+
Klösterliche Landwirtschaft: Bis vor Kurzem standen noch die Rinder auf den Weiden am Reutberg. Der Orden will aber die Mutterkuhhaltung und die Schafzucht aufgeben.

Erneut Unterschriftensammlung

Kloster Reutberg: Geht das Vieh oder die Oberin?

  • schließen

Auf dem Reutberg braut sich was zusammen. Knapp ein Jahr nach der überraschenden Entscheidung des Vatikans, das Kloster nicht aufzulösen, herrscht helle Aufregung. 

Sachsenkam – Wenn Johanna Portisch in ihrem Lebensmittelladen in Sachsenkam mit Einheimischen spricht oder ihr Mann Harald mit Kunden seiner Bau- und Möbelschreinerei, dann kommt beiden die Galle hoch. Was ihnen in diesen Tagen von vielen Seiten zugetragen wird, hat sie zu einer Unterschriftenaktion veranlasst. Die mittlerweile 300 Unterstützer sprechen sich darin für den Erhalt der ökologischen Landwirtschaft am Kloster aus. Dazu zählen bislang gut 40 Rinder in Mutterkuhhaltung und 15 Schafe und Lämmer. Damit könnte bald Schluss sein.

„Schwester Benedicta will die Tiere verkaufen lassen und hat zudem der zuständigen Landwirtschaftsmeisterin gekündigt“, hat Johanna Portisch von Sachsenkamern gehört. „Diese fleißige Frau Frau hat fast 20 Jahre die Landwirtschaft am Reutberg vorbildlich geführt“, sagt Johanna Portisch. „Jetzt will Schwester Benedicta die Frau rausschmeißen.“ Das sei ein Rachezug der neuen Kommissarin, hört man im Dorf. Das letzte Wort ist allerdings noch nicht gesprochen. Für kommende Woche ist ein sogenannter Gütetermin im Arbeitsamt angesetzt.

Unterschriftensammlung für Erhalt der ökologischen Landwirtschaft am Kloster Reutberg

Inzwischen überschlagen sich die schlechten Nachrichten am Reutberg. Wie das Ehepaar Portisch gehört hat, sollen auf dem rund 43 Hektar großen Grünland künftig Ochsen aufgetrieben werden. Das Pikante dabei: Die Tiere gehören offenbar einem Mann, der für das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Holzkirchen arbeitet – und für das Kloster Reutberg in beratender Funktion tätig ist. „Diese Nebentätigkeit ist von uns abgesegnet“, sagt AELF-Chef Rolf Oehler auf Nachfrage.

Auf seinem Tisch liegt seit Tagen eine Stellungnahme, die das „Grüne Zentrum“ auf Wunsch von Schwester Benedicta erstellt hat. Einblick in diese amtliche Einschätzung der wirtschaftlichen Seite der klösterlichen Landwirtschaft haben nur das AELF und das Kloster als Auftraggeber. „Da gehen keine Daten an Dritte“, erklärt Oehler. Die vom Amt erarbeitete Grundsatzberatung beruhe auf den Daten, „die uns das Kloster zur Verfügung gestellt hat“. Die Arbeit habe sich etwas hingezogen. Das Kloster hatte bereits im Winter vergangenen Jahres angefragt. Aber nun sei das Protokoll fast fertig.

Forderung zum Kloster Reutberg: „Schwester Benedicta, packen Sie die Koffer!“

„Eine Mutterkuhhaltung passt eigentlich ganz gut zum Kloster“, bestätigt Oehler auf Nachfrage. Aber auch Ochsen könnten auf dem Grünland grasen. Für die gebe es allerdings keine staatlichen Zuschüsse, wie für die bislang am Reutberg gehaltenen seltenen Pinzgauer Rinder oder die ebenfalls nur vereinzelt gezüchteten Coburger Schafe. Eine Pensionspferdehaltung, über die neuerdings auch in Sachsenkam gemunkelt wird, schließt Oehler allerdings aus. Und in einem weiteren Punkt ist er sich auch sicher: „Es bleibt auf alle Fälle Grünland.“

Übergabe vor dem Sachsenkamer Rathaus: (v. li.) Johanna und Harald Portisch überreichen die Unterschriftenlisten an Bürgermeister-Stellvertreter Hans Huß.

So auskunftswillig das „Grüne Zentrum“ ist und so gesprächsbereit, wie sich viele Sachsenkamer geben, sind längst nicht alle Beteiligten. Schwester Benedicta Tschugg hat mehrere Interviewwünsche – auch schriftlich gestellte – abgelehnt. Nach Einschätzung der Ordensfrau handelt es sich nämlich dabei um „interne Angelegenheiten“. Sie lässt den Tölzer Kurier wissen: „Wir kommen auf Sie zu, wenn uns der richtige ,Stoff’‘ und die richtige Zeit gegeben scheint.“

Schwester Benedicta hat im Ort die umfassende Unterstützung für Kloster Reutberg verloren

Viel Unterstützung haben die Schwestern bisher von der 2017 gegründeten Sachsenkamer Gruppe erfahren. Sie hatte ein Positionspapier zur möglichen Zukunft des Klosters erarbeitet und im (damals noch zuständigen Münchner Ordinariat) übergeben. Im Sommer 2018 überreichte die Gruppe 12.000 Unterschriften von Unterstützern, die sich für den Erhalt des Klosters aussprachen. Noch Anfang November 2018feierte die Gruppe die in Rom getroffene Entscheidung und die Berufung von Schwester Benedicta Tschugg an den Reutberg.

„Die Rettung des Klosters und das Ziel eines Seelsorgezentrums finden die meisten in Sachsenkam wohl nach wie vor richtig.“ Die vom Vatikan eingesetzte Apostolische Kommissarin werde in der Zwischenzeit teils recht kritisch gesehen. Das belegen auch die jetzt gesammelten Unterschriften“, heißt es auf Nachfrage bei der Sachsenkamer Gruppe. Man bedauere die Entwicklung. „Wir betrachten von außen mit Sorge, dass die aktuelle Situation Neueintritte vermutlich eher abschreckt als anzieht.“

Lesen Sie auch: Dunkle Wolken über dem Kloster.  „Kein Seelsorgezentrum, und Missionare der Heiligen Familie wollen nicht mehr nach Reutberg kommen“

Schwester Benedicta hat in nur einem Jahr Amtsausübung die umfassende Unterstützung für das Kloster verloren, sagt ein Mitglied der Gruppe, der nicht namentlich genannt werden möchte. „Das aktuelle Verhältnis ist leider historisch einzigartig schlecht.“ Mit Bedauern stellt er mittlerweile fest: Obgleich die Schwestern während ihrer eigenen Rettung sehr viel Barmherzigkeit erfahren haben, scheinen sie nun nicht bereit, anderen dasselbe zuteil werden zu lassen.

Harald Portisch hat eine klare Meinung zu den Vorgängen am Reutberg: „Schwester Benedicta packen Sie ihre Koffer und verlassen Sie das Kloster!“

Lesen Sie auch: Einen ganz anderen Weg in die Zukunft bestreitet das Kloster Schlehdorf, wo unter anderem WGs entstehen sollen.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Tölzer Schenkräumchen: Die Helfer brauchen Hilfe
An Kunden mangelt es dem Tölzer „Schenkräumchen“ genauso wenig wie an Ware. Es fehlen aber Ehrenamtliche, die helfen, den Andrang und die Flut an gebrauchten Dingen in …
Tölzer Schenkräumchen: Die Helfer brauchen Hilfe
Tölz live: Tipps gegen Langeweile und Vorschau auf Dienstag
Kleiner Blechschaden da, großer Stau dort, eine Gewitterfront zieht an, ein tolles Konzert startet in Kürze. Hier gibt‘s unseren Newsblog direkt aus der Redaktion.
Tölz live: Tipps gegen Langeweile und Vorschau auf Dienstag
Kommunalwahl 2020: 24 Bichler wollen in den Gemeinderat
Bei der Kommunalwahl am 15. März 2020 gibt es in Bichl wieder eine gemeinsame Liste fürs Dorf. 24 Kandidaten stehen zur Auswahl. 
Kommunalwahl 2020: 24 Bichler wollen in den Gemeinderat
Krug für 10.000 Euro: Flohmarkt-Besucher macht Mega-Fund - und begeht beim Weiterverkauf Riesenfehler
Ein Tölzer hat den Wert von einem Flohmarkt-Schnäppchen erst entdeckt, als er es bei Ebay schon verkauft hatte. Ein Fall für das Landgericht München II.
Krug für 10.000 Euro: Flohmarkt-Besucher macht Mega-Fund - und begeht beim Weiterverkauf Riesenfehler

Kommentare