So können Landwirte Rehkitze retten

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Wackersberg - Der Tod lauert im Gras: In Deutschland werden jedes Jahr geschätzt 100 000 Rehe beim Mähen qualvoll getötet, etliche davon im Landkreis. In Wackersberg können sich Bauern künftig gratis sogenannte „Rehkitz-Retter“ ausleihen. Die Geräte sollen das Wild aufschrecken – und ihnen so das Leben retten.

Beim Anblick eines Rehkitzes schmelzen selbst gestandene Mannsbilder dahin – es sei denn, dem Tier fehlen ein oder mehrere Beine. „Das ist wirklich furchtbar“, sagt Hans Willibald sen., der als Jagdpächter schon öfter ein Bambi gesehen hat, das bei der Mahd den scharfen Klingen eines Mähwerks zum Opfer gefallen ist. Deshalb hat der Wackersberger auch keinen Moment gezögert, als ihm der Tölzer Tierschützer und Künstler Marco Paulo vorschlug, zum Schutz der Jungtiere aktiv zu werden.

Sechs sogenannte „Rehkitz-Retter“ hat Paulo zu diesem Zweck gekauft und an Hans Willibald übergeben. In dessen gleichnamiger Firma in Wackersberg können sich interessierte Bauern künftig kostenlos die elektronischen Geräte ausleihen und zwei oder drei Tage vor der Mahd im Feld aufstellen. Sobald die Abenddämmerung einsetzt, geben die „Rehkitz-Retter“ alle 20 bis 40 Minuten nervtötende Töne ab. Außerdem fängt ein Röhrchen an den Geräten an, blau zu blinken. Diese optischen und akustischen Warnsignale sollen die Rehmamas dazu bringen, ihre Kitze aus der Wiese zu holen.

Marco Paulo (re.) übergibt die Rehkitz-Retter an Hans Willibald. In dessen Firma können Bauern das Gerät ausleihen.

Sich selbst können die Jungtiere bekanntlich nicht retten: „Bei Gefahr ducken sie sich und bleiben liegen, egal was passiert“, erklärt Paulo. Bei natürlichen Feinden funktioniert dieser Urinstinkt gut, zumal Rehkitze keinen Eigengeruch besitzen, sodass sie von anderen Wildtieren kaum aufgespürt werden können. Wenn der Traktor kommt, wird diese Überlebenstaktik allerdings zur tödlichen Falle – übrigens auch für Feldhasen, Fasane und andere Bodenbrüter.

Das ist laut Paulo aber nicht der einzige Grund, warum die Bauern ein großes Interesse daran haben sollten, dass sie beim Mähen möglichst kein Tier verstümmeln oder töten. Denn die Kadaver können unter Umständen das Futter für die Nutztiere verunreinigen, Stichwort Botulismus. Durch diese Vergiftung können trächtige Kühe beispielsweise ihre Kälber verlieren – oder selbst daran sterben. Aber auch das Tierschutzgesetz nimmt die Landwirte in die Pflicht: Dort ist in Paragraf 18, Absatz 1 verankert, dass sich derjenige, der die Tiere fahrlässig tötet, strafbar macht.

Als überzeugter Tier- und Naturschützer stört sich Paulo seit Jahren daran, dass die bislang gängige Praxis noch immer zu viele Tiere das Leben kostet. So müssen die Bauern bei den jeweiligen Jagdpächtern den Zeitpunkt der Mahd zwar anmelden. Die Jäger gehen dann auch – oft mit Hunden – die Felder ab. „Aber das gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen“, betont der 58-Jährige, der vielen Einheimischen durch Aktionen wie dem Bau der „Brücke der Menschlichkeit“ mit jugendlichen Asylbewerbern am Blomberg ein Begriff ist.

Außerdem sind die Landwirte dazu aufgerufen, nicht von außen nach innen zu mähen, damit den Tieren nicht die Fluchtwege abgeschnitten werden. In Verbindung mit den modernen „Rehkitz-Rettern“ hoffen Paulo und Willibald nun, das heuer möglichst viele Jungtiere gerettet werden können. „Wenn wir noch ein paar Nachahmer finden“, sagt Paulo, „haben wir schon viel erreicht.“

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