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Geflüchtete aus der Ukraine helfen in der Gastronomie: „Ich würde sie immer wieder einstellen“

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Von: Felicitas Bogner

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Wirtin Katharina Goldner (stehend li.) ist froh über ihre engagierte neue Mitarbeiterin im Service. Die Ukrainerin Vladyslava S. (stehend re.) arbeitet seit einigen Wochen im „Altwirt“ in Wackersberg.
Wirtin Katharina Goldner (stehend li.) ist froh über ihre engagierte neue Mitarbeiterin im Service. Die Ukrainerin Vladyslava S. (stehend re.) arbeitet seit einigen Wochen im „Altwirt“ in Wackersberg. © Arndt Pröhl

Immer mehr Gastronomen in Bad Tölz-Wolfratshausen beschäftigen Geflüchtete aus der Ukraine im Service und der Küche. Wo es klappt, ist es eine Win-Win-Situation.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Die Blaskapelle spielt auf, und Musik schallt durch den Biergarten vom Wackersberger „Altwirt“. Klar, dass das bei gutem Wetter viele Gäste lockt. Für deren Bewirtung braucht man aber Personal. Und genau daran mangelt es im Gastgewerbe aktuell. Im „Altwirt“ aber wartet keiner lange auf Essen oder Getränke, denn einige Servicekräfte sind im Biergarten unterwegs. Eine von ihnen ist Vladyslava S. Die 18-Jährige aus Dneper trägt ein langes Dirndl, ihre Haare sind geflochten. Sie stellt ein Tablett auf einem Tisch ab und verteilt gezielt Radler, Helles und Apfelschorle. Die junge Frau ist Anfang März mit ihrem Freund und ihrer Familie aus der Ukraine nach Deutschland geflohen. Davor studierte sie in Lemberg Design und Mode.

Wir sind froh über unsere neue Servicekraft.

Katharina Goldner, „Altwirt“, Wackersberg.

Fröhlich erzählt sie, dass sie nun hier beschäftigt ist. „Meine Mama arbeitet auch seit ein paar Wochen hier. Sie ist in der Küche.“ Das bestätigt Wirtin Katharina Goldner und berichtet: „Wir haben Vladyslava und ihrem Freund in einer Personalwohnung Obdach gegeben. Ihre Eltern sind bei unseren Nachbarn untergekommen.“ Die junge Frau wollte so schnell wie möglich in Deutschland arbeiten. „Als rechtlich und mit den Behörden dafür alles geklärt war, haben wir sie als Servicehilfe eingestellt“, sagt Goldner. Das freut das Wirtspaar: „Aktuell ist es schwer, Personal zu bekommen. Wir sind froh über unsere neue Servicekraft.“ Vladyslava würde schnell und fleißig Deutsch lernen. „Aktuell hilft sie unseren Bedienungen. Sie ist an der Schänke und kann auch selber Getränkebestellungen aufnehmen, die Wörter und Sätze dazu beherrscht sie“, berichtet ihre Chefin stolz.

Mit Vladyslavas Mutter haben die Gastronomen ebenfalls einen Glücksgriff gemacht. „Sie hat in der Ukraine bereits in einer großen Küche gearbeitet. Das merkt man natürlich.“

Geflüchtete müssen Job und Integrationskurs unter einen Hut bringen

Mutter und Tochter würden nun eine Vollzeit-Anstellung haben. Die einzige Hürde besteht in der täglichen Organisation. „Die beiden machen einen Integrationskurs, der nachmittags für ein paar Stunden stattfindet, da müssen sie dann immer weg. Aber auch das bekommen wir hin“, sagt Goldner.

Dass Vladyslava direkt an ihrer neuen Arbeitsstelle wohnt, ist ein enormer Vorteil. Das weiß Rafal Dzygalo, Geschäftsführer des Hotels und Restaurants Karwendelblick am Walchensee. Auch er sucht händeringend nach Personal für Hotel und Restaurant. Gerne würde er Geflüchtete aus der Ukraine bei sich arbeiten lassen. „Wir haben sogar Kontakt zu einigen. Denn ein ehemaliger Mitarbeiter von uns kommt aus der Ukraine, aber er muss dort kämpfen und kommt nicht mehr aus dem Land raus“, berichtet Dzygalo. „Das Problem ist die Unterkunft. Wir können als kleines Hotel keines unserer 16 Zimmer entbehren.“ Von weiter weg sei die An- und Abreise ohne Auto schier unmöglich. „Es fährt kein Bus mehr nach Kochel, wenn wir Feierabend machen“, erklärt Dzygalo.

Bankberaterin aus Odessa arbeitet auf der „Tölzer Hütte“ am Brauneck

Ebenfalls auf Personalsuche ist Katharina Guggenbichler, Wirtin der Klosterschänke in Dietramszell. Doch bis dato sind auch dort noch keine Ukrainer angestellt. „Wir haben bereits darüber nachgedacht, aber im Service sehe ich die Sprachbarriere als großes Problem“, sagt sie. „Dazu sind wir zu abgelegen für jemanden ohne Auto.“

Auf der Tölzer Hütte am Brauneck hat Georg Glaßner bereits eine Geflüchtete eingestellt und ist zufrieden. „Wir haben eine Bewerbung von einer Ukrainerin bekommen und seit Juni arbeitet sie bei uns. Es ist schwer, Personal zu finden, da haben wir uns richtig gefreut.“ Die aus Odessa stammende Bankberaterin spreche zwar nur Englisch, „aber das ist bei den meisten Gästen kein Problem“, sagt Glaßner. „Noch dazu lernt sie täglich Deutsch, das passiert ganz nebenbei.“ Die 26-Jährige ist Vollzeit auf der Hütte angestellt. „Mit der Sozialhilfe hier müsste sie eigentlich nicht arbeiten. Sie will das aber und packt dementsprechend an. Ich würde sie immer wieder einstellen“, sagt der Wirt.

Drei Ukrainer arbeiten in der Waldherr-Alm in Wackersberg

Ähnliches berichtet Gabriele Papesch von der Wackersberger Waldherr-Alm. Hier arbeiten seit April drei Ukrainer – eine Mutter mit Sohn und ihre Schwester. Die beiden Frauen haben eine Vollzeitanstellung als Küchenhilfen, der Sohn arbeitet am Wochenende auf 450 Euro-Basis. Unter der Woche macht er ein Praktikum in einer Computerfirma. „Wir hatten zwei freie Stellen in der Küche und auch eine freie Wohnung in Tölz. Also habe ich mich an eine Bekannte gewandt, die in der Flüchtlingshilfe aktiv ist, und gefragt, ob sie vermitteln kann“, berichtet Papesch.

Im April hätten die Geflüchteten noch staatliche Hilfen bekommen. „Seit Mai sind sie autark. Sie haben einen Miet- und Arbeitsvertrag und kommen so zurecht.“ Bei den Amts- und Behördengängen habe sie geholfen und übersetzt. Auch Papesch ist froh über die neuen Mitarbeiter. „Die Küchenwörter beherrschen sie schon. Alle warten noch auf einen Platz für einen Deutschkurs, ab dann geht das auch sicher besser.“

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Alle weiteren Infos zum Ukraine-Krieg und dessen Auswirkungen in Bayern lesen Sie hier auf unserer Themenseite Ukraine-Flüchtlinge.

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