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Erkundung im Unterholz: Die Flussmeisterstelle Lenggries hat Schneisen durch das Wachholdergebüsch an der Isar geschlagen – für die Elektrozäune der Ziegen-Weide.

Beweidungsprojekt Isarauen 

Goaßn gesucht

Wackersberg – Probieren geht über Studieren: Das gilt für das Beweidungsprojekt in den Isarauen, das dem Erhalt von Pflanzen- und Tierarten dienen soll. Ab 2016 werden zwischen Bad Tölz und Lenggries Ziegen eingesetzt, um das Zuwuchern der Uferbereiche zu verhindern. Ob die Naturschützer damit Erfolg haben, wissen sie selbst noch nicht.

Der Wildfluss heißt Wildfluss, weil er macht, was er will. Weil er sich seine eigenen Wege sucht, den Lauf ständig ändert und dabei Kies und Schotter wild hin und her verschiebt. Die Isar ist ursprünglich so ein Wildfluss. Der studierte Landespfleger Markus Henning drückt es drastischer aus: „Die Isar ist eigentlich eine Katastrophenlandschaft.“ Nun gibt es jede Menge Pflanzen- und Tierarten, die mit dieser Katastrophe bestens leben können, die davon profitieren, wenn ein Wildfluss wieder mal die Karten neu mischt und „die Vegetation auf null setzt“, wie Henning sagt. Die sogenannten Alpenschwemmlinge Schleierkraut, Silberwurz oder die Herzblättrige Kugelblume kommen mit dem Hochwasser und nisten sich in den Auen ein. Für Blindschleichen, Ringelnattern, Zauneidechsen, Grashüpfer oder die Gefleckte Scharrschrecke sind die Kiesbänke und Uferbereiche eines Wildflusses der beste Lebensraum.

„Gries“ nennen die Naturexperten diese Flächen – ein altes deutsches Wort für Kies, das die Orte Lenggries oder Untergries aufgrund ihrer Lage im Namen tragen. Die Wasserregulierungsmaßnahmen in den Vierziger- und die Errichtung des Sylvensteindamms Ende der Fünfzigerjahre, der Verbau der Isar zur Landgewinnung und zum Hochwasserschutz also, hat Folgen: In den Isarauen wachsen die ehemaligen Kiesbänke immer mehr zu, sie werden zu Wäldern, „sie verbuschen“, sagt Henning.

Er weiß aber, wer die Verbuschung vielleicht stoppen kann: Ziegen. Henning, angestellt beim Maschinenring Wolfratshausen, managt das Beweidungsprojekt, das im Rahmen des Bundesprojektes „Alpenflusslandschaften – Vielfalt leben von Ammersee bis Zugspitze“ vom Bundesamt für Naturschutz und dem Bayerischen Naturfonds gefördert wird. Zwischen 2016 und 2020 sollen an der oberen Isar sechs Koppeln mit insgesamt 62 Hektar entstehen – vier davon zwischen Bad Tölz und der Bretonenbrücke in Lenggries, zwei westlich von Vorderriß. Träger für die Isarauen sind der Landkreis und der Isartalverein.

Joachim Kaschek vertritt beide. Zusammen mit Henning führte er am Samstagvormittag eine 15-köpfige Gruppe aus Landwirten, Anliegern und Naturschützern durch die Auen zwischen Tölz und Arzbach. Dort werden nun 2016 zwei, zusammen 25 Hektar große Gebiete eingezäunt. Die Lenggrieser Flussmeisterstelle hat dafür bereits Schneisen durch das dichte Wachholdergebüsch geschnitten. Etwa 25 Ziegen sollen „ans Gehölz rangehen“, erklärt Henning auf der Wanderung. „Wir wissen aber selbst nicht, wie stark der Verbiss ist. Oder ob die Viecher vielleicht sogar anderen Vegetationsarten schaden.“ Isar-Ranger Benedikt Hanus wirft ein, dass es „nicht viele Goaßn im Isarwinkel“ gebe. „Notfalls müssen wir sie im Garmischer Raum auftreiben“, entgegnet Kaschek.

Wer also Ziegen zuhause hat, darf sich eingeladen fühlen, sie im Frühjahr zur Verfügung zu stellen. Im Herbst bekommt er sie zurück. „Pensionsvieh“ nennt man das. Tobias Gmach

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