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Sprachen über Gott und die Welt: Ursula Hueber und Kurier-Redaktuer Christoph Schnitzer. 

Kreisbildungswerk-Gesprächsreihe

Die Ausbrecherin: Das Leben der Mesmer Usch

Bad Tölz – Das Leben mit all seinen schönen und weniger schönen Ereignissen differenziert betrachten, das kann Ursula Hueber heute. Mit der Abgeklärtheit ihres hohen Alters schaute die Wackersbergerin jüngst zurück auf manch Ungutes, aber noch mehr Gutes, das ihr in ihren 93 Lebensjahren widerfahren ist.

 Sie sei heute dankbar, dass sie „viele gute Leute und viel von der Welt kennenlernen konnte“, sagte die Wackersbergerin bei einem ungezwungenen Gespräch mit Kurier-Redakteur Christoph Schnitzer in der Weinstube Schwaighofer. Die „Mesmer Usch“, wie sie im Bekanntenkreis genannt wird, war zu Gast bei der fünften Auflage der Gesprächsreihe „Reden über Gott und die Welt“ vom Kreisbildungswerk.

„In dieser Gesprächsreihe laden wir Leute ein, die etwas zu erzählen haben. Und Ursula Hueber ist so ein Mensch“, erklärte Schnitzer den Zuhörern. Huebers Leben ist in manchen Dingen etwas anders verlaufen als bei Gleichaltrigen in ihrem Umfeld. Das fing schon in der Kindheit an: Als Tochter des Wackersberger Mesners hat sie beipielsweise oft mitbekommen, wenn ihr Vater nachts geweckt wurde, um den Pfarrer auf einem „Verseh-Gang“, also zu einem Sterbenden, zu begleiten. Entsprechend wurde die dabei mitgeführte Petroleumlampe, die den Weg erhellen musste – Straßenlampen gab es noch nicht – „Verseh-Laterne“ genannt.

Musste so ein Verseh-Gang tagsüber angetreten werden, seien alle auf den Feldern arbeitenden Bauersleute und Dienstboten zum Straßenrand gekommen und niedergekniet. Kein Vergleich zu heute, „wo von jedem Hof nur noch einer mit dem Bulldogg auf dem Feld ist und der Pfarrer mit dem Auto fährt“, wie Hueber feststellte.

Eine völlig neue Welt tat sich ihr auf, als sie mit 13 Jahren als „Tagesmädchen“ im Haus einer Verlegerswitwe beschäftigt wurde. Da sollte sie eines Tages eine Sauciere aus der Küche herbeibringen. „Ich habe nicht gewusst, was das ist, denn daheim im bäuerlichen Haushalt haben wir so etwas nicht gehabt“, schilderte die 93-Jährige schmunzelnd. Auch sonntags musste sie zu Diensten sein. „Aber ich habe da so viel Neues gelernt, das wog alles Negative auf.“

Ob diese neuen Erfahrungen vielleicht der Auslöser für ihre spätere Reiselust, ihre Neigung zum „Ausbrechen aus dem Dorf“ gewesen sei, wollte Schnitzer wissen. „Das könnte auch an den Genen gelegen haben“, antwortete Hueber. Und: „Die Leut’, die mich nicht so gern mögen, haben dann immer g’sagt: A wene extra war sie oiwei scho.“ Sie habe aber eben immer schon Interesse an fremden Ländern und Kulturen gehabt.

Viel Fachliches und mit verschiedensten Situationen umgehen lernen müssen hatte sie auch, als sie auf Anregung des damaligen Bürgermeisters Posthalterin in Wackersberg wurde. Haben es Frauen schwerer im Leben? Nein, eher leichter, so Huebers Einschätzung. „Aber die Männer hätten es ganz gerne, wenn die Frau ein bisschen dumm wäre.“ Ungewöhnlich sei doch aber, dass sie als alleinstehende Frau ein Haus für sich gebaut habe, meinte Schnitzer. Wie es denn dazu gekommen sei? Ihr seinerzeitiger Freund sei nach schwerer Krankheit gestorben, erzählte Hueber. Und sie habe gewusst: Altersmäßig zu ihr passende Männer gibt’s keine mehr. „Die waren entweder gefallen oder schon gebunden.“ Um sich eine eigenständige Existenz zu schaffen, habe sie dann von ihrem Vater ein Stück Grund zum Bauen erbeten. „Ich habe damals nicht gewusst, was bei diesem Vorhaben auf mich zukommt. Es hat mich aber auch gestärkt.“

1968 hat sie doch noch geheiratet, seit vier Jahren ist sie Witwe. „Und wenn jetzt der Herrgott anklopfen würde, dann tät’ ich sagen; Herr, wie du willst, aber i hob Zeit.“Rosi Bauer

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