Prächtiger Bauernhof: In den 1920er-Jahren war der großräumige „Strasserhof“ ein für seine Zeit typisches „Italiener-Bauwerk“.
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Prächtiger Bauernhof: In den 1920er-Jahren war der großräumige „Strasserhof“ ein für seine Zeit typisches „Italiener-Bauwerk“.

Historisches

Strasserhof in Wackersberg: Geschichte und Geschichten

Am Strasserhof in Oberfischbach laufen gerade die Abrissarbeiten. Viele bedauern das „Auslöschen“, denn das Anwesen hat eine lange, traditionsreiche Geschichte.

Oberfischbach – „Der Strasserhof ist Geschichte“ hieß jüngst die Überschrift eines Berichts über den derzeit laufenden Abriss dieses einst überaus stattlichen, zuletzt aber zunehmend verfallenden Hofes. Viele Menschen aus dem Umfeld sehen das „Auslöschen“ des Anwesens am Buchberg mit Bedauern. Der Strasserhof ist und hatte Geschichte – eine Geschichte, die weit zurückreicht und den Bauernhof durch lange Zeiten hindurch als markanten und prägenden bäuerlichen Familiensitz unserer Region beschreibt.

Erste bekannte und diesem Hof zugeordnete Aufzeichnungen benennen anno 1250 einen „Vlricus daz Straße“, zugehörig dem Kloster Tegernsee. Die in einer Beschreibung von 1330 auferlegte Abgabe von „50 Käse“ an die Lehensherrschaft weist darauf hin, dass beim „Strasser“ schon damals Milchvieh gehalten wurde. Wo der Name „Strasser“ herkommt? Eine dokumentierte Erklärung dafür gibt es wohl nicht. Allerdings lag das Gehöft an einer Straße, die in früher Zeit eine wichtige Verbindung von Tölz in Richtung Westen darstellte und auch als „Salzstraße“ diente.

Erste Erwähnung des nun abgerissenen Hofes stammt aus dem 13. Jahrhundert

Zum Jahr 1633 ist als Hof-Übernehmer der Name Kaspar Fischhaber eingetragen. Dieser erwarb 1636 das unmittelbar hinterhalb gelegene „Wasensteiner“-Anwesen dazu. Jedoch wurden laut Aufzeichnungen nachfolgend der „Strasser“ und der „Wasensteiner“ jeweils wiederum separat von zwei Nachkommen Fischhabers weitergeführt. Da die Ehe des „Wasensteiner“-Bauern aber kinderlos blieb, kamen die beiden Liegenschaften 1723 erneut in eine Hand. Der nunmehrige alleinige Besitzer, Balthasar Fischhaber, und seine aus Lenggries stammende Ehefrau Maria ließen 1724/25 beim „Wasensteiner“ eine Kapelle einbauen – unter einem gemeinsamen Dach und Wand an Wand mit dem Wohnhaus. Die Kapelle wurde dem heiligen Stephanus geweiht. Heute ist das im Volksmund als „Hinterstrasser“ oder häufig als „Kapellenhaus“ benannte Gehöft eine Besonderheit auf der Liste der denkmalgeschützten Objekte in Oberbayern. Von den 1960er- bis in die 1980er-Jahre hielten die Anwohner des Buchbergs in der Kapelle die Sterberosenkränze für ihre Angehörigen ab.

Der Truhenwagen des Strasserbauern (von 1849, Foto um 1910) wird an Leonhardi noch gefahren.

Der Lauf der Zeit brachte stetige Veränderungen mit sich. 1804 baute der damalige Besitzer eine Mahlmühle. Bei den vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auftretenden Güterzertrümmerungen konnte der Strasser landwirtschaftliche Flächen von benachbarten Höfen kaufen und sich überdies durch Erwerb von Bergteilen vergrößern. Der seinerzeit für einige Jahre in Tölz tätige Bezirksamtmann Rudolf Schreiber notierte anhand von mündlichen Erhebungen: „Straßerbauer, 190-200 Tagwerk (100 Tagwerk Wald), 30 Stück Vieh, 5 Pferde, 4 Dienstboten, Holzverkauf, Käserei. Zum Hof gehört das Nebenanwesen ,Zum Wasensteiner‘.“ Ein ebenfalls dem Strasserhof zugeschriebenes Wertstück ganz anderer Art hingegen und zugleich eine örtliche Besonderheit war die silberne und mit bunten Steinen besetzte Brautkette, die man laut Schätzung ungefähr 1880 hatte anfertigen lassen. Als spezieller Brautschmuck, der – an der Taille der Hochzeitstracht befestigt – schräg über die Schürze nach hinten verläuft, wurde sie seitdem von mehreren Bauerntöchtern aus den Höfen am Buchberg bei der Heirat getragen.

Strasserhof: 1724 wurde das „Kapellenhaus“ erbaut

Neben der immer ausgeprägteren Milchviehhaltung – kurz vor der Betriebsaufgabe um 1980 standen für hiesige Gegebenheiten ungewöhnlich immerhin 100 Kühe im neuen Stall – schätzte man beim Strasser indes auch die Pferde und die Tölzer Leonhardifahrt: Der heute noch bestehende zugehörige Truhenwagen trägt die Jahreszahl 1849. Man darf also durchaus annehmen, dass seitdem Rösser und Wagen vom Hof bei der Wallfahrt auf den Tölzer Kalvarienberg vertreten waren. In den 1882 begonnenen Zeitungs-Auflistungen ist der Strasserhof generationenübergreifend noch weitere 39 Mal vermerkt, teils mit einem kompletten Vierergespann, teils als Zuspanner. Die letzte Lehards-Teilnahme des Strasserhofs, auf dem sich ab 1773 durch Einheirat der Familienname Riesch eingebürgert hatte, scheint 1952 gewesen zu sein.

In den 1950er-Jahren wurde der „Strasserhof“ ein Café mit Pension.

Das stolze, großräumige Bauernhaus, das nun mit schwerem Gerät abgetragen wurde, war in seiner Art ein zeittypisches „Italiener“-Bauwerk, entstanden im Jahr 1893. Viele ältere Einheimische und Nachbarn erinnern sich noch gut an den regen Zulauf, den das 1955 darin eingerichtete, von Elisabeth Riesch geführte Café mit Zimmervermietung über viele Jahre hatte. Gerade für die seinerzeit noch sehr zahlreichen Tölzer Kurgäste war eine Einkehr am Strasserhof beliebtes Ziel ihrer nachmittäglichen Spaziergänge.

Truhenwagen vom „Strasser“ war oft bei Leonhardi dabei

Im Agrarsektor gingen generell technische Neuerungen und die Suche nach modernen Bewirtschaftungsformen mit schnellen Schritten voran – wobei Theorie und Praxis nicht immer harmonierten und nicht für jeden Betrieb geeignet waren. Visionäre Pläne, die die erhoffte Wirtschaftlichkeit nicht erfüllten, waren es wohl auch, die dem Strasserhof schließlich an die finanzielle Substanz gingen. Vor etwa 40 Jahren wurden die Landwirtschaft aufgegeben, das große Bauernhaus vom Unternehmen „Küchen Dross“ gekauft und die landwirtschaftlichen Flächen vom Golfclub Bad Tölz gepachtet. 1991 dann ging das zuvor noch im Familienbesitz verbliebene „Wasensteiner“-Nebenanwesen samt Golfflächen und Wald an Ludwig Perras über. Das Verhältnis zwischen den nunmehrigen eng aneinandergrenzenden Nachbarn „Küchen Dross“ und Perras war schwierig, was weitere Gestaltungsmöglichkeiten speziell für das Strasserhof-Gebäude aufgrund seines geringen Flächen-Umgriffs erschwerte. Johannes Tien, der die Immobilie 2018 von „Küchen Dross“ übernahm, hat seine Hotelbau-Pläne ebenfalls aufgegeben und will wieder verkaufen. Über all diese Geschehnisse hinweg ist der Strasserhof alt und mürbe geworden – eine Sanierung schien nicht mehr sinnvoll.

Schwierige Zeit für Strasserhof nach 1991

Mit dem Abriss geht eine lange und bewegte Ära zu Ende. Laut Zeitungsberichten könnte bald ein neuer Besitzer die freie Hofstelle bebauen. Vielleicht sind dann der neue Strasserhof und der vor einigen Jahren um einen Anbau erweiterte einstige Wasensteiner-Hof nach rund 40-jähriger Trennungsphase wieder in einer Hand? (Quellen: Chronik von Wackersberg, private Unterlagen; Text: Rosi Bauer)

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