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„Oikos“-Gründer und Geschäftsführer Martin Schuster (63) ist Lehrer und baute die Montessori-Schule in Starnberg sowie das „Erdkinder“-Projekt nahe Mühldorf auf.

Im Porträt: Martin Schuster

„Fürsorge für das große und kleine Haus“

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Der Verein „Oikos“ bietet in Schlehdorf verschiedene Projekte an. Alle Fäden zusammen laufen bei Martin Schuster.

Schlehdorf– Das Wort „Oikos“ ist im deutschen Sprachgebrauch nicht geläufig – trotzdem mutet es irgendwie vertraut an. „Aus diesem altgriechischen Wort leitet sich zum Beispiel ,Ökologie‘ ab“, erklärt Martin Schuster. Im Altgriechischen bedeute das Wort „Fürsorge für das große und kleine Haus“, sagt Schuster.Der 63-Jährige ist Geschäftsführer des Vereins „Oikos – Haus der Lebenskunst“, der seit vier Jahren in Schlehdorf beheimatet ist und vor zehn Jahren in den HerrmannsdorferLandwerkstätten in Glonn gegründet wurde.

„Oikos“ ist laut Schuster ein gemeinnütziger Verein zur Förderung integraler Bildung und Ökologie. Der Verein sei Träger verschiedener Projekte mit zukunftsweisender, ökologischer Grundlegung, erklärt Schuster, und beheimate die Projekte „Oikos-WG“, „Welt-Familie“ und „Project Peace“. Unter anderem gibt es immer wieder Veranstaltungen mit dem Klostergut oder besondere Filmabende mit dem Kino Kochel, jüngst zum Thema Waffenhandel. Nach dem Dokumentarfilm konnten die Zuschauer diskutieren.

Vor wenigen Tagen haben einige Mitglieder von „Oikos“ die neuen Schlehdorfer Mitfahrbänke gebaut (wir berichteten). Die „Werkstatt“ liegt zwischen zwei Bauernhöfen in der Schlehdorfer Ortsmitte. Sie sind das Zuhause des Vereins – in den Gebäuden befinden sich die Geschäftsstelle, Wohnräume und Unterkünfte von Flüchtlingen, um die sich der Verein im Projekt „Welt-Familie“ kümmert. Dass hier multikulturell gelebt wird, zeigen bunte Fahnenketten, kleine und große Kunstobjekte allerorten sowie die fröhliche Einladung in den „Tanzstadl“ in der ehemaligen Tenne. „Wir fühlen uns hier in Schlehdorf sehr wohl“, sagt Schuster.

Den Verein hat er zusammen mit seiner Frau Anja Kleer gegründet. Schuster stammt aus einer Pfarrersfamilie aus dem Allgäu, studierte Lehramt und Theologie und beschäftigte sich in den 1970er-Jahren intensiv mit den Reformen im pädagogischen Bereich. Er kritisiert, dass die Regelschule den Jugendlichen viel zu wenig Raum lasse, ihre Stärken und Schwächen kennenzulernen und damit keinen Raum zur Entfaltung gebe. „Nach dem Abitur soll man sofort wissen, was man studieren oder beruflich machen will“, bedauert Schuster. Es müsse viel mehr Möglichkeiten für verschiedene Praktika geben, um Berufe kennenzulernen, sagt der 63-Jährige.

Zusammen mit seiner Frau ging Schuster einen anderen Weg. Sie bauten die Montessori-Schule in Starnberg auf und später das „Erdkinder“-Projekt im Landkreis Mühldorf, in dem ganzheitliches und praktisches Lernen in Anlehnung an die Pädagogik von Maria Montessori gelehrt wird. Für beide Projekte hat sich Schuster intensiv mit juristischen und verwaltungsrechtlichen Fragen hinsichtlich Schulgründung und Mitbestimmung, aber auch mit betriebswirtschaftlichen und ganz praktischen handwerklichen Fragen beschäftigt. Er habe, erklärt Schuster seine Motivation, immer wieder Kinder kennengelernt, die ganz besondere Fähigkeiten hätten, aber „mit unserem herkömmlichen Schulsystem nicht zurechtkommen“. Diese zu fördern, ihr eigenes Leben zu finden, treibe ihn und die anderen Vereinsmitglieder von „Oikos“ an, sagt Schuster, selbst Vater einer erwachsenen Tochter und Opa zweier Enkel. Außerdem habe er Freude am Experimentieren und daran, „andere zu begeistern, neue Wege zu gehen“.

In Schlehdorf ist „Oikos“, der sich über Stiftungen und Spenden finanziert, derzeit auf verschiedenen Gebieten aktiv. „Wir sind kein starrer Verein, man muss schauen, was gerade sinnvoll ist“, sagt Schuster. Die jungen Erwachsenen aus der Wohngemeinschaft hätten ihren Weg gefunden, nun stehen die 20 Flüchtlinge im Mittelpunkt, also das Projekt „Welt-Familie“. Das „Oikos“-Team, bestehend aus sieben Aktiven, gibt unter anderem Sprachunterricht und begleitet die Flüchtlinge zu Behörden. Zwei Personen wurden schon Lehrstellen als Koch vermittelt, eine andere Familie interessiert sich für einen Einstieg in die Gastronomie.

Im „Project Peace“ beschäftigen sich Jugendliche mit Friedensarbeit und können sich dabei auch sozial im Ausland engagieren (wir berichteten). Weil es sich laut Schuster großer Beliebtheit erfreut und eigene Räume braucht, zieht Leiterin Adelheid Tlach-Eickhoff ins Allgäu und wird dort einen Verein gründen, der jedoch mit „Oikos“ und dem Schlehdorfer Klostergut weiterhin zusammenarbeiten wird.

Schuster wiederum engagiert sich jetzt beim „Klimafrühling“, einem Projekt der Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen und Garmisch-Partenkirchen. Zudem arbeitet er mit dem Murnauer Künstler Johannes Volkmann zusammen, der im Herbst in Nürnberg eine bundesweite „Konferenz der Kinder“ mitorganisiert. Unter anderem sollen Spielzeugwaffen zu einem Kunstwerk für den Weltfrieden umgestaltet werden. Dieses „Spielzeug“ wollen Volkmann und Schuster in Kürze auch in Loisachtaler Schulen sammeln gehen.

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