+
Bücherstütze in 45 Minuten. Was Schreiner-Obermeister Josef Oswald hier demonstriert, ist auch eine gute Übung für Lehrlinge sagt er. Die Arbeitsschritte (von rechts oben im Uhrzeigersinn): Erst schneidet er zwei Hölzer mit der Kreissäge zu, dann stellt er mit Bleistift und Handsäge eine sogenannte Schwalbenschwanzverbindung her. Durch die schrägen Einkerbungen stecken die Bretter am Ende äußerst stabil ineinander.

Tag des Handwerks

Besuch beim Schreiner: Alles aus zwei Händen

  • schließen

Schränke fürs Tölzer Krankenhaus, sein eigenes Kanapee oder auch beleuchtete Sektkühler: Schreiner Josef Oswald aus Arzbach macht alles selbst. Zum heutigen Tag des Handwerks durfte unser Reporter dem Obermeister über die Schulter schauen.

Wackersberg – 7 Uhr morgens. In der Schreinerei von Josef Oswald beginnt der Arbeitstag: Zwischen Regalen in verschiedenen Formen und Schränkchen mit kleinen Schubladen taucht der Chef auf. Der Arzbacher Oswald, 58 Jahre alt, Schnauzer und blaues Polohemd mit Betriebslogo, muss heute produktiv sein. „Am Montag eröffnet die neue Geriatrie-Abteilung an der Tölzer Asklepios-Klinik. Und dafür machen wir 30 Patientenschränke“, sagt er.

Oswald, Obermeister der Schreinerinnung Miesbach-Bad Tölz-Wolfratshausen, nimmt sich trotzdem Zeit, um zu zeigen, was man als Schreiner auf die Schnelle basteln kann. Und er wird erklären, warum der Beruf, den er seit 1974 ausübt, seine Leidenschaft ist. „Do it yourself“ liegt gerade im Trend, Oswald macht schon seit Jahrzehnten alles selbst. „Ich bau’ mir jetzt dann ein Kanapee“, sagt er. „Das ist das letzte Möbelstück daheim, das nicht von mir ist.“ Sogar eine ganze Küche hat der Mann in Handarbeit gefertigt.

Jetzt ist aber erst einmal eine Bücherstütze an der Reihe, praktisch für den Schreibtisch oder das Regal. „Das kann jeder Siebtklässler mit der richtigen Einweisung auch.“ Und eine gute Übung für Lehrlinge sei das: Zwei Bretter, intelligent verzahnt, fertig. Zunächst setzt Oswald die Ohrschützer auf und geht zu seiner „klugen Kreissäge“, um das Kirschbaumholz zuzuschneiden. Seine Wünsche kann er hier millimetergenau eintippen. Als nächstes braucht er den Bleistift, zeichnet Hilfslinien und Einkerbungen ein, die er „drei Schwalbenschwänze“ nennt. An diesen Stellen werden die Hölzer später stabil ineinandergesteckt. Die vielen Striche und Linien kapiert der Laie nicht auf Anhieb: „Räumliches Denkvermögen ist wichtig in diesem Beruf“, sagt Josef Oswald.

Zeit für die große Handsäge: Natürlich hat er sich auch die selbst gebaut. „Mein Sohn hat mir ein japanisches Sägeblatt geschenkt. Das schneidet giftiger als die traditionellen deutschen“, sagt Oswald. Die Spezialsäge hängt ganz oben an der Wand, damit kein Lehrling auf Ideen kommt. Der Chef setzt den Daumen oben auf das Sägeblatt. „Das ist wichtig, damit man nicht abrutscht“, erklärt er. Dann sägt er die Schwalbenschwänze aus dem Holz, bevor es mit Stemmeisen und Sandhammer an die Feinheiten geht.

Während Oswald die Arbeitsschritte erklärt, zwirbelt er Holzreste zwischen den Fingern. „Jedes Stück Holz ist anders. Unser Material lebt, das ist das Schöne“, schwärmt er. Und: „Mein Beruf ist meine Leidenschaft.“ Das hätte er gar nicht sagen müssen. Man merkt es bei jedem Handgriff. Zum Beispiel wenn Oswald plötzlich einen Baumstumpf anschleppt. Ein Kunde möchte ihn gerne ausgehöhlt und von innen beleuchtet zurück. „Das soll ein Sekt-Kühler werden“, sagt der Obermeister. Solch ausgefallene Wünsche liebt er. Sein Beruf funktioniert nicht nach Schema F, oft muss er sich neue Lösungen einfallen lassen.

Die Bücherstütze ist nun fast fertig. Oswald schleift die Hölzer noch mit der Maschine ab und klopft sie dann aufeinander. 45 Minuten, Demonstration gelungen. Wer so etwas auch lernen will, solle eine Woche lang in einer Schreinerei schnuppern. „Danach weiß man schon, ob es einem taugt.“

Als Innungschef ist Oswald natürlich stark am Thema Nachwuchs interessiert: „Auch wenn wir aktuell nicht klagen können: Wir brauchen mehr Lehrlinge in der Region. In rund fünf Jahren geht ein Schwung Schreiner in Rente.“ Zu seinem Betrieb in Arzbach ist gerade ein neuer Auszubildender gestoßen, außerdem arbeitet Oswalds Sohn Josef jun., ebenfalls Meister, in der Werkstatt, die vor zwei Jahrzehnten mal ein Lebensmittelgeschäft war. Hier entstehen die Ideen für Bauernstuben, Badmöbel, Kinderzimmer oder Holzböden.

Aber fast wäre alles anders gekommen. Damals in den Siebzigern, als Oswald mit der Schule fertig war, rieten ihm die Lehrer dazu, Fernmeldetechniker zu werden. „Ein Beruf mit Zukunft, haben sie gesagt.“ Schreiner hingegen würde es schon in ein paar Jahren nicht mehr geben. Logisch: Möbelhäuser schossen aus dem Boden, in denen die Kunden günstige Fertigprodukte absahnen konnten. „Als Schreiner hat man eigentlich nur betuchte Leute bedient“, erinnert sich Oswald.

Das habe sich längst gewandelt: „Die Menschen schätzen qualitative Möbel wieder mehr.“ Und Oswald weiß: Den Fernmeldetechniker, den gibt es schon seit 1989 nicht mehr.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Vogelbeobachtung an der Moosmühle in Benediktbeuern
Vogelbeobachtung an der Moosmühle in Benediktbeuern
Das ist los am Wochenende: Unsere Veranstaltungstipps
Das ist los am Wochenende: Unsere Veranstaltungstipps
Höhere Diäten: Abgeordnete aus dem Tölzer Land sind gespalten
Die Bundestagsabgeordneten bekommen mehr Geld. Die Diäten, so nennen sich die Bezüge der Volksvertreter, wurden um gut 200 Euro erhöht. Exakt 9542 Euro im Monat beträgt …
Höhere Diäten: Abgeordnete aus dem Tölzer Land sind gespalten
Unser Leserfoto des Tages: Winterwunderland in Reichersbeuern
Unser Leserfoto des Tages: Winterwunderland in Reichersbeuern

Kommentare