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Rege Debatten über Agrarpolitik: Auf Einladung des Grünen-Ortsverbands Sachsenkam/Reichersbeuern/Greiling diskutierte die Landtagsabgeordnete Gisela Sengl (li.) im „Reutbergstüberl“ mit zahlreichen Interessierten.

„Runder Tisch Artenvielfalt“

Grüne diskutieren über Agrarpolitik: Lieber Tierwohl und Bio als Billigware

Am „Runden Tisch Artenvielfalt“, zu dem die Grünen nach Sachsenkam geladen hatten, war man sich einig: In der Agrarpolitik ist vieles aus dem Gleichgewicht. 

Sachsenkam In den zurückliegenden Jahrzehnten lief in der Agrarpolitik viel in die falsche Richtung: Darüber waren sich die zahlreichen Anwesenden beim „Runden Tisch Artenvielfalt“ im Reutberger „Klosterbräustüberl“ ziemlich einig. Die Bauern seien auf Größe, Hochtechnisierung, Spezialisierung und Spitzenleistung getrimmt worden. Als Folge sei vieles aus dem Gleichgewicht geraten, stellte Gisela Sengl, agrarpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, fest. Außerdem waren ihr Fraktionskollege Hans Urban aus Eurasburg, BBV-Kreisobmann Peter Fichtner und Demeter-Landwirt Klaus Mair aus Münsing der Einladung gefolgt.

Hoher Flächenverbrauch, monotone Anbauformen, ein in den vergangenen 40 Jahren verdreifachter Fleischverzehr, eine große Menge Lebensmittel, die in der Mülltonne landen, und industrielle Lebensmittelproduktion: All dies sind laut Sengl Faktoren, die zur Klimakrise beitragen.

Für Artenschutz: „natürliche Unordnung im Garten akzeptieren“

Mit den Forderungen des Volksbegehrens zur Artenvielfalt seien natürlich nicht nur die Bauern angesprochen gewesen, stellte Sengl klar. „Auch Staat, Kommunen und Privatleute müssen was tun.“ Dazu gehörten der ökologische und regionale Einkauf und die Akzeptanz einer gewissen „natürlichen Unordnung im Garten.“ Man brauche mehr Bildung in Kitas und Schulen sowie – als „große Stellschraube“ – eine Umstellung auf Bio und mehr Regionalität bei der Gemeinschaftsverpflegung. „Damit ließe sich die ökologische Produktion ausweiten.“

Im landwirtschaftlichen Bereich müssten die Weichen bei den Agrarzahlungen anders gestellt werden. Anstatt einer allen zukommenden Flächenförderung dürfe es nur noch Zahlungen für diejenigen Betriebe geben, die Verantwortung für Tiere, Klima, Artenvielfalt, Wasser- und Bodenschutz übernehmen. Infolge höherer Produktionskosten müssten dann auch die Nahrungsmittel teurer werden.

„EU-Fördergelder waren immer auf billige Lebensmittel ausgerichtet“

Kreisobmann Fichtner wies darauf hin, dass alle aktuellen Fakten das Ergebnis jahrzehntelangen Taktierens von Politik und Wirtschaft seien: „Das Fördersystem war immer danach ausgerichtet, dass die Lebensmittel billig sind und die Leute sich noch manch anderes leisten können.“ Es gebe Bauern, die auf Bio umstellen wollten, aber keine Molkerei fänden, die ihre Milch abnimmt – weil es an entsprechendem Absatz mangele, kam ein Einwurf aus der Besucherrunde. Die Bio-Nachfrage müsse sich entwickeln, und dies brauche Zeit, so die Erfahrung von Demeter-Bauer Mair.

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Fehlgeleitet sei die negative Bewertung der Anbindehaltung, lautete eine andere Wortmeldung: „Da werden die Verbraucher regelrecht aufgehetzt. Laufstall ist nicht gleich Tierwohl, Tierwohl kommt auf den Bauern an.“

Scharfe Kritik an der Düngeverordnung

Als Unding betrachten die Bauern die Düngeverordnung. Die Gülle-Ausbringung mit kieslaster-schweren Fahrzeugen auf hiesigen Klein- und Hangflächen sei nicht praktikabel. Überdies blieben mit dem Schleppschlauch-System bei ungünstigem Wetter Dünger-Rückstände auf dem Gras. Sengl räumte ein, dass man zur Senkung der Nitrat-Belastung anstatt einer generellen Vorschrift besser bei den Hotspots hätte ansetzen sollen.

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Aus dem Zuhörerkreis kam die Anregung, künftig wieder mehr dezentral zu agieren – etwa beim Schlachten – sowie der Rat an die Bauern, sich zusammenzutun, um etwa die Politik aufzufordern, „die Großkonzerne etwas einzubremsen“. Ein Dorn im Auge ist Sengl die große Discounter-Dichte, die den Kauf regionaler Produkte beeinträchtige: „Warum geht ihr nicht zu euren Kommunen, die genehmigen die Ansiedlung von Aldi und Co.“

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Bei all diesen Problemen vermisse er auf Bundesebene seit Langem ein stärkeres Engagement des Bauernverbands für die kleineren Höfe, so eine weitere Stimme. Fichtners Antwort: „Weil wir mit unseren kleinen Strukturen eine Minderheit sind.“

Rosi Bauer

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