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Vorübergehende Heimat Schlehdorf: Lugaiyen Alkhouli (20) ist mit ihrer Familie aus Syrien geflohen. Jetzt suchen sie gemeinsam nach einer geeigneten Wohnung.

Flucht aus Damaskus

„Uns wird so viel geholfen“

Schlehdorf - Lugaiyen (20) aus Syrien erzählt, wie sie versucht, sich in Deutschland ein Leben aufzubauen. Sie kam mit ihrer Familie in einem Flüchtlingsboot über das Mittelmeer.

Eigentlich hatte Lugaiyen (gesprochen: Luschén) Alkhouli nur einen großen Wunsch: das Abitur machen. Deshalb war sie auch sehr mutig. Als sich Eltern und Geschwister entschlossen, aus ihrem Heimatdorf nahe Damaskus zu fliehen, zog Lugaiyen zu ihrer Oma, um weiter zur Schule gehen zu können. „Nur noch ein paar Monate. Ich hätte es so gerne geschafft“, sagt sie. Aber der Krieg ließ ihr keine Chance. Als Eltern und Geschwister schon längst in Libyen waren, verließ auch Lugaiyen ihre Heimat. Und seither ist alles ganz anders. Aber die junge Frau hat ihren Traum nicht aufgegeben – ganz im Gegenteil. Die 20-Jährige ist eine Kämpfernatur. Mit großer Entschlossenheit, Beharrlichkeit und dem Wunsch, „einfach nur lernen zu dürfen“, baut sie sich gerade Schritt für Schritt ein neues Leben auf.

Lugaiyen stammt aus dem Dorf Mesraba nahe Damaskus. „Das Dorf ist in etwa so groß wie Kochel“, erzählt sie. Bis der Bürgerkrieg ausbrach, führte sie mit ihrer Familie (fünf Geschwister) ein ganz normales Leben. Vater Naim arbeitete als Automechaniker, Mutter Hanan war Hausfrau. „Unsere Eltern wollen, dass wir alle eine gute Ausbildung bekommen.“

Familie Alkhouli wartete lange, bis sie sich nur Flucht entschloss. „Wir wollten nicht weg. Wir wussten, es würde überall schwer sein.“ Doch als die Lage immer bedrohlicher wurde, packten auch die Alkhoulis ihre Koffer. Nur Lugaiyen blieb zurück. „Ich habe gesagt, ich mache erst das Abitur.“ Die Eltern, die drei Brüder und und eine Schwester reisten derweil über Ägypten nach Libyen und ließen sich dort in der Stadt Tobruk nieder. „Meine Eltern dachten sich, dass sei ja nur für eine bestimmte Zeit, und wir können dann wieder zurück.“

Doch die Lage entwickelte sich anders. Lugaiyen konnte nur noch ein paar Wochen ausharren, dann musste auch sie fliehen. „Das war so schlimm. Bis zu den Prüfungen wäre es nämlich nicht mehr so lang gewesen.“

In Libyen hatte es die Familie schwer. Flüchtlinge bekamen kaum Arbeit, und wenn, dann sehr schlecht bezahlt. Die Alkhoulis lebten gemeinsam in einer winzigen Wohnung. Lugaiyen lieh sich Schulbücher aus und schaffte es tatsächlich, an einer Schule als Externe einen Abschluss zu machen. Trotz des großen psychischen Drucks, der auf ihr lastete. „Sprachlich war es aber kein Problem, denn auch in Libyen wird Hocharabisch gesprochen.“ Das Lernen hat sich gelohnt: Der Schulabschluss wurde ihr später in Deutschland als Mittlere Reife anerkannt.

Für die syrische Familie war die Situation in Libyen alles andere als leicht. Lugaiyen musste rasch arbeiten, um die Eltern zu unterstützen, damit man sich die, wie sie sagt, „völlig überteuerte Wohnung“ leisten konnte. „Flüchtlingen gibt man dort keine Chance, ganz im Gegenteil. Man wird nur ausgenutzt“, erzählt sie. Die junge Frau jobbte in einem Fotogeschäft. Die Alkhoulis zweifelten immer mehr, ob sie in diesem Land, das selbst politisch sehr instabil ist, eine sichere Zukunft haben. Nach eineinhalb Jahren ohne Perspektive entschieden sich die Eltern, mit Lugaiyen und den drei Söhnen die lebensgefährliche Fahrt übers Mittelmeer in einem Flüchtlingsboot zu wagen. Die andere Schwester lebt noch immer dort. „Sie hat so Angst vor der Fahrt auf dem Boot.“

Die Überfahrt begann in Tunesien. Viel mitnehmen konnten die Alkhoulis nicht: jeder nur einen Rucksack. „Wir waren 500 Menschen auf dem Boot.“ Über die Fahrt zu sprechen, fällt Lugaiyen sehr schwer. Auf die Frage, ob sie Vertrauen in das Schiff hatte, schüttelt sie schweigend den Kopf. Die Fahrt dauerte 16 Stunden. „Wir standen ganz eng gedrückt. Es war so wenig Platz, man konnte sich nicht setzen. Mir war ganz schwindelig.“

Vor Lampedusa „wurden wir von einem großen italienischen Schiff gerettet“, erzählt Lugaiyen weiter. „Wir waren so erleichtert.“ Die Flüchtlinge wurden nach Sizilien gebracht. Über Mailand gelangten die Alkhoulis dann nach München. Den Tag ihrer Ankunft werden sie nie vergessen: der 13. Juli 2014 – der Tag, an dem Deutschland die Fußball-WM gewann.

„Ich habe gesehen, wie alle feierten. Es war schön, aber irgendwie auch fremd. Wir waren müde, kaputt, wussten nicht, wie es jetzt weitergeht.“ Die Familie kam ins Erstaufnahmelager am Kieferngarten. Im September 2014 wurden sie Schlehdorf zugeteilt. Mittlerweile haben sie ihre Anerkennung als Flüchtlinge und dürfen bleiben.

Die 20-Jährige hat jetzt wichtige Aufgaben in der Familie. Denn sie ist es, die am schnellsten und besten Deutsch gelernt hat. „Oft muss ich für die Eltern übersetzen.“ Vater und Mutter sowie der ältere Bruder (25) beginnen im März mit einem Deutschkurs. Die beiden jüngeren Brüder (17 und 12) gehen in Tölz und Benediktbeuern zur Schule.

Lugaiyen hat sich in Schlehdorf schnell eingelebt: „Die Leute sind so nett, und uns wird so viel geholfen. Ich hoffe, ich kann das eines Tages alles zurückgeben.“ Die junge Frau ging zuerst auf die Tölzer Berufsschule (Vorbereitungsjahr) und versuchte es dann auf der FOS. „Doch das war zu viel auf einmal“, sagt sie. „Jetzt habe ich mich entschieden, lieber eine Ausbildung zu machen, um Geld zu verdienen.“ Im Berufsintegrationsjahr auf der Tölzer Berufsschule werden ihr viele Praktikumsmöglichkeiten geboten: etwa bei der Tölzer Kieferorthopädin Lisa Heudorfer, demnächst bei Roche in Penzberg. „Ich hoffe, ich bekomme dort eine Stelle als Chemielaborantin.“ Lugaiyen hat großes Interesse für den medizinisch-chemischen Bereich. Das Bildungssystem in Deutschland findet sie toll. „Wer weiß, vielleicht kann ich später über die BOS doch noch das Abitur machen.“

Das ist nicht vergessen. Doch im Moment steht die Zukunft der ganzen Familie im Mittelpunkt, und Lugaiyen sieht sich in großer Verantwortung, zum Lebensunterhalt beitragen zu können. Die Alkhoulis suchen eine Wohnung. Was wäre denn optimal? Lugaiyen überlegt nicht lange: „Es wäre schön, wenn öffentliche Verkehrsmittel in der Nähe wären. Und vielleicht noch ein Supermarkt.“

Wer helfen kann,

kann sich in der Kurier-Redaktion melden: Telefon 0 80 41/76 79 41.

Christiane Mühlbauer

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