Kritik am Vorgehen des Landratsamts bei Umsiedlungen

Flüchtlinge erschrocken, Helfer frustriert

  • schließen

Schlehdorf/Bad Tölz - Zentral statt dezentral: Das ist die vom Freistaat vorgegebene Devise bei der Unterbringung von Asylbewerbern. Im Landkreis werden nun Flüchtlinge aus kleineren Quartieren in die neue Sammelunterkunft am Tölzer Schulzentrum verlegt. Asylhelfer kritisieren dabei ein aus ihrer Sicht rigides Vorgehen des Landratsamts.

„Am Donnerstag um 9.30 Uhr stand ein Räumkommando vor der Tür“, berichtet Asylhelfer Martin Schuster. Die Security-Mitarbeiter hätten eine vierköpfige syrische Familie, die seit gut zwei Jahren in einem früheren Bauernhof in Schlehdorf lebt, aufgefordert, umgehend mit nach Tölz zu kommen. Sie hätten sogar die Sachen der Familie aus dem Haus getragen. Doch die Syrer wollten Schlehdorf um keinen Preis verlassen – um in Bad Tölz zu viert in ein einziges Zimmer zu ziehen. „Die Familie ist hier sehr gut integriert und im Sportverein aktiv. Ein Sohn geht in Benediktbeuern zur Schule, steht kurz vor dem Mittelschulabschluss“, sagt Schuster. Auf die Schnelle schaffte es der Helferkreis, die Familie in einer Ferienwohnung in der Nachbarschaft unterzubringen. Bis 10. Januar kann sie dort bleiben.

Wie die Tochter der Familie – sie lebt inzwischen in Penzberg und macht dort eine Ausbildung – dem Tölzer Kurier schildert, ist die Familie am Boden zerstört und schockiert vom rigorosen Vorgehen der Tölzer Behörde. „Wir hätten nie gedacht, dass es so etwas in Deutschland gibt.“ Asylhelfer Schuster meint: „Bei uns im Helferkreis ist viel Porzellan zu Bruch gegangen. Man strengt sich zwei Jahre an, hat Integrationserfolge – und dann wird den Menschen wieder ihre Heimat genommen, sie werden noch einmal traumatisiert.“

Die Familie hat seit eineinhalb Jahren ein offizielles Bleiberecht in Deutschland und hätte sich eigentlich seitdem eine eigene Wohnung suchen müssen. Weil sie aber trotz aller Bemühungen nichts gefunden hat, duldet das Landratsamt sie als „Fehlbeleger“ in der Asylunterkunft. Weil nun der Mietvertrag einer anderen Schlehdorfer Asylunterkunft ausläuft, wollte das Landratsamt die dortigen Bewohner in das Haus umquartieren, in der bis Donnerstag die syrische Familie lebte – und letztere nach Tölz verlegen.

„Die Familie weiß schon lange, dass sie in der Unterkunft nur geduldet ist“, erklärt Landratsamts-Sprecherin Marlis Peischer auf Nachfrage des Tölzer Kurier. Laut Schuster wurde der Familie aber erst eine Woche vorher mitgeteilt, dass sie ihre Unterkunft verlassen muss. Zuletzt hatte es so ausgesehen, als könne die Familie eine reguläre Wohnung in Schlehdorf beziehen. Doch dass sie für den Übergang in Schlehdorf bleibt, hätte das Landratsamt nur akzeptiert, wenn sie einen unterschriebenen Mietvertrag vorlegt hätte. Den gab es bis Donnerstag nicht.

„Natürlich ist das ein zweischneidiges Schwert“, sagt Peischer. „Aber irgendwann muss man zu einer Entscheidung kommen.“ In jedem Fall werde der Platz in der Tölzer Asylunterkunft noch für drei Wochen für die Familie freigehalten, so dass sie auf jeden Fall nicht auf der Straße lande. „Vielleicht tut sich in dieser Zeit noch etwas.“

Klagen über Umsiedlungen „Knall auf Fall“ gibt es auch in der Jachenau. Dort räumt das Landratsamt gerade die Unterkunft in der „Post“. Am Freitag wurde ein Teil der Bewohner in eine andere Jachenauer Unterkunft auf einem Bauernhof verlegt. Die anderen sollen am Montag nach Bad Tölz umziehen. Prinzipiell haben weder die Asylbewerber noch der Helferkreis etwas dagegen. Die Auflösung der Unterkunft sei aber erst für 1. Februar angekündigt gewesen. „Jeder Mensch braucht ein paar Wochen Vorlaufzeit für einen Umzug“, sagt Asylhelfer David Warham. Die Bewohner der „Post“ seien aber erst 48 Stunden vorher per Aushang über den Termin ihrer Umquartierung informiert worden – dann aber gleich unter Androhung von Zwangsmaßnahmen. „Es ist ein unnötig unmenschliches Verhalten, Menschen innerhalb von Stunden auf die Reise zu schicken“, sagt Jost Gudelius, ebenfalls ehrenamtlicher Betreuer. Die Flüchtlingspaten fühlen sich laut Gudelius „vor den Kopf gestoßen“, da ihnen das Landratsamt untersagt habe, beim Umzug zu helfen. Die Flüchtlinge selbst seien „vollkommen erschrocken“.

Peischer zufolge wurden die Flüchtlinge in der „Post“ eine Woche vorher über dem Umzugstermin informiert. Bei den nötigen Umverlegungen warte das Landratsamt generell nicht bis zum letztmöglichen Tag, um koordiniert „Schritt für Schritt“ vorgehen zu können. „Außerdem müssen die Unterkünfte so zurückgegeben werden, wie sie übernommen werden.“

Rubriklistenbild: © dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Verletzte bei Unfall am Bahnübergang in Bichl
Bichl - Im dichten Schneetreiben hat sich am Montagabend ein Verkehrsunfall am Bahnübergang in Bichl ereignet.
Verletzte bei Unfall am Bahnübergang in Bichl
Bahnstrecke nach Kochel gesperrt
Derzeit ist die Strecke zwischen Bichl und Kochel gesperrt. Die Züge aus Richtung Tutzing verkehren bis Bichl und enden dort vorzeitig. Ein Schienenersatzverkehr mit Bus …
Bahnstrecke nach Kochel gesperrt
Tipps gegen Langeweile: Das ist los am Montagabend
Tipps gegen Langeweile: Das ist los am Montagabend
Brauneck: Eine Gämse auf Nahrungssuche 
Brauneck: Eine Gämse auf Nahrungssuche 

Kommentare