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Wiener Freigeist auf dem Barhocker: Jo Strauss im „Kramerwirt“.

Anspruchsvoll, skurril und zugleich heiter

Wohlig-schauriger Kunstgenuss: Wiener Schmäh mit Jo Strauss im „Kramerwirt“ 

Das war ein Auftritt der besonderen Art: Jo Strauss begeisterte mit seiner philosophisch-morbiden Musik das Publikum im „Kramerwirt“ in Arzbach.

Arzbach Man stelle sich vor: Wien vor 100 Jahren. Die ruhmreiche Hauptstadt des riesigen habsburgischen Vielvölkerreiches war gerade zur Provinzhauptstadt eines gebirgigen Zwergstaates geschrumpft. Dieser Höllensturz ließ sich anscheinend nur mit einem ganz absonderlich makabren Humor ertragen – rabenschwarz, von bipolaren Störungen, blutrünstigen Mordfantasien und Todessehnsucht gepeinigt, so weinerlich und morbid, so depressiv und suizidal, dass ein Leben eigentlich nur im Milieu von Gräberfeldern denkbar erschien.

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Dieses Sujet treibt Jo Strauss, der im Rahmen des KKK-Programms im Arzbacher „Kramerwirt“ gastierte, geradezu auf die Spitze. Man braucht als „Ausländer“ (und wenn man kein Groupie ist), der nicht jedes Wienerische Idiom auf Anhieb versteht, doch eine ganze Zeit lang, bis man aufhört zu fremdeln und sich darauf ganz einstellen kann. Aber dann wird’s zum echten Vergnügen. Leider blieben bei diesem wohlig-schaurigen Kunstgenuss einige Stühle leer, weil das Tölzer Land zeitgleich von einem neuerlichen Wintereinbruch heimgesucht wurde und die Anfahrt nach Arzbach auf eingeschneiten Straßen ein kleines Abenteuer war.

Der philosophisch belesene Meister selbst, im tabakfarbenen Anzug und mit riesengroßer Brille, saß auf einem hohen Barhocker und gab „kein Kabarett oder Kasperltheater“, sondern eine Art professorale, akademisch-musikalische „Vorlesung mit Anwesenheitspflicht“ zum Besten. Eigentlich war Mitschreiben angesagt. Hinter ihm die vier Jungs seiner exzellenten Begleitband, alle mit schwarzer Krawatte.

Dieser Jo Strauss ist ein begnadeter Live-Performer. Sein bildungsbürgerlicher Streifzug kreiste um Sigmund Freud, um die „Philosophie als Sammelbecken für in sich gekehrte, schweigsame Misanthropen“, um den perversen Frauenmörder Blaubart, um Wagner-Partituren als Kiloware und ein schluchzendes Orchester, um Opas riesigen Bösendorfer-Flügel, um den herum ein ganzer Stadtbezirk entstanden ist – und natürlich immer wieder um Wien und die Befindlichkeiten seiner Menschen.

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Für diese Stadt, von der aus vor 100 Jahren auch ein völkisch geprägter Antisemitismus und die Karriere des wohl schlimmsten Schreckensherrschers der Menschheitsgeschichte ihren Ausgang genommen haben, scheint Jo Strauss Liebe und Abscheu zugleich zu empfinden. Angesichts der Schwere des Seins empfahl er seinem Auditorium etwa, „so lange wie möglich zu studieren, um sich der gesellschaftlichen Zwangsintegration zu entziehen“.

Wie er sich inszeniert, das hat einige Alleinstellungsmerkmale: Sein Auftritt wirkt schauderhaft, skurril und erheiternd zugleich. Er lebt von seiner komisch verschwurbelten Mimik und Gestik, von seiner knurrigen, verrauchten Reibeisen-Stimme im allertiefsten Bass, die an Louis „Satchmo“ Armstrong und mehr noch an Tom Waits erinnert, am meisten jedoch von der hohen lyrischen Qualität seiner Texte.

Viel Applaus und einige Zugaben für den spitzmündigen weanerischen Freigeist. (Rainer Bannier)

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