+
Wie sieht sie aus, die Zukunft auf dem Feld? Hilft moderne Technik der Branche aus dem Subventions-Strudel? Oder ist der verantwortungsbewusste Verbraucher die Lösung? Darüber wurde in Benediktbeuern diskutiert.

Symposium in Benediktbeuern

Zukunft der Landwirtschaft: „Raus aus den Schützengräben“

  • schließen

Benediktbeuern - Wie sieht die Landwirtschaft der Zukunft aus? Dieser großen Frage widmeten sich in Benediktbeuern prominente Diskutanten aus Politik, Wissenschaft und der Agrarbranche. Die Antworten sind höchst unterschiedlich.

Ein Greenpeace-Gutachten über angeblich rechtswidrige Schweinehaltung, der Streit um das neue Tierwohl-Label, Vorwürfe gegen Schlachthäuser – das sind allein die Schlagzeilen aus den vergangenen Tagen zum Thema Landwirtschaft. Sie zeigen: Die Fronten zwischen Tier- und Naturschützern und den Erzeugern sind verhärtet. Und irgendwo dazwischen steht der Verbraucher, der zwar Bio-Lebensmittel irgendwie gut findet, aber am liebsten nicht viel dafür bezahlt. Wie soll die Kluft in der Agrarbranche künftig überbrückt werden?

Auf dem Podium: Eike Wenzel (v. l.), Wolfgang Haber, Moritz Spilker, Renate Künast, Christian Schmidt, Klaus Wehmeier, Lutz Spandau und Pater Karl Geißinger.

Dieser Frage widmete sich am Freitag ein prominent besetztes Symposium der Allianz-Umweltstiftung im Kloster Benediktbeuern (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen). Der Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) war ebenso zu Gast wie eine seiner Vorgängerinnen Renate Künast (Grüne). Dazu ein Professor für Landschaftsökologie, ein Trendforscher und der Geschäftsführer eines Unternehmens, das in Ostdeutschland Großagrarbetriebe aufkauft. Eine bunte Runde, aus der unterschiedliche Kurse vorgeschlagen wurden, wie die Branche wieder in ruhigeres Fahrwasser steuern könnte. Nur eine Stimme blieb stumm. Ein waschechter Landwirt war nicht auf dem Podium.

Der Bundeslandwirtschaftsminister – zuletzt selbst kräftig unter Beschuss – forderte: „Wir müssen raus aus unseren Schützengräben.“ Er sprach sich für Regionalität einerseits, aber auch eine gezielten Export andererseits aus. Für eine „globale Ernährungsproduktion der Vernunft“, wie er es nennt. Einen echter Wandel sei nur mit dem Verbraucher zu erreichen, der aber gerade in den Metropolen noch immer mit gewisser Arroganz auf die Landwirtschaft blicke.

„Unser tägliches Brot beruht auf alljährlicher Naturzerstörung“

Knackiger wurden die Thesen bei den folgenden Rednern – aber da war Schmidt schon auf dem Weg zu Allgäuer Bergbauern. „Unser tägliches Brot beruht auf alljährlicher Naturzerstörung“, provozierte Wolfgang Haber, langjähriger Lehrstuhlinhaber für Landschaftsökologie der TU München. Was nach Fundamentalismus klingt, sollte nur verdeutlichen, dass Ackerbau seit jeher Einschnitte für die biologische Vielfalt bedeutet. Sein Ausweg? „Ständige Kompromisse.“ Fruchtbare Böden schonend, aber konsequent zum Nahrungsanbau nutzen. Und auf unfruchtbareren Flächen dem Naturschutz Vorrang gewähren.

Renate Künast sprach sich gegen die Exportorientierung aus. „Wir sprechen immer davon, Fluchtursachen zu bekämpfen. Aber das tun wir nicht, wenn wir nur die Hühnchenbrust essen und den Rest im Eisblock nach Ghana verschiffen.“ Stattdessen sollten die Fördergelder anders verteilt werden. „Und zwar für konkrete Projekte und nicht mit der Gießkanne auf den Hektar.“

Trendforscher Eike Wenzel warb für mehr Mut bei der Digitalisierung: Vertical und Precision Farming, aber auch digitale Netzwerke sollen der Landwirtschaft helfen. „Mit Technologie können wir verhindern, noch mehr Natur zu verbrauchen.“ Dazu gehöre auch eine moderne Infrastruktur im ländlichen Raum – eine Grundvoraussetzung, für die sich alle Referenten in Benediktbeuern aussprachen.

Größe von 44 Hektar auf Dauer nicht überlebensfähig

Nach Politik und Wissenschaft kam mit Moritz Spilker noch ein Mann aus der Branche zu Wort. Sein Unternehmen AgroEnergy steht bei vielen Bauern in der Kritik, weil es als Investor in Ostdeutschland Großbetriebe aufkauft – natürlich mit der Rendite im Blick. Spilker versteht sich trotz akkurat gefaltetem Einstecktuch und funkelnden Manschettenknöpfen als Landwirt. Und er ist der Ansicht, nur mit einer Liberalisierung des Marktes komme genug frisches Kapital in die Branche, um sich vom Subventions-Topf lösen zu können. Betriebe mit der derzeit in Westdeutschland durchschnittlichen Größe von 44 Hektar seien auf Dauer aus ökonomischer Sicht nicht überlebensfähig.

Viel Diskussionsstoff, den die Referenten da lieferten. Und auch, wenn sie sich nicht einig waren, wie die Zukunft der Landwirtschaft aussehen sollte – eine Veränderung scheint unvermeidbar zu sein.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Heute ist Töpfermarkt in der Marktstraße
Heute ist Töpfermarkt in der Marktstraße
Das wird schön am Wochenende: Unsere Veranstaltungstipps
Das wird schön am Wochenende: Unsere Veranstaltungstipps
Unser Leserfoto des Tages aus dem Karwendel
Unser Leserfoto des Tages aus dem Karwendel
Auto überschlägt sich auf der B11
Sie waren im Mietwagen unterwegs - und erlitten am Freitagabend in Kochel einen schweren Unfall, bei dem sich ihr Pkw überschlug: Ein Mann und seine Beifahrerin wurden …
Auto überschlägt sich auf der B11

Kommentare