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Publikumsmagnet in der Turnhalle: Pater Anselm Grün bei der Signierstunde im Gespräch mit einem Zuhörer. Dahinter Provinzoberin Schwester Francesca Hannen (li.) und Herbert Konrad vom Katholischen Kreisbildungswerk. 

Vortrag in Schlehdorf

Anselm Grün: Auf Bildersuche mit dem göttlichen Kind

Innere Kraftquellen neu erschließen, um daraus leben zu können – in Zeiten von Burn-out ein populäres Thema. Aber vor allem der besondere Referent lockte am Mittwochabend 220 Zuhörer in die Turnhalle der Schlehdorfer Realschule: Der Benediktinerpater Anselm Grün, eingeladen vom Kloster Schlehdorf und dem Kreisbildungswerk Bad Tölz-Wolfratshausen, sprach über kirchliche Feste und Rituale als heilende Quellen.

Schlehdorf – Er schreitet mit Elan voran, aber wenn er spricht, ist er alles andere als ein Eiferer. Nach der Promotion in Theologie studierte er Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaft. 36 Jahre lang leitete er als Cellerar, also als wirtschaftlicher Leiter, das Kloster Münsterschwarzach. Pater Anselm wirkt ruhig. Was er aber sagt, wirkt bei seinen Zuhörern bis ins Innerste. Er begleitet als Seelsorger unzählige Menschen und ist Autor von millionenfach verkauften Büchern. „Seelsorge bedeutet, stockende Lebensläufe wieder zum Fließen bringen“, definiert es der 72-Jährige.

„Wenn mir erschöpfte Menschen sagen, sie hätten zu viel gearbeitet, sag ich ihnen, das glaube ich nicht“, begann der 72-Jährige mit ruhiger Stimme. „Ich antworte: Du hast aus trüben Quellen geschöpft.“ Grün versteht darunter Perfektionismus; den Vorstellungen anderer entsprechen wollen; Selbstzweifel. Eine im Beruf hoch erfolgreiche Frau erfuhr von ihren Eltern nie liebevolle Zuwendung. „Wenn sie durch die Straßen ging, bekam sie Panik: ,Die anderen denken, ich bin nicht gut genug.‘ Sie verriet mir, dass sie als Kind Zoodirektorin werden wollte, neben sich einen Bären und einen Löwen als Begleiter. Dieses Bild half ihr weiter“, endete Pater Anselm eine seiner Schilderungen.

Eine Moralpredigt drücke die Menschen nieder, aber sie könnten sich aufrichten, wenn sie nicht mehr gegen ihre inneren, heilenden Bilder kämpften.

Das Kirchenjahr habe therapeutische Wirkung, erklärte der Pater. Im Advent und an Weihnachten seien alle eingeladen, das göttliche Kind, die heilsame Quelle im Innern und in der Stille zu finden, so Grün. „Kinder gehen dorthin, wo es ihnen gut geht. Ich frage Hilfesuchende: Was hast du zuletzt getan, damit es dir gut ging?“, berichtete Pater Anselm.

Im Vaterunser, einem rituellen Gebet, nehme man nicht nur Teil an der Glaubenskraft der Vorfahren, sondern darin stecke zum Beispiel der Grundsatz der Vergebung: „Damit auch wir vergeben unsern Schuldigern, damit wir nicht verbittern“, erklärte der Theologe. Eine der Quellen sei auch Langmut: „Ein weites Herz lässt andere Menschen sein, wie sie sind, und es regt sich nicht auf. Das spart Energie.“

Mit seiner Authentizität gewann Pater Anselm die Zuhörer im Loisachtal. Deshalb erhoben sich am Ende auch wirklich alle Gäste in der Schlehdorfer Turnhalle, um mit gekreuzten Armen vor der Brust seinem Abendgebet zu folgen.

Birgit Botzenhart

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