+
Eine öffentliche Ehrung“ Deschermeiers wünschte sich Josef Förster (re) beim Vortrag an historischer Stätte im Alten Rathaus. Dritter Bürgermeister Christof Botzenhard kann sich das durchaus vorstellen.

Der SPD-Politiker Michael Deschermeier (1885-1945) ist fast vergessen

Kämpfer gegen die linke und rechte Diktatur

Am 11. November vor 100 Jahren schwiegen nach einem langen, grausamen Krieg die Waffen. Die Novemberrevolution nahm ihren Ausgang. Die Monarchie wurde hinweggefegt und mit der Weimarer Republik der erste Versuch einer parlamentarischen Demokratie in Deutschland gestartet. Diese epochalen Ereignisse spiegelten sich auch auf Landes-, ja auf städtischer Ebene wider. Einem der wichtigsten politischen Akteure jener Zeit war nun ein Vortrag beim Historischen Verein Bad Tölz gewidmet. Obwohl Michael Deschermeier an der Wiege der Demokratie in Tölz gestanden habe, so sagte Zweiter Vorsitzender Christof Botzenhart eingangs, sei er im historischen Bewusstsein der Stadt fast nicht mehr präsent.

Bad Tölz – Dass sich daran etwas ändert, dafür setzt sich ein leider nur kleiner Kreis von historisch Interessierten in Tölz seit Jahren ein. Unterstützung finden sie von der Familie Förster. Helga ist die Großnichte Deschermeiers. Die Försters haben umfangreiches Material gesammelt und zum Beispiel für die Internet-Präsenz der Tölzer SPD verarbeitet. Josef Förster blickte nun genau dort, wo Michael Deschermeier selbst viele Jahre politisch wirke, nämlich im historischen Sitzungssaal des alten Rathauses (Stadtmuseum) auf das Leben des Gewerkschaftsfunktionärs zurück.

Der SPD-Politiker Michael Deschermeier (1885-1945)

Besonderen Wert legte Förster dabei auf die Revolutionszeit vor 100 Jahren, als Deschermeier als Vertreter der Mehrheitssozialisten durch sein „mutiges und besonnenes Handeln“ das Seine dafür tat, dass es in Tölz nicht zu Blutvergießen wie andernorts kam.

Denn auch in der Stadt Tölz machten sich radikale politische Strömungen bemerkbar, die am liebsten eine kommunistische Räterepublik Vorschub geleistet hätten. Der unumstrittene Führer der Tölzer SPD, der Dekokorationsmaler Michael Deschermeier, wusste sich aber stets gegenüber den Revolutionskräften in der eigenen Partei (den Unabhängigen Sozialisten) zu behaupten und ausgleichend zu wirken.

Lesen Sie auch: Neues Buch „Erster Weltkrieg im Tölzer Land“: Eine lokalgeschichtliche Tiefenbohrung

 Und das, obwohl er es nicht nur mit den Kritikern der eigenen Partei, sondern auch mit den alles andere als fortschrittlich beziehungsweise demokratisch gesinnten bürgerlichen Parteien zu tun hatte. Es ist nachgewiesen und Förster stellte dies detailliert dar, dass Deschermeier diesen Spagat immer wieder versuchte – und schaffte. Ob als führender Arbeiterrat in Zusammenarbeit mit Bürgermeister Alfons Stollreither oder auch als Zensor des Tölzer Kurier. Ja, das gab es in jenen unruhigen Zeiten. Der damalige Redakteur schätzte Deschermeier wohl richtig ein. Er berichete eher gelassen über die amtliche Zensur: “Wir hoffen, dass er (Deschermeier) nicht gar zu streng seines Amtes walten wird“.

Als Freikorps und Reichswehreinheiten der Münchner Räterepublik ein Ende bereiteten, quittierte dies Deschermeier mit dem durchaus als Bonmot zu verstehenden Worten: Die Diktatur des Proletariats über die Proletarier ist überwunden.

Lesen Sie auch: So entstand das Walchenseekraftwerk - 100 Jahre Spatenstich eines Jahrhundertbauwerks

„Gerade, mutig und aufrecht“ sei Deschermeier seinen Weg auch unter den Nationalsozialisten gegangen, trug Förster vor und erinnerte an einen mehrmonatigen KZ-Aufenthalt in Dachau. Für durch einen Lungenschuss im Ersten Weltkrieg schwerst kriegsversehrten Mann bedeutete der KZ-Aufenthalt nicht nur den erzwungenen Gang in die innere Emigration, sondern langfristig wohl auch seinem frühen Tod mit erst 60 Jahren.

Die Amerikaner machten den Sozialdemokraten 1945 noch zum Zweiten Bürgermeister, eine Aufgabe, die der erste und bisher letzte „rote Bürgermeister“ von Tölz bis zu seinem Tode am 20. November hingebungsvoll ausübte.

Mit seinem Tod verliert sich die Spur und die Erinnerung an einen Mann, der sich zeitlebens von den Grundsätzen einer freiheitlichen und sozialen Demokratie leiten ließ. Förster wünschte sich, dass diese Lebensleistung endlich eine „angemessene öffentliche Ehrung erfährt. Für die Erinnerungskultur in unserer Stadt wäre dies ein Gewinn.“

Von Christoph Schnitzer

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Tölz Live: Herzen für die Tölzer Feuerwehr
Kleiner Blechschaden da, großer Stau dort, eine Gewitterfront zieht an, ein tolles Konzert startet in Kürze. Hier gibt‘s unseren Newsblog direkt aus der Redaktion.
Tölz Live: Herzen für die Tölzer Feuerwehr
Nach Unfallflucht: Wer fuhr den weißen Sprinter?
Rund 13 000 Euro Schaden entstand am Montag bei einem Unfall in Bad Heilbrunn. Der Verursacher ist flüchtig.
Nach Unfallflucht: Wer fuhr den weißen Sprinter?
Tölzer Landratsamt braucht mehr Platz: Teilausbau des Dachgeschosses
Dem Tölzer Landratsamt geht der Platz aus: Jetzt soll ein Teil des Dachgeschosses ausgebaut werden - für rund 765.000 Euro.
Tölzer Landratsamt braucht mehr Platz: Teilausbau des Dachgeschosses
Bei der Tölzer Bergwacht gibt’s die „Akja-Wurscht“
Die Tölzer Bergwacht will eine neue Rettungswache bauen. Dazu braucht sie Geld - und ist deshalb heuer beim Tölzer Christkindlmarkt mit dabei.
Bei der Tölzer Bergwacht gibt’s die „Akja-Wurscht“

Kommentare