Das Rücktrittsgesuch von Kardinal Reinhard Marx wird unter den Gläubigen diskutiert. Das Bild entstand 2017. Nach der Altarweihe in der Arzbacher Kirche, nahm Marx am Stammtisch im „Arzbacher Hof“ Platz.
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Das Rücktrittsgesuch von Kardinal Reinhard Marx wird unter den Gläubigen diskutiert. Das Bild entstand 2017. Nach der Altarweihe in der Arzbacher Kirche, nahm Marx am Stammtisch im „Arzbacher Hof“ Platz.

Diskussionen bei Kirchgängern

Marx bietet Rücktritt an: Von Isarwinkler Gläubigen gibt es Respekt, aber auch Kritik

Die Nachricht, dass Kardinal Reinhard Marx dem Papst seinen Rücktritt als Münchner Erzbischof angeboten hat, sorgt für Diskussionen unter den Gläubigen im Isarwinkel. Ein Stimmungsbild.

Bad Tölz-Wolfratshausen - Als der katholische Dekan Thomas Neuberger am Freitag auf seinem Handy die Nachricht las, dass Kardinal Marx sein Amt niederlegen will, befiel ihn erst einmal „ungläubiges Staunen“, sagt der Geistliche aus Dietramszell. Doch nach einer Weile kam er zu dem Schluss, dass genau dieser radikale Schritt zu Marx passt. „Er hat nie ein Blatt vor den Mund genommen, aber er hat auch sich selbst nie geschont.“

Dekan zollt dem Münchner Erzbischof Respekt

Neuberger zollt dem Münchner Erzbischof Respekt für seine Entscheidung. „Es zeigt Charakter, in Vorleistung zu gehen.“ Andere würden die Debatte um sexuellen Missbrauch aussitzen und „einfach mal abwarten, was da noch kommt“. Nicht genannt, aber gemeint: Der Kölner Kardinal Woelki, der den Prozess der Aufklärung sexualisierter Gewalt in seinem Erzbistum verschleppt und dem der Vatikan nun Visitatoren an die Seite gestellt hat. Verschleppen, verschweigen, wegducken: Das sei Marx’ Sache nie gewesen, sagt Neuberger. „Im Kern geht es für mich darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten“, hatte Marx in seinem Brief an den Papst geschrieben.

Erstaunen über Formulierung, die Kirche sei an „einem toten Punkt“ angelangt

Erstaunt hat Neuberger – der den Erzbischof von gelegentlichen Dekan-Konferenzen kennt – eine andere Formulierung in dem Brief an den Papst. So schreibt Marx an einer Stelle, dass die Kirche an einem „toten Punkt“ angelangt sei. Der Dekan kann nur spekulieren, was damit gemeint ist. „Möglicherweise bringt er seine Frustration zum Ausdruck, dass der Reformprozess so lange dauert.“ Vieles in Sachen Beteiligung von Laien sei seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1962 bis 1965 angestoßen worden. Aber: „Es wird viel geredet und wenig gehandelt.“

Über die Redewendung des „toten Punkts“ ist Josef Kellner, Vorsitzender des Eglinger Pfarrgemeinderats, regelrecht erschrocken. „Wenn ein so hochrangiger Geistlicher, der dem Vatikan nahesteht, so etwas sagt, dann fragt man sich doch, was da alles läuft.“ Er fürchtet, dass ein Rücktritt eine „Lawine auslösen“ wird. Die nächsten Tage würden mehr Klarheit bringen. Ob der 67-jährige Marx klug gehandelt hat? Der Eglinger vermutet, „dass der Schaden größer sein wird als der Nutzen“.

Rücktritt sieht für Wackersberger eher nach Flucht aus

Der Wackersberger Klaus Seidl (68), Leiter des Kirchenchors, hat sich über die Aussage, die Kirche sei an einem toten Punkt, sehr geärgert. „Alles, was mit sexuellem Missbrauch zu tun hat, gehört selbstverständlich aufgearbeitet – so weit es möglich ist. Aber ein Rücktritt sieht eher nach Flucht als nach Mithilfe zur positiven Wende aus“, sagt Seidl. Gerade in ländlichen Gemeinden wie Wackersberg „stehen noch viele zur Kirche. Die Unterstützung bei der Sanierung der Pfarrkirche und der engagierte Einsatz meiner Chormitglieder stimmen mich positiv. Wir werden auch ohne Marx weiter anpacken.“

Auch bei anderen Gläubigen aus Wackersberg sorgt das Rücktrittsgesuch für Diskussionen. „Ich wäre nicht traurig, wenn Papst Franziskus das Gesuch von Reinhard Marx nicht annimmt. Ich finde unseren Kardinal recht gut“, sagt Bernhard Sappl (65) nach dem sonntäglichen Gottesdienst. „Er ist konsequent und bringt seine Vorstellungen deutlich zum Ausdruck.“ Natürlich müssten die Missbrauchsvorwürfe aufgearbeitet werden. „Aber es gibt in der Kirche noch andere Probleme und Aufträge zu bewältigen. Und da wäre das Mitwirken von Kardinal Marx ganz wichtig und hilfreich“, sagt Sappl. Er glaubt, dass Marx mit seinem Rücktritt „den Druck für Änderungen auf die Kurie erhöhen“ wolle.

Glaube muss wieder an vorderste Stelle rücken, nicht Skandale

Ob der Rücktritt der richtige Weg ist, kann Benedikt Kloiber (52) aus Lehen nicht beurteilen. Das Thema Missbrauch gebe es in der Kirche seit Langem. „Über Jahrzehnte wurden meinem Empfinden nach jedoch die Täter geschützt und nicht die Opfer“, sagt Kloiber.

„Wie Auszüge aus dem Brief an Papst Franziskus zu entnehmen ist, scheint Marx auch einiges darüber gewusst zu haben. So schreibt er ja auch über viel persönliches Versagen oder administrative Fehler und institutionelles beziehungsweise systemisches Versagen.“ Richtig sei, dass endlich gehandelt werden muss. „Ob der Rücktritt als Kardinal der richtige Weg ist, wage ich eher zu bezweifeln.“

Lisa Simon (33) aus Burger sieht in dem Rücktrittsgesuch eher „eine Flucht nach vorn“, sagt sie. „Ich bin hin- und hergerissen. Natürlich gehört alles, was mit sexuellem Missbrauch durch Amtsträger der Kirche zu tun hat, rigoros aufgearbeitet, und da möchte der Kardinal vermutlich ein Zeichen für die Neuerung der Kirche setzen. Aber das wird er nicht alleine schaffen, da muss schon mehr Führungspersonal einen Beitrag leisten.“ Simon würde sich für die Zukunft generell wünschen, dass „der Glaube wieder an vorderster Stelle steht und nicht Skandale für Schlagzeilen sorgen.“

Hans Demmel und Volker Ufertinger

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