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Ein flügge gewordenes Jungtier des Großen Brachvogels.

Naturschutz

„Das ist eine kleine Sensation“: Umweltschützer jubeln im Loisach-Kochelsee-Moor

Die Loisach-Kochelsee-Moore gehören zu den größten und wichtigsten Gebieten für Vögel in Europa. Es wird versucht, vom Aussterben bedrohte Arten wieder anzusiedeln. Das scheint jetzt geglückt - auch dank der Rücksichtnahme von Landwirten.

Schlehdorf/BenediktbeuernNeue Hoffnung für den Großen Brachvogel in den Loisach-Kochelsee-Mooren: Von vier Brutpaaren, die sich im Tölzer Teil des Wiesenbrütergebietes Loisach-Kochelsee-Moore angesiedelt haben, ist ein Jungtier flügge geworden. „Das ist eine kleine Sensation“, sagt Axel Kelm, der im Auftrag vom Landesamt für Umwelt seit April dieses Jahres ehrenamtlich als Wiesenbrüterberater tätig ist.

Seine Aufgabe ist es, bedrohte Vogelarten, die ihre Nester in Wiesen anlegen, zu schützen. Die Loisach-Kochelsee-Moore gehören zu den größten und wichtigsten Gebieten in Europa. Daher wurden sie als Natura 2000 Gebiet ausgewiesen und gehören somit zu einem europaweiten Schutzgebietsnetz, heißt es in einer Pressemitteilung des Landratsamts.

Über 250 Vogelarbeiten leben in diesem Gebiet

Über 250 Vogelarten wurden in dem Gebiet schon nachgewiesen, unter anderem der deutschlandweit vom Aussterben bedrohte Große Brachvogel. Neben der Besucherlenkung und der Aufklärungsarbeit steht die Zusammenarbeit mit den Landwirten im Mittelpunkt von Kelms Bemühungen. Denn die Brutzeit und Jungenaufzucht der Wiesenbrüter kollidiert nicht nur mit der Freizeitnutzung – zum Beispiel quer feldein laufende Spaziergänger, Hunde und Hobbyfotografen –, sondern auch mit der Bewirtschaftung der Wiesen.

„Seit Ende Juli hat das Jungtier die wohl gefährlichste Zeit geschafft“, sagt Kelm. Etwa fünf Wochen nach dem Schlupf konnten die ersten Flugversuche des jungen Brachvogels beobachtet werden. Jetzt zieht der Kleine schon elegant seine Kurven über das Moor und ist kaum noch von seinen Eltern zu unterscheiden. Fuchs und Mähwerke können ihm kaum mehr etwas anhaben, so Kelm.

Elektrifizierte Gelege-Schutzzäune aufgestellt

Brachvögel brüten im feuchten Grünland wie zum Beispiel in Streuwiesen. Die Eier sind willkommene Beute für nächtliche Räuber wie Fuchs, Marder, Iltis oder Wildschwein. Zum Schutz vor diesen Prädatoren wurden erstmals elektrifizierte Gelege-Schutzzäune aufgestellt. Eine Maßnahme, die in anderen Wiesenbrütergebieten schon nachweislich zu mehr Bruterfolg geführt hat, berichtet das Landratsamt.

Kommt es zum Schlupf der bis zu vier Jungtiere, ist in dieser Zeit ein Schlechtwettereinbruch dramatisch. Starker Dauerregen vernässt das flaumige Gefieder, und die Jungtiere erfrieren.

Lob für die Landwirte

Sind diese ersten Hürden geschafft, folgt eine weitere schwierige Zeit: Die Jungtiere sind Nestflüchter und wechseln in die futterreichen Wirtschaftswiesen. Der Aktionsraum der flugunfähigen Jungtiere kann bis zu einem Kilometer reichen. „Mäharbeiten können dabei schnell zur tödlichen Gefahr werden“, sagt Kelm. Die kleinen braunen Jungvögel drücken sich bei Gefahr auf den Boden und verlassen sich auf ihre Tarnung. „Deshalb war ein Schwerpunkt der Schutzarbeit, die Bewirtschafter im Umkreis der Flächen zu informieren, in denen die junge Vogelfamilie umherwanderte“, sagt Kelm und freut sich: „Die Zusammenarbeit funktionierte wunderbar.“ Die Landwirte meldeten ihm telefonisch, sobald sie an die Mahd gingen.

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Vor Beginn der Mäharbeiten hatte Kelm meist schon mit dem Fernglas die umherstreifenden, aber recht ortstreuen Tiere im Blick. Wenn diese sich in der Nachbarwiese aufhielten, konnte er Entwarnung geben. Doch die Tiere sind im hohen Gras schwer zu erkennen. Falls Kelm keine Entwarnung geben konnte, kamen weitere Ehrenamtliche zum Einsatz, die den Traktor begleiteten und die Wiese langsam absuchten oder auf warnende Altvögel als Hinweis achteten. Kelm freute sich über die Bereitschaft der Landwirte, die Tiere zu schützen und hofft, die Zusammenarbeit weiter stärken zu können. Das „Ins-Gespräch-kommen“ mit Landwirten, Jägern und Besuchern im Moor sei enorm wichtig, so der Wiesenbrüterberater.

Auch das ZUK unterstützt das Projekt

Unterstützt wird die Arbeit von Ehrenamtlichen der Naturschutzwacht sowie den Naturschutzbehörden und dem Zentrum für Umwelt und Kultur (ZUK) in Benediktbeuern. „Mehr Bruterfolg werden wir in Zukunft nur mit breit greifenden Maßnahmen zum besseren Schutz der Gelege und Jungvögel in Kombination mit einer guten und offenen Kommunikation mit Landwirten und Öffentlichkeit erzielen“, sagt Kelm. Und mehr Unterstützung sei dringend nötig, denn ein Jungtier von insgesamt vier Brutpaaren reiche nicht aus, um die Population hier zu erhalten. „Damit der Große Brachvogel in den Loisach-Kochelsee-Mooren nicht völlig verschwindet und eine Zukunft hat, müssten es insgesamt mindestens drei oder vier Jungtiere ins flügge Alter schaffen“, schildert Kelm die ernste Lage um den Großen Brachvogel. 

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