Corona hat auch den Alltag der Missions-Dominikanerinnen im Schlehdorfer Kloster verändert.
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Corona hat auch den Alltag der Missions-Dominikanerinnen im Schlehdorfer Kloster verändert.

Serie: WIE GEHT’S?

Schwester Francesca vom Kloster Schlehdorf sieht in der Corona-Krise Möglichkeiten, etwas zu verändern

Die Pandemie hat auch den Alltag der Ordensfrauen im Kloster Schlehdorf verändert. In der Reihe „Wie geht’s“ berichtet Sr. Francesca Hannen, die Provinzialin der Missions-Dominikanerinnen, wie sie diese Zeit erlebt und was sie persönlich bewegt. Die 55-Jährige ist seit 2012 Provinzoberin und damit zuständig für die Provinz der Missionsdominikanerinnen in Deutschland.

Sr. Francesca Hannen (55) Provinzialin der Missions-Dominikanerinnen

Was waren die einschneidendsten Veränderungen, die das Corona-Jahr für Sie gebracht hat, Sr. Francesca?

Das war vor allem die Tatsache, dass ich deutlich seltener nach Schlehdorf gekommen bin. Üblicherweise bin ich circa zweimal im Monat da, zum einen zu unseren Ratssitzungen mit dem Provinzrat, zum anderen, um mit den dortigen Mitschwestern besondere Feste wie Jubiläen, Ostern oder Weihnachten zu feiern. Die Sitzungen haben wir nun über Zoom abgehalten. Und die vier Schwestern, die in Kochel im Altenheim leben, besuche ich normalerweise ebenfalls regelmäßig. Auch diese Besuche konnten zum größten Teil nicht stattfinden.

Welche Ihrer üblichen Tätigkeiten mussten darüber hinaus entfallen?

Unsere Kurse, wie zum Beispiel Feldenkrais oder Tanzexerzitien, die wir in manchen Klöstern anbieten, konnten wir nicht abhalten. Auch die ehrenamtlichen Tätigkeiten wie die Mithilfe im Sonntags-Café oder beim Abendessen am Mittwoch, die in unserer Wohngenossenschaft in München üblicherweise stattfinden, entfielen. Und meine Tätigkeit in einem Verein, der ein neues Studentenwohnheim bauen will, kam ebenfalls weitgehend zum Erliegen.

Sind durch Corona auch neue Aufgaben hinzugekommen?

Da würde ich vor allem das digitale Lernen nennen wollen. In diese neue Möglichkeit, Kontakte herzustellen, mussten wir uns erst einfinden.

„Austausch via WhatsApp oder auch per Telefon war umso gefragter“

Was hat Ihnen persönlich Kraft gegeben?

Insbesondere das Leben in der Gemeinschaft, unser gemeinsames Gebet, Vertrauen zu haben und Dankbarkeit zu empfinden – für das, was dennoch da und möglich ist. Und eine größere Achtsamkeit zu entwickeln, die Dinge und Menschen um einen herum anders wahrzunehmen.

Wie konnten und können Sie Ratsuchenden Mut zusprechen?

Neben meiner Tätigkeit in unserer Ordensgemeinschaft arbeite ich ja auch bei ,In Via‘, wo wir junge Geflüchtete unterstützen, die eine Berufsausbildung machen. Für diese ist die Situation schon sehr, sehr schwierig; der Gesprächsbedarf ist enorm gestiegen. Direkte Gespräche haben zwar seltener stattgefunden, aber der Austausch via WhatsApp oder auch per Telefon war umso gefragter. Diese jungen Menschen leiden besonders unter der Isolation, zudem haben sie verstärkt Angst um ihre Angehörigen zuhause. Dann ist die Situation in den Unterkünften für Geflüchtete natürlich auch besonders schwierig, alleine schon, was das Abstandhalten angeht. Viele mussten auch in Quarantäne, was bei einigen zu Re-Traumatisierungen geführt hat. Ich habe vor allem versucht, sie daran zu erinnern, was sie schon alles erreicht haben. Wenn ich ihnen sage, dass ich für sie bete, ist das vielen auch ein Trost. Aber auch finanzielle Unterstützung, etwa für den Kauf eines Laptops für den Fernunterricht, können wir gewähren.

Die Missionsdominikanerinnen sind ja auch in Südafrika tätig: Was haben Sie von Ihren Mitschwestern über die dortige Corona-Situation erfahren?

Gerade habe ich mit einer südafrikanischen Mitschwester telefoniert, die regelmäßige Informationen von ihrer Familie erhält. Sie berichtet, dass die Lage sehr schwierig sei: Viele, auch viele junge Menschen, sterben; es herrschen Hunger und Not. Sehr viele Menschen haben keine Arbeit, verdienen folglich kein Geld. Auch einige unserer Mitschwestern sind erkrankt und zum Teil daran gestorben. Die schon vorher vorhandene Ungleichheit in der Welt wird in der Corona-Krise deutlicher sichtbar.

Pandemie: Chance für mehr Nachhaltigkeit

Hat die Krise auch positive Entwicklungen in Gang gesetzt?

Was ich so höre von meinem Bruder, der Biobauer ist, steigt die Nachfrage nach biologisch erzeugten Lebensmitteln. Anscheinend ist die Achtung für die Umwelt, für die Mitwelt gewachsen. Die Menschen hören und schauen besser hin, was um sie herum passiert. Und was den Klimaschutz angeht, sieht man jetzt, was doch alles möglich ist, wenn man sich entsprechend dafür einsetzt und darum bemüht. Ich hoffe, dass fortan Entscheidungen für mehr Nachhaltigkeit getroffen werden, und zwar sowohl auf politischer wie auf persönlicher Ebene.

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Wie meinen Sie das mit der persönlichen Ebene konkret?

Viele Menschen erkennen, dass die größere Ruhe ihnen auch gut tut. Man hat die Chance, mehr zu sich zu kommen. Wir sehen Veränderungen, die vorher nicht vorstellbar waren. Es entsteht Neues, auch im Hinblick auf zwischenmenschliche Beziehungen. Neue soziale Kontakte kommen zustande: Man erkennt, wo man Hilfsbedürftige unterstützen kann. Auch die Erkenntnis, dass es Dinge gibt, die wir eben nicht ändern können, scheint mir wichtig. Wir können nicht alles steuern, deshalb sollten wir Achtung entwickeln vor einem großen Ganzen. Dieses Nicht-Planen-Können hat doch auch sein Gutes: Es zwingt uns, ganz im Hier und Jetzt zu sein.

„Ungleichheit und Ungerechtigkeit tritt deutlicher zutage“

Welche negativen Veränderungen könnten die Krise überdauern?

Was mich erschreckt, ist die Ungleichheit, die Ungerechtigkeit, die jetzt deutlicher zutage tritt: Wer Geld hat, kann sich besser schützen, hat höhere Chancen, die Pandemie heil zu überstehen. Und die menschenunwürdige Situation in den Flüchtlingslagern rückt völlig in den Hintergrund. Angesichts der eigenen Bedrohung haben viele offenbar keinen Blick mehr für die Not anderer. Das besorgt mich. Aber zugleich habe ich die Hoffnung, dass der Blick über den Tellerrand hinaus nicht dauerhaft verloren geht.

Ihr persönliches Fazit des Corona-Jahres – und Ihr Ausblick auf 2021?

Ich möchte im Blick behalten, dass ich Handelnde bleiben kann, dass ich Vertrauen und Dankbarkeit weiter erfahren und auch weiter geben kann. Ich möchte die vermehrte Zeit und Ruhe wahrnehmen, diese neuen Räume, vielleicht auch Hallräume des Göttlichen, nutzen können. Und dann wünsche ich mir natürlich, dass wir alle gesund bleiben und aus unseren neuen Erfahrungen lernen. Und dass wir uns bald wieder direkt begegnen können, nicht nur virtuell.

In der Reihe

„Wie geht’s?“ fragen wir bei Menschen aus dem Landkreis nach, wie sie die ungewöhnlichen CoronaZeiten erleben.

Alles zur aktuellen Corona-Lage im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen lesen Sie hier.

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