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Genügsam: Nach einer "Mahlzeit" braucht der Blutegel ein Jahr keine Nahrung mehr.

Ungewöhnliche Therapiemethode 

Doktor Blutegel

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Oberfischbach – Sie sind bis zu 15 Zentimeter lang und können Schmerzen lindern: Blutegel. Der Oberfischbacher Jens Kuhnert praktiziert die ungewöhnliche Heilmethode.

Wer an blutsaugende Lebewesen denkt, dem kommen wahrscheinlich Mücken in den Sinn. Oder Vampirfledermäuse. Auf jeden Fall nichts Angenehmes. Dass Tiere, die sich vom menschlichen Blut ernähren, auch Positives bewirken können, weiß Jens Kuhnert. Der Heilpraktiker aus Oberfischbach arbeitet mit Blutegeln.

Alles begann 2010. Da eröffnete der 46-Jährige seine eigene Praxis. „Ich habe gemerkt, dass die Behandlung mit Blutegeln bei mir am meisten nachgefragt wird.“ Darum beschloss er, sich darauf zu spezialisieren.

Das Wissen, die Tiere medizinisch einzusetzen, ist schon sehr alt. Schon Jahrhunderte vor der Zeitenwende wurde der Egel in Indien, später im arabischen Raum eingesetzt. Auch in Russland war und ist die medizinische Praxis gang und gäbe. „Ich habe gemerkt, dass ich im Internet viel Zuspruch aus diesen Regionen bekommen habe“, sagt Kuhnert. Seine Klientel sei aber großteils deutsch.

Jens Kuhnert: Heilpraktiker aus Oberfischbach

Die Beschwerden, mit denen Patienten zu ihm kommen, sind unterschiedlich. Klassisch seien etwa Arthrose, Gelenkschmerzen, Rheuma, Krampfadern, verschiedene Entzündungen, aber auch Tinnitus und Kopfschmerzen. Der Egel wird genau dort angesetzt, wo der Schmerz angegeben wird. Theoretisch auch an Auge und Zahnfleisch, aber das praktiziert Jens Kuhnert nicht. Zwei bis acht Tiere – je nach Beschwerden – werden benötigt. Pro Minute zahlt der Kunde einen Euro, dazu kommen zehn Euro pro Egel.

Wichtig sei es, dass der Patient 24 Stunden vor der Behandlung keinen Alkohol konsumiert hat und sich nicht stark parfümiert. „Der Egel mag den Körpergeruch, dann beißt er besser“, sagt Kuhnert.

Und was passiert dann? „Der Blutegel hat einen kreisrunden Mund mit kleinen Kalkzähnchen. Damit raspelt er sich in die Haut.“ Beim Ansetzen gibt der Egel seinen Speichel in die Wunde ab, der viele Wirkstoffe enthält – unter anderem laut Kuhnert entzündungshemmende und schmerzstillende Elemente. Für eine halbe bis zu eineinhalb Stunden saugt der Egel etwa acht bis zehn Milliliter Blut. „Fertig ist er, wenn er sich abfallen lässt“, erklärt Kuhnert. Es sei auch schon vorgekommen, dass das Tier wie wild zu Saugen begann und nach zehn Minuten fertig war. Oder, dass es zwei Stunden andockte. „Das kann ich nicht beeinflussen“, sagt Kuhnert. Er löst die Egel auch nicht vorher ab – obwohl es durchaus Tricks gäbe, beispielsweise mit Hitze.

Der Patient, der die Behandlung in Anspruch genommen hat, sollte es eine Woche etwas ruhiger angehen lassen. „Beim Abheilen kann es zu einem Juckreiz kommen, der ist öfter unangenehmer als die Behandlung selbst.“ Allergische Reaktionen seien äußerst selten.

Der Egel muss nach einer solchen Mahlzeit ein Jahr lang keine Nahrung mehr zu sich nehmen – in seinem natürlichen Umfeld muss er oft lange ausharren, bis er einen Fisch, Frosch, eine Echse oder ein Säugetier antrifft, an dem er sich sattsaugen kann.

Die medizinisch eingesetzten Blutegel kommen allerdings nicht aus einem Bach oder Tümpel. Sie werden speziell für diesen Zweck gezüchtet, in Biebertal in Hessen. „Wenn ich die Tiere bestelle, sind sie in ein bis zwei Tagen bei mir in der Praxis“, sagt Kuhnert. Dann benötigen sie zunächst Ruhe und müssen sich an ihre neue Umgebung gewöhnen. „Sie mögen es nicht laut, hell oder stressig. Dann beißen sie nicht.“

Nach einer Vorschrift müssen die Tiere aus Sicherheitsgründen hinterher getötet werden: Entweder in Alkohol oder durch Einfrieren. Der Oberfischbacher ist aber froh, dass es seit April 2015 eine Alternative gibt: „In der Biebertaler Blutegelzucht gibt es jetzt einen sogenannten Rentnerteich – aus Respekt vor den Kreaturen.“ Gegen einen kleinen Obolus verbringen die Tiere dort ihren Lebensabend. Immerhin sollen Blutegel bis zu 30 Jahre alt werden.

Die häufigste Frage, mit der Jens Kuhnert konfrontiert wird, ist die nach den Schmerzen. „95 Prozent sagen, es fühlt sich an wie eine Mischung aus Mückenstich und Brennnessel. Aber nur ganz kurz.“ Auch Ekel sei nur bei wenigen ein Thema. Auf Wunsch könnten die Patienten vorher kommen und sich die Egel einmal ansehen.

Die Erfolgsquote der Behandlungen sei besonders bei Schmerzpatienten hoch, sagt Kuhnert, der bedauert, dass diese Heilungsmethode von vielen Ärzten oder Krankenhäusern noch nicht anerkannt werde. „Da fehlt leider der Draht dazu.“ Der Heilpraktiker sagt auch klar, dass seine Behandlungsmethode ihre Grenzen hat: „Ein Blutegel kann natürlich keine Bandscheibe reparieren. Da muss schon mehr getan werden.“

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