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Mit dem Fernglas wird das weitläufige Gelände schon einmal vorab abgesucht. 

Große Übung von Bergwacht und Polizei

Der verschwundene Sohn

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Bad Tölz/Wackersberg - Wo ist Philipp? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer großen Übung von Bergwacht und Alpiner Einsatzgruppe der Polizei.

Ein Ehepaar steht aufgelöst in der Tölzer Polizeiinspektion. Ihr 28-jähriger Sohn Philipp wird seit einigen Stunden vermisst. Weil sich seine Freundin von ihm getrennt hat, ist er psychisch labil. Das einzige, was seine Eltern wissen, ist, dass Philipp zu einer Wanderung Richtung Längental aufgebrochen ist. Über die Integrierte Leitstelle werden die Bergwachten Bad Tölz und Lenggries alarmiert. Auch die Alpine Einsatzgruppe der Polizei rückt aus. Es ist der Auftakt zu einer großangelegten Übung am Donnerstagabend.

Alles beginnt mit großer Ruhe

Die erste Erkenntnis: Eine Vermisstensuche beginnt nicht überstürzt, sondern mit großer Ruhe. Während sich die alarmierten Helfer vor der Rettungswache auf der Flinthöhe versammeln, beraten im ersten Stock die Einsatzleiter von Polizei und Bergwacht das weitere Vorgehen. Wie ist die Ausgangslage? Liegt bereits ein Bild des Vermissten vor? Muss das Kriseninterventionsteam verständigt werden, um die Eltern zu betreuen? Macht es Sinn, die Rettungshundestaffel zu alarmieren? „Wir sollten alles alarmieren, was Füße hat“, sagt einer der Verantwortlichen. Dann muss die erste Entscheidung dieses Abends getroffen werden: Paul Schenk von der Tölzer Bergwacht und Thomas Rappensberger, Einsatzleiter der Alpinen Einsatzgruppe der Polizei, stehen vor der Karte, die das Längental zeigt: Mit Stiften wird markiert, wo in dem riesigen Gebiet gesucht wird – und wo nicht. Alles können die 35 ehrenamtlichen Bergretter und zwölf Einsatzkräfte der Polizei niemals bewältigen. „Wenn wir den Leitenberg auch noch mitnehmen, werden wir wahnsinnig“, sagt einer. „Er wollte wohl nie zum Klettern gehen“, hat ein anderer über den Vermissten in Erfahrung gebracht. Weitere Bereiche werden aus der Karte gestrichen.

Dann instruieren die Einsatzleiter die wartenden Helfer. Etwa eine halbe Stunde ist seit der Alarmierung vergangen. Teams werden gebildet und auf die Autos verteilt. Nächster Stopp: der Parkplatz im Längental. Dort hat die Polizei das Auto des Vermissten gefunden und untersucht es auf Spuren. Wolfgang Weber, einer der beiden Abschnittsleiter der Bergwacht, hat eine Karte des Einsatzgebiets auf der Motorhaube eines Polizeiwagens ausgebreitet. Er legt fest, wer mit wem zur Suche aufbrechen wird. Auch das Vermisstenbild liegt mittlerweile vor. Es zeigt, dass eine anfängliche Information falsch war. Der junge Mann ist eindeutig dunkelblond, nicht schwarzhaarig.

Die ersten Fußtrupps schwärmen aus

Dann geht’s los. 19.15 Uhr ist es mittlerweile. Weber und der Alpinbeamte der Tölzer Polizeiinspektion, Siegfried Halemba, brechen Richtung Tiefental auf. Unterwegs setzen sie die Fußtrupps ab. „Hast du deine Lampe dabei? Und was zu trinken?“, fragt Weber vor dem Aufbruch. Ein Stück weiter steigt der nächste Fußtrupp aus. Er wird die Flanke des Waxensteins absuchen. „Bitte passt auf. Da ist viel Absturzgelände drin. Bleibt zusammen“, warnt Weber.

Er und Halemba bleiben mit dem Auto am Fuß des Bergs zurück und kümmern sich um den Funkverkehr. Das ist nicht immer einfach. Der neue Digitalfunk geht im verwinkelten Längental nicht überall. Halemba hält immer wieder sein Handfunkgerät in die Höhe, um den Empfang zu verbessern. Aber zumindest im Auto kommen alle Funksprüche an. „Aufgrund der vorgerückten Stunde werden wir auch an Wärmebildkameras denken müssen“, ertönt es gerade aus dem Lautsprecher im Wagen. Halembas Handgerät bleibt stumm. Kein Empfang. „Ah, da kommt das Krokodil“, sagt er plötzlich und blickt auf. Kurze Verwirrung: Was da den Weg entlangkommt, ist eindeutig kein Krokodil, sondern der 48 Kilo schwere und sieben Jahre alte Polizeihund „Jackson“. Halemba erzählt kurz von einer kleinen Schnapp-Attacke. „Nachts möchte ich dem nicht begegnen“, sagt der Polizist. Aber er lächelt. Schäferhund Jackson fährt gerne Auto. Deshalb macht er es sich auch sofort im Einsatzwagen bequem. Aber nicht lange. Jackson muss gemeinsam mit Hundeführer Erich Christ weiter – den Vermissten suchen.

20.30 Uhr: Der Rucksack des Vermissten taucht auf

Gegen 20.30 Uhr wird die erste Erfolgsmeldung gefunkt. An der Tiefentalalm ist der Rucksack des Vermissten gefunden worden, und der Hüttenpächter hat den jungen Mann vor eineinhalb Stunden gesehen. „Normalerweise müsste jetzt erst einmal ermittelt werden, ob es wirklich der Rucksack des Vermissten ist. Aber wir haben eine Kopie seines Ausweises reingelegt“, sagt Michael Landmann, bei der Tölzer Bergwacht zuständig für die Ausbildung. Diese Aufgabe teilt er sich mit Stephan Busl. Der Polizeibergführer arbeitet in der Inspektion Penzberg, gehört ebenfalls der Alpinen Einsatzgruppe an und hat die Übung konzipiert. Bis jetzt ist er ganz zufrieden. „Fehler passieren. Aber Übungsziel ist es ja, aus den Fehlern zu lernen“, sagt er. Vieles könne man zehnmal in der Theorie durchgehen und da auch beherrschen. „Aber das ist alles für die Katz, wenn man nicht übt.“

Nach der Rucksack-Meldung machen sich mehrere Teams auf den Weg zur Tiefentalalm. „Was sie jetzt machen, hört sich gut an“, lobt Busl. „Sie halten sich an die Fakten und Hinweise und suchen jetzt systematisch den Bereich ab.“ Das allerdings zieht sich. Die Sonne ist mittlerweile untergegangen. Als die Retter im Zwielicht den letzten Kletteranstieg zum Hennenköpfl in Angriff nehmen wollen, gibt’s doch einen kleinen Mitleids-Tipp von Busl. Er empfiehlt eher mal den Jägersteig weiter unten abzusuchen. Fies: Der Steig ist in keiner der Karten vermerkt.

Um 21.19 Uhr dann die Meldung: „Wir haben die Person gefunden. Er ist soweit fit. Wir bringen ihn zur Straße.“ Weber ballt die Faust: „Strike“, ruft er. „Gratulation“ funkt die Einsatzleitung aus Bad Tölz. „Nächster Treffpunkt: Kirchsteinhütte.“ Dort findet die Abschlussbesprechung statt. Außerdem gibt es eine Brotzeit. Und die haben sich alle Retter voll verdient.

Vermisstensuche im Längental: Übung von Bergwacht und Alpiner Einsatzgruppe

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