Mit oder ohne Maske: Der Gasthof Fischerwirt in Schlehdorf sorgt für Diskussionen.
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Mit oder ohne Maske: Der Gasthof Fischerwirt in Schlehdorf sorgt für Diskussionen.

„Außergewöhnlicher“ Fall in Oberbayern

Verstoß gegen Corona-Auflagen: Wirt kassiert mehrere Anzeigen - und sorgt für heftige Diskussionen im Netz

  • Christiane Mühlbauer
    vonChristiane Mühlbauer
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Weil ein Wirt gegen die Corona-Maßnahmen verstieß, erhält er Anzeigen vom Landratsamt. Die Polizei spricht von einem „außergewöhnlichen“ Fall in Oberbayern.

  • Wegen Verstößen gegen die Corona-Maßnahmen hat das Tölzer Landratsamt mehrere Anzeigen gegen den „Fischerwirt“ in Schlehdorf erlassen.
  • Die Wirtsleute haben Einspruch eingelegt.
  • Gäste berichten im Internet unter anderem von Anti-Corona-Flyern auf der Toilette und einem Text gegen Corona-Maßnahmen in der Speisekarte.
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Schlehdorf - Der Gasthof Fischerwirt in Schlehdorf hat in diesen Tagen mehrere Bußgeldbescheide vom Tölzer Landratsamt bekommen. Wie die Behörde auf Nachfrage bestätigt, handelt es sich um den Vorwurf von Verstößen gegen das Infektionsschutzgesetz.

Wegen Verstößen gegen Corona-Auflagen: Gasthof in Schlehdorf erhält mehrere Anzeigen

Nach Auskunft von Behörden-Sprecherin Sabine Schmid sind in jüngster Zeit „mehrere Anzeigen aus den verschiedensten Richtungen“ eingegangen. Das Landratsamt als zuständige Rechtsaufsichtsbehörde leitete daraufhin ein Anhörungsverfahren ein, sprich, die Wirtsleute wurden gebeten, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen.

Das taten sie laut Schmid über einen Anwalt. Dessen Darlegungen waren aus Sicht des Landratsamts aber nicht ausreichend begründet, so dass die Behörde an den Bußgeldbescheiden festhielt. Der Wirtsleute-Familie Adams droht ein Bußgeld von jeweils bis zu 5000 Euro.

Gasthof in Schlehdorf verstößt gegen Corona-Maßnahmen: Wirte legen Einspruch ein

Die Ermittlungen führt die Polizei Kochel. Laut dem stellvertretenden Inspektionsleiter Frank Bentz waren in den vergangenen Monaten verschiedene Verstöße gegen die Hygiene-Auflagen im „Fischerwirt“ zur Anzeige gebracht worden. Die Beamten hätten sich mehrmals auch selbst ein Bild vor Ort gemacht. Die Verstöße wurden gesammelt ans Landratsamt weitergeleitet. Auch das Innenministerium wurde über den Gasthof informiert.

Pressesprecher Martin Emig vom Polizeipräsidium Oberbayern berichtet von vier Ordnungswidrigkeitsanzeigen. Das Tölzer Landratsamt selbst nennt keine Zahl. Für Emig ist der Fall „Fischerwirt“, bezogen auf die Corona-Gastronomie-Situation in ganz Oberbayern, „außergewöhnlich“.

Gastronomie in Corona-Pandemie: „außergewöhnlicher“ Fall in Schlehdorf - Polizei ermittelt

Auf eine schriftliche Anfrage unserer Zeitung antwortet Wirtin Michaela Wagner-Adams, es seien zwei Bußgeldbescheide eingegangen. Dagegen habe man Einspruch eingelegt, die Sache gehe somit weiter ans Gericht. „Bis dahin gilt die Unschuldsvermutung.“ Auch sie seien, so Wagner-Adams weiter, Anfang des Jahres durch die Berichterstattung zu Corona „in Angst und Schrecken versetzt worden“: „Wir begannen, eigene Recherchen anzustellen und stießen auf die Arte-Dokumentation ,Profiteure der Angst‘.“

Seither falle ihnen auf, dass zu „brisanten Themen kein öffentlicher Diskurs stattfinde“: „Dies halten wir für eine bedenkliche Entwicklung und leisten unseren Beitrag, um wieder miteinander ins Gespräch zu kommen.“ Zudem wolle man in ihrem Gasthaus allen Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen keine Maske trügen, einen „geschützten Raum bieten, stets innerhalb des gesetzlichen Rahmens“, sagt die Wirtin.

Wirtsleute stellen auf Homepage ihre Sicht der Corona-Pandemie dar - „wirklichkeitsfremd“

Die Wirtsleute des „Fischerwirts“ führten bis vor Kurzem auf ihrer Homepage eine Art Blog, in dem sie ihre Sicht auf die Corona-Pandemie darstellten. Darin hieß es unter anderem, die „aufgezwungenen Maßnahmen“ seien „wirklichkeitsfremd“.

Bei den Google-Gastronomie-Bewertungen wird der „Fischerwirt“ heftig diskutiert. Gäste wundern sich, dass alle Bedienungen von der Maskenpflicht befreit seien. Beklagt wird auch, dass man in der Speisekarte „in epischer Breite“ einen Text gegen Corona-Maßnahmen finde und „die Werbetrommel für anstehende Corona-Demos gerührt“ werde.

Anti-Corona-Flyer und Plakate würden sich „auf der ganzen Toilette befinden“, wird berichtet. Eine Besucherin schrieb: „Wenn man selbst schon schwer an Covid-19 erkrankt war, ist dies der reine Hohn. Ein Gastwirt darf nicht so mit der Gesundheit seiner Kundschaft umgehen, ganz egal, was er persönlich glaubt.“

Heftige Diskussionen um Gasthof im Internet - Anti-Corona-Flyer auf Toilette, Servicekräfte von Maskenpflicht befreit

Aber es gibt auch unterstützende Stimmen für den „Fischerwirt“: Es sei „sehr angenehm“, dass es „noch Menschen mit Verstand gebe“, schrieb ein Gast. Ein anderer meinte: „Ein großes Lob zu dem Mut, öffentlich Aufklärung über Corona zu betreiben.“ In dem Gasthof erfolge „keine Diskriminierung gegenüber Andersdenken“, so ein anderer.

Eine Dame berichtete – laut Google vor vier Wochen –, dass sie „extra aus München wieder zum Mittagessen gekommen seien“: „Der Laden ist immer richtig gut besucht. Die Gäste sind durchweg für das Weglassen der Maske bei den Servicekräften.“

Die örtlichen Kreisvorstände des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) können das Verhalten der „Fischerwirt“-Betreiber nicht nachvollziehen: „Ich kenne sie als vorbildliche Wirte und Mitglieder im Verband“, sagt Monika Poschenrieder vom Gasthof Walgerfranz in Bad Tölz. „Ich verstehe nicht, warum sie sich jetzt so verhalten.“ 80 Prozent der Gäste, weiß Poschenrieder aus der Zeit vor dem erneuten Lockdown, würden sich an die Auflagen in der Gastronomie halten und diese sinnvoll finden.

Unverständnis beim Hotel-und Gaststättenverband: „Verstehe nicht, warum sie sich jetzt so verhalten“

Ähnlich äußert sich ihr Kollege Christian Bär vom Hotel Alpenhof Murnau. In der Werdenfelser Gastro-Szene sorgt das Lokal in Schlehdorf für Unruhe. „Die Sicherheit der Gäste geht über alles“, sagt Bär, Dehoga-Kreisvorsitzender für den Bereich Garmisch.

„Wir sind hier über 300 Betriebe, und jeder Wirt macht große Anstrengungen, die Hygieneauflagen einzuhalten.“ Ein Betrieb, der so vehement gegen die Auflagen sei und sich öffentlich so deutlich dagegen positioniere, schade der ganzen Branche.

Dehoga-Kreisvorsitzender stellt klar: Wirte aus Schlehdorf schaden mit Verhalten der ganzen Branche

Auch der Schlehdorfer Bürgermeister Stefan Jocher hat schon mit den Wirtsleuten gesprochen. „Sie vertreten resolut ihre Meinung“, sagt er. „Man kann diese ja haben, muss sie aber nicht teilen.“

Wirt verstößt gegen Corona-Auflagen: Bürgermeister möchte sich nicht einmischen

Jeder könne selbst entscheiden, ob er dort essen gehe oder nicht. Jocher weiß, dass einige Stammgäste das Lokal schon meiden. „Anderen Menschen wiederum ist es egal.“ Die Gemeinde Schlehdorf werde sich nicht einmischen, das sei Sache des Landratsamts.

Alle aktuellen Zahlen und Entwicklungen zur Corona-Pandemie im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen lesen Sie hier. Die fünf Gastronomie-Stände in der Marktstraße, die in Bad Tölz einen kleinen Ersatz für den abgesagten Christkindlmarkt bildeten, mussten am Mittwoch schließen.

(Von Christiane Mühlbauer)

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