragt, was sie wohl von mir wollen. Ich war seit 1976 Wasserwart der Gemeinde und habe mich gefragt, ob ich irgendwas verbockt habe. Und dann fragen sie mich, ob ich als Bürgermeister kandidieren will.

Ihre Reaktion?

Ich habe gesagt: Spinnt ihr? Dann haben sie zu mir gesagt: Du bist schon lange dabei, du passt zum Ort. Also habe ich es mir überlegt. Ein halbes Jahr später habe ich zugesagt. Ich hatte Leute in meinem Landmaschinen-Geschäft, die meine Arbeit übernehmen konnten, das ging dann schon.

Wie hat sich Sachsenkam verändert, seit Sie das erste Mal in den Gemeinderat eingezogen sind?

Wir hatten anfangs 750 Einwohner, jetzt sind es 1350.

Wie kam es zu diesem starken Wachstum?

Wir hatten anfangs keinen Kanal. Da war es nicht einfach, Baugenehmigungen zu kriegen. Als der Kanal kam, sind viel mehr Häuser gebaut worden. Die jungen Leute sind im Ort geblieben und haben gebaut – meist Doppelhäuser. So sind Fremde in den Ort gekommen. Sie sind gerne geblieben und wurden Einheimische. Sachsenkam ist ein liebenswertes Dorf. Wir haben das Kloster und den Kirchsee.

Stichwort Kloster: Bedauern Sie, wie die Verhandlungen gelaufen sind?

Ich bedauere, dass es nicht wie gewünscht gelaufen ist. Der Freundeskreis und die Sachsenkamer Gruppe hätten etwas bewegen können, wenn das Ordinariat ein bisschen mitgespielt hätte. Die Gespräche liefen nicht auf Augenhöhe ab, deshalb sind wir nach Rom gefahren und haben versucht, andere Lösungen zu finden. Rom hat gesagt, dass eine Kommissarin herkommt. Das war gut. Aber mit der Entwicklung jetzt bin ich nicht zufrieden. Mit der Renovierung geht nichts vorwärts – schade. Keine Ahnung, wie es da weiter geht. Ich hatte länger keinen Kontakt mehr, und meine Zeit ist vorbei.

Hat die Flüchtlingskrise auch dazu beigetragen, dass Sie nun ein paar graue Haare mehr haben?

Am Anfang schon. Die Turnhalle für die Asyl-Bewerber frei machen, die Vereine aussperren… Das war nicht einfach zu vermitteln. Ich muss mich da noch mal beim Ernst Dieckmann und beim Margreiter Toni bedanken, dass sie als Bürgermeister so mitgezogen haben. Wir konnten das Ganze unter der Federführung vom Dieckmann am Kranzer aufziehen. So haben wir die Asylbewerber wieder aus der Turnhalle rausgebracht. Die Mobile Homes waren besser als Container. Sie waren nicht so dicht beieinander, daher war das alles leichter zu bewerkstelligen. Es gab Unterricht, und eine Security hat alles bewacht. Abgesehen von der Lage war es ein optimales Gelände. Ein Dankeschön auch an die vielen Asyl-Helfer.

2013 wurde die Kinderkrippe in Sachsenkam eröffnet. Wie waren die Reaktionen?

Die Leute haben damals gefragt: „Warum braucht ihr eine Krippe?“ Das war nicht so einfach. Aber die Leute sind immer mehr und der Bedarf ist immer größer geworden.

Das größte Projekt in Ihrer Amtszeit war der Bau des Hauses für Kinder. Wie haben die Sachsenkamer darauf reagiert?

Unterschiedlich. Einem Teil der Bevölkerung war klar, dass Bedarf besteht. Das waren die Leute mit Kindern. Klar – diese Menschen haben eine ganz andere Perspektive auf das Projekt als Leute ohne Kinder. Die haben gesagt: „Um Gottes Willen, dieser riesige Bau, diese hohen Kosten, vier Millionen Euro.“ Unter dem Strich war der Kindergarten um 100 000 Euro billiger als der Durchschnitt der Kindergärten mit gleicher Größe in Bayern. Und 300 000 Euro billiger als vergleichbare Kindergärten in Deutschland. Von außen wirkt das Haus wie ein Bauernhof, innen ist es toll und sehr modern eingerichtet. Die Eltern sind begeistert.

Liegt Ihnen das Thema Kinder besonders am Herzen?

Du musst den Kindern was bieten. Sie sind ein wichtiges Gut, die Zukunft der Gemeinde. Wie man sieht, ist der Kindergarten nicht zu groß. Wir haben 75 Kindergartenplätze, 70 sind belegt. In der Krippe haben wir zwei Gruppen mit 24 Kindern. Die Krippe ist so stark belegt, dass wir sogar eine Warteliste haben. Auf der stehen aber keine einheimischen Kinder. Dann haben wir noch eine Schulkind-Betreuung mit 25 Kindern. Das läuft erst an. Bisher waren zehn Kindern dabei, ab September sind es wohl mehr. (lacht) Ich sag’ immer noch „wir“, obwohl ich gar nicht mehr dabei bin.

Welche weiteren Projekte bleiben Ihnen in Erinnerung?

Mit den Feuerwehrhäusern sind wir auf einem guten Stand, die sind während meiner Zeit als Gemeinderat und Bürgermeister zweimal erweitert worden. Wichtig für Sachsenkam war auch der Radweg nach Reutberg. Und ein zweites Standbein für die Wasserversorgung ist auch geschaffen worden.

Hat es während ihrer Amtszeit einen Zeitpunkt gegeben, an dem Sie sich gedacht haben: „Jetzt gibt’s zu viel Ärger, jetzt reicht’s?“

Während der Schneekrise vor eineinhalb Jahren. Da bin ich unter der Gürtellinie angegriffen worden, es gab Anrufe ohne Ende. Auf dem Anrufbeantworter habe ich die Nachricht gekriegt: Wenn ich nicht fähig bin, dass ich den Schnee wegbringe, dann soll ich als Bürgermeister aufhören.

Viele Politiker beklagen, dass die Angriffe immer heftiger werden. Haben Sie das auch festgestellt?

Insgesamt ist das in Sachsenkam nicht so tragisch. Ich bin nicht so oft selbst angegangen worden, eher die Gemeinderäte, die das dann an mich weitergegeben haben. Aber dass der Respekt gegenüber Rettungskräften und Politikern sinkt, das ist schon der Fall. Früher war man eine Respektsperson, heute ist das nicht mehr so. Es ist ja auch gut so, man muss da nicht auf dem hohen Ross sitzen. Aber man macht das ja alles nicht für sich selbst, sondern für die Allgemeinheit. Und vieles wird einem vorgegeben.

Was hat Sie bewogen, immer wieder weiter zu machen?

Der Gemeinderat hat immer super gearbeitet. Die Entscheidungen waren nicht immer einstimmig, klar. Aber die Räte sind hinter den Beschlüssen gestanden und haben vieles angestoßen.

Welche Projekte hätten Sie in Ihrer Amtszeit gerne noch verwirklicht?

In der Turnhalle müsste man die Heizung sanieren. Ich hätte gerne eine Fotovoltaik-Anlage gebaut. Das ging nicht. Billige Wohnungen gibt es in Sachsenkam nicht, das hat die Gemeinde nicht im Kreuz. Wir haben ja auch keine eigenen Baugebiete. Für Obdachlose bräuchten wir auch Wohnraum.

Wie wird es in Sachsenkam Ihrer Meinung nach weitergehen?

Wegen der Corona-Krise wird die Gemeinde erst mal den Gürtel ein bisschen enger schnallen müssen. Die ganzen Wünsche werden nicht erfüllt werden können. Aber es stehen ja auch keine absolut wichtigen Projekte an.

Wie ließ sich eigentlich Ihr Landmaschinen-Betrieb mit dem Amt des Bürgermeisters vereinbaren?

Den Betrieb hatte ich bis 2017. Dann habe ich ihn aufgegeben und verkauft. Einen Nachfolger hatte ich nicht. Mein Sohn hat was anderes gemacht. 2003 hatte er dann einen Verkehrsunfall und ist seitdem querschnittsgelähmt. 2017 haben wir ein barrierefreies Haus in einer schönen Lage gebaut.

Wie sah es während Ihrer Amtszeit mit Urlaub machen aus?

Da sah es wegen dem Geschäft nicht so gut aus. Auch im Urlaub habe ich die E-Mails angeschaut, richtig abschalten konnte ich nie. Das geht als Bürgermeister nicht. Als Bürgermeister ist man immer eingespannt.

Ist es ein Traumjob?

(Überlegt) Man kommt in das Fahrwasser rein. Man ist im Gemeinderat, es macht Spaß, man kann was bewegen. Man hat was von der Ortschaft und möchte was zurückgeben. Das hat mir schon gefallen. Sonst hätte ich auch kein zweites Mal kandidiert. Aber irgendwann reicht es, ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste. Ich bin 73, da muss es mal ruhiger werden. Irgendwann ist deine Zeit vorbei, und du hattest nichts vom Leben.

Wie hat sich Ihr Leben seit ihrem Rückzug aus der Politik verändert?

Es ist ruhiger, ich werd nicht mehr gehetzt, ich bin freier. Ich muss in der Früh nicht mehr aufs Handy schauen, ob ich eine E-Mail gekriegt habe oder ob ein Anruf drauf ist. Das Handy liegt jetzt auf meinem Schreibtisch. Mittags oder abends schau ich vielleicht mal drauf. Jetzt habe ich es schön, ich konnte sogar mit dem Radl zu unserem Interview-Termin fahren.

Was sagt Ihre Frau dazu, dass Sie nun plötzlich mehr daheim sind?

Mei, ich muss halt was arbeiten (schmunzelnd).

Müssen Sie auch kochen?

Nein, ein Koch bin ich nicht. Das hab’ ich noch nie gekonnt. Eher abtrocknen, die Spülmaschine einräumen, mit dem Staubsauger rumroasen, einkaufen ...

Wie nutzen Sie nun Ihre Freizeit?

Ich hab’ daheim Arbeiten gemacht, die ganzen Bänke abgeschliffen und lackiert. Für meine Frau habe ich einen Schrank gebaut. Da kann sie ihren Gärtnereibedarf reinstellen. Ich gartle ein bisschen mit ihr. Ich hab’ einfach mehr Freizeit. Ich lese den Tölzer Kurier in der Früh nun ausgiebiger. Und ich schau in Bücher rein, zum Beispiel in das Buch über Sachsenkam, das gerade aufgelegt worden ist. Da hat meine Frau auch mitgemacht.

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