+
Eine Kabine der Herzogstandbahn voller Passagiere – das ist nach der Wiederaufnahme des Betriebs am Pfingstsamstag nicht möglich. In der Kabine dürfen ab sofort nur noch zehn Bergfreunde transportiert werden.

Interview

Strenger Fahrplan für Herzogstandbahn: Darauf müssen sich die Gäste nach der Wiedereröffnung einstellen

  • Patrick Staar
    vonPatrick Staar
    schließen

Monatelang waren die Bergbahnen geschlossen, ab Pfingstsamstag dürfen sie wieder fahren. Im Interview spricht Jörg Findeisen, Betriebsleiter der Herzogstandbahn, über die Änderungen, auf die sich die Fahrgäste einstellen müssen.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie der Wiedereröffnung der Herzogstandbahn entgegen?

Wir sind im Hinblick auf das Hygienekonzept gut aufgestellt. Wir haben im Vorfeld vom Seilbahn-Verband und von anderen Quellen ausreichend Informationen erhalten. Die Frage der Besucherlenkung haben wir gelöst, die Ein- und Ausgänge sind getrennt. Die üblichen Abstands-Markierungen in den Gebäuden wurden angebracht. Bei Betreten der Stationen sind Masken zu tragen, auch während der Fahrt. Wir halten während der Fahrt alle Fenster sperrangelweit offen, damit eine gute Durchlüftung gegeben ist und sich die Aerosole nach außen verteilen. Die Dinge kennt inzwischen jeder, und ich denke, dass unsere Kunden gut darauf reagieren.

Jörg Findeisen, Betriebsleiter der Herzogstandbahn

Was sind die gravierendsten Änderungen für die Fahrgäste?

Der gravierendste Punkt ist die Änderung der Kapazitäten von 30 auf zehn Personen pro Kabine. Das heißt klipp und klar: Wir können in dieser Situation nicht mehr solche Menschenmengen transportieren wie es vorher möglich war. Alle Fahrkarten werden nur noch an der Talstation verkauft. Und wir müssen Zeitkarten ausgeben. Dadurch können wir genau festhalten: Wie viele Personen müssen wir abends vom Berg runterfahren? Jeder Kunde, der eine Fahrkarte mit Talfahrt kauft, bekommt einen Zettel, auf den eine Uhrzeit aufgedruckt ist. Zu der Zeit muss er sich wieder an der Bergstation einfinden.

Was passiert, wenn ein Wanderer nicht rechtzeitig zurückkommt?

Dann werden alle anderen Gäste vorgezogen. Er muss sich hinten wieder anstellen. Sonst können wir dieses System insgesamt nicht aufrechterhalten. Wer nicht kommt zur rechten Zeit, muss sehen, was übrig bleibt. Das ist bitter. Und das ist für mich nach über 20 Jahren hier eine Situation, mit der ich niemals gerechnet hätte. Wie hat Ministerpräsident Söder so schön gesagt: Wir werden zu einer anderen Normalität kommen.

Der Eine mag ein paar Stunden auf dem Berg bleiben, dem Anderen reichen ein paar Minuten. Kann man sich einen Zeitpunkt für die Talfahrt wünschen?

Wir werden keine großen Wahl-Möglichkeiten haben. Wenn Leute sagen, dass sie nur mal schnell zum Fotografieren hochfahren wollen – was sehr oft vorkommt – und sie fahren gleich wieder runter, dann vergeben wir ihre Platzkarten neu. Jeder Fahrgast mehr verbessert unsere wirtschaftliche Situation.

Wie verändert sich die Beförderungs-Kapazität?

Man muss sich das nur mal durchrechnen: Wir können pro Kabine zehn Leute mitnehmen. Wir müssen zwischendrin die Flächen in den Kabinen desinfizieren, daher schaffen wir nur noch zehn Fahrten pro Stunde. Hinzu kommen notwendige Zusatzfahrten, wie zum Beispiel für Bergwacht-Einsätze. Momentan können wir an einem Tag etwa 1000 Beförderungen zusammenbringen. Früher haben wir an einem Tag 4000 Beförderungen geschafft. Wir hoffen darauf, dass unsere Fahrgäste mit Verständnis auf diese Situation reagieren. Egal, ob beim Friseur, im Restaurant oder in Biergärten: Wir haben überall diese Kapazitätsgrenzen.

Was sind momentan die größten Probleme?

Hausintern kämpfen wir mit unserem neuen Kassensystem. Mit unseren EC-Karten-Geräten haben wir ein kleines Problem. Die Systeme sind komplex, da sind noch ein paar technische Details zu lösen. Das macht die vorhandenen grauen Haare noch etwas grauer. Wir haben mehr oder weniger eine Standleitung zum Anbieter. Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir das in der verbleibenden Zeit auch noch hinbekommen.

Ist die Änderung am Kassensystem coronabedingt?

Nein, das war schon länger geplant. Das hat damit zu tun, dass wir den Anforderungen des Fiskus genügen wollen. Wir hatten das schon im Sommer 2019 angeschoben, dieses Jahr wollten wir das einrichten.

Ist ein Karten-Vorkauf angedacht, um die Wartezeit zu verkürzen?

Wir werden keinen Karten-Vorverkauf machen. Die Leute müssen vor Ort anstehen und kaufen, das geht nicht anders. Wir können im Vorverkauf keine Zeitkarten ausgeben, sonst verlieren wir die Übersicht. Wir arbeiten aber daran, eine Verkaufs-Plattform im Internet aufzubauen. Das mussten wir aus Zeitgründen aber zurückstellen, das würde Personal binden. Wir sind ja nur ein kleines Team.

Wie sieht es mit der Wirtschaftlichkeit aus, wenn Sie nur noch ein Viertel der üblichen Fahrgastzahl befördern können?

Wir werden uns im Juni mit den Gesellschaftern an einen Tisch setzen und eine Auswertung machen. Basierend darauf werden wir entscheiden, wie weiter vorzugehen ist. Unsere Berechnungen gehen davon aus, dass wir mit einer schwarzen Null rauskommen - wenn das Wetter mitspielt. Spannend. Wir haben von überall gehört: Nehmt den Fahrbetrieb wieder auf, das Hygiene-Konzept, das der Seilbahn-Verband zusammen mit den Ministerien und Berufsgenossenschaft aufgestellt hat, ist in sich schlüssig und nachvollziehbar.

Stand es im Raum, dass nicht gefahren wird?

Natürlich. Man spielt alle Möglichkeiten durch, auch diese Option mussten wir in Betracht ziehen. Erst vor einer Woche haben wir die Nachricht bekommen, dass die Seilbahnen wieder geöffnet werden dürfen. Eine Schließung wäre die allerletzte Option: Wenn wir sehen, dass wir wirtschaftlich auf überhaupt keinen grünen Zweig kommen und so viel Geld verbrannt wird, dass wir Kurzarbeit in Betracht ziehen müssen. Aber wir sind Dienstleister. Da strecken zwei Worte dahinter: Dienen und leisten. Wir in der Seilbahn-Branche sind gewohnt, Dinge in Bewegung zu bringen, die normal nicht gehen. Das ist eine harte Branche. Da wird gerackert und geklotzt, 24 Stunden am Tag. Meine Kollegen von der Brauneck- und Blombergbahn haben da die gleiche Mentalität.

Lesen Sie auch:

Lenggrieser „Alpenjäger“ demonstriert mit Bus-Unternehmern in Berlin

Beginn der Pfingstferien: Droht erneut Verkehrschaos am Walchensee? Bürgermeister wollen Kollaps verhindern

Mountainbiker befahren extrem schmalen Steig - Wanderin geschockt: „Mir kommen jetzt schon die Tränen“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Corona - ein Härtest für Familien und das Tölzer Jugendamt
Corona war und ist ein Härtetest für Familien – und damit gleichzeitig für das Jugendamt. Wie hält man Kontakt zu Familien, wie schaut man auf das Wohl der Kinder, wenn …
Corona - ein Härtest für Familien und das Tölzer Jugendamt
Tölz live: Tipps fürs Wochenende
Kleiner Blechschaden da, großer Stau dort, eine Gewitterfront zieht an, ein tolles Konzert startet in Kürze. Hier gibt‘s unseren Newsblog direkt aus der Redaktion.
Tölz live: Tipps fürs Wochenende
Extremes Unwetter setzt Königsdorf unter Wasser
Ganze 23 Mal musste die Feuerwehr am Donnerstag in Königsdorf ausrücken. Grund war ein extremes Unwetter, über das selbst erfahrene Kommandanten staunten. 
Extremes Unwetter setzt Königsdorf unter Wasser
Mit Höllenlärm: Münchner Motorradfahrer brettert über Kesselberg - und zeigt sich komplett uneinsichtig
Mit einer extrem lauten Maschine bretterte ein Motorradfahrer aus München über den Kesselberg. Das dürfte nun ernste Folgen für den Mann haben.
Mit Höllenlärm: Münchner Motorradfahrer brettert über Kesselberg - und zeigt sich komplett uneinsichtig

Kommentare