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Vom frühen Schmerz und der Freude am Fliegen

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Thermische Winde aufzuspüren, die einen wie von Geisterhand in kürzester Zeit um tausend Meter himmelwärts befördern, das mache einen Teil der Faszination beim Drachen- und Gleitschirmfliegen aus, sagt Sepp Singhammer.
Thermische Winde aufzuspüren, die einen wie von Geisterhand in kürzester Zeit um tausend Meter himmelwärts befördern, das mache einen Teil der Faszination beim Drachen- und Gleitschirmfliegen aus, sagt Sepp Singhammer. © privat

Sepp Singhammer (62) erhielt bereits als Kind eine niederschmetternde Diagnose. Von seinen gesundheitlichen Einschränkungen und der Leidenschaft fürs Fliegen erzählt der Flugsport-Pionier dem Tölzer Kurier.

Wackersberg/Lenggries – Der Traum des Menschen, so frei wie ein Vogel durch die Lüfte zu schweben, entstand als Mythos bereits in der Antike. Für Sepp Singhammer (62), dessen Leben schon früh von gesundheitlichen Einschränkungen und Verlust geprägt war, bedeutete das Fliegen die höchste Erfüllung und die Überwindung von Grenzen, die ihm das Schicksal auferlegt hatte.

Eine schöne und unbeschwerte Kindheit zusammen mit seiner drei Jahre älteren Schwester droben auf der Bayernhütte am Brauneck, die seine Eltern gepachtet hatten, erfuhr eine dramatische Zäsur, als bei dem Dreijährigen ein angeborener Herzfehler erkannt wurde. Den Eltern war aufgefallen, dass ihr Bub bei jeder Anstrengung blaue Lippen bekam. Dann kam die niederschmetternde Diagnose.

„Die Natur war mein Lehrmeister“

Sepp Singhammer
Sepp Singhammer © privat

In der Umgebung der Hütte hatte es für den aufgeweckten Buben immer viel zu entdecken gegeben. Es war wie ein Paradies: „Die Natur war mein Lehrmeister, meine Schatzkammer und mein Versteck“, erinnert sich Sepp Singhammer an die Zeit, aber auch daran, dass „meine Eltern immer nur gearbeitet haben“. Um ihr Sorgenkind vor weiteren Schäden am Herzen zu bewahren und ihm den täglichen beschwerlichen Schulweg ins Tal und zurück zu ersparen, brachten die Eltern ihn bei einem Bauern in Wegscheid unter. „Ein schmerzliches Gefühl von Heimweh und Einsamkeit“ kam in jener Zeit in ihm auf und ließ ihn nie mehr ganz los.

Als Singhammer neun Jahre alt war, bezogen seine Eltern eine Wohnung in Lenggries, und er war nun wieder „daheim“. Im Jahr darauf erfolgte die erste Operation an seiner Herzklappe. Er wechselte ans Tölzer Gymnasium, wo der bekannte Krimiautor Friedrich Ani einer seiner Klassenkameraden war. Als er 14 war, trennten sich seine Eltern. Die Mutter heiratete einen Bundeswehrmajor, der nach El Paso/Texas versetzt wurde.

Mit 19 Jahren hat er das Drachenfliegen begonnen

Und Sepp Singhammer ging mit. Weil seine Mittlere Reife dort als High-School-Abschluss anerkannt wurde, durfte er bereits mit 16 Jahren die University of Texas et El Paso besuchen. Seine 30 Monate an dieser Einrichtung wurden ihm nach seiner Rückkehr nach Deutschland als Hochschulreife anerkannt. Auch sein Vater heiratete ein zweites Mal, und aus dieser Ehe hat Singhammer vier Geschwister.

An der TU München begann er ein Architekturstudium, doch schon bald gab er sein Stadtquartier auf und fuhr wieder jeden Tag von seiner kleinen Gaißacher Wohnung aus zur Uni. Zu groß sei das Verlangen gewesen, seinen Bergen nahe zu sein, erzählt er. Mit 19 Jahren hatte er nämlich mit dem Drachenfliegen begonnen. Er gehörte zu den Pionieren dieses Flugsports, flog sogar für die Nationalmannschaft und stellte einen Weltrekord im Streckenflug auf. Er wurde Drachenfluglehrer, später auch Gleitschirmlehrer.

Nachdem er sein Architekturstudium 1986 abgeschlossen hatte, eröffnete Sepp Singhammer im Jahr darauf in Gaißach eine der ersten deutschen Flugschulen. Einer seiner ersten Schüler war Hermann Magerer, Fernsehjournalist und Leiter der BR-Bergsteigersendung „Bergauf Bergab“. Dem ging es – so berichtet Sepp Singhammer – wie vielen Flugschülern, die mit der hoffnungsfrohen Erwartung zu ihm kamen, dass man nun auf einen Berg steigen und dann einfach so wieder runterfliegen kann.

Eine Aufgabe von Sepp Singhammer bestand deshalb auch stets darin, „Erwartungen zu dämpfen“. Das Fliegen sei „nicht so einfach und auch nicht ungefährlich, oft muss man schnelle und klare Entscheidungen treffen“, betont er. Jedenfalls übernehme man als Fluglehrer eine große Verantwortung. Hermann Magerer nannte ihn einen „ausgezeichneten Lehrer“, und die Tücken des Fliegens beschrieb Magerer mit dem ihm eigenen Witz so: „Man hängt an den Fäden einer unsichtbaren Kraft. Man sollte den Wind unbedingt einfärben.“

Ärzte legten ihm nahe, den geliebten Sport aufzugeben

Nach sieben Jahren traf Sepp Singhammer die Entscheidung, dass es an der Zeit sei, jetzt als Architekt zu arbeiten. Er verkaufte die Flugschule, blieb aber weiterhin begeisterter Drachenflieger: Thermische Winde aufzuspüren, die einen wie von Geisterhand in kürzester Zeit um tausend Meter himmelwärts befördern können, das mache einen Teil der Faszination beim Drachen- und Gleitschirmfliegen aus, sagt er. Doch genau diese schnellen Druckunterschiede waren es, weshalb ihm 2002 die Ärzte nahelegen mussten, mit Rücksicht auf sein Herz den geliebten Sport ganz aufzugeben. Das tat er dann auch „ohne Wehmut“, wie er beteuert, denn „die Freude kann mir ja keiner mehr nehmen“.

In Arzbach, wo Sepp Singhammer mit Ehefrau Brunhilde und Sohn Johannes ansässig ist, eröffnete er ein Büro als Architekt und Energieberater. Auch diesen Beruf übe er „von Herzen gerne“ aus, versichert er, weil man sich dabei ebenfalls auf Menschen einstellen müsse. Seine Liebe zur Natur und zu den Bergen ist ihm geblieben.

Heute sind es Bergwanderungen und Skitouren, die er mit guten Freunden unternimmt, unter denen er Otto Fuchs aus der Jachenau besonders hervorhebt.

Seine aus Hessen stammende Frau Brunhilde erzählt, wie er immer nach dem Wetter, den Wolken und deren Bewegung schaut. Der 62-Jährige lebt ein erfülltes Leben, aber die Erfahrung des frühen Schmerzes ist ihm immer noch gegenwärtig.

Rainer Bannier

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