Wasser, das bauen kann: Langsam wächst die Rinne durch Kalkablagerungen empor.

Wenn sich das Wasser eigene Rinnen baut

Wackersberg - Wer Kalk in der Kaffeemaschine hat, versucht ihn möglichst loszuwerden. So kostbare wie zerbrechliche Launen der Natur hingegen sind die Kalk-Gebilde, die sich im Laufe von Jahrtausenden unter freiem Himmel bilden können: „Steinerne Rinnen“. Zwei davon gibt es in Wackersberg.

Eine der natürlich gewachsenen Rinnen befindet sich bei der Baun-Alm. Das Naturdenkmal ist acht Meter lang sowie je einen Meter breit und hoch: Ein gewachsener Wall aus Kalktuff, auf dessen Oberseite sich eine Rinne befindet, durch die Quellwasser fließt. „Die gibt es schon immer. Bereits meine Vorfahren haben sie gepflegt“, erinnert sich Grundstückseigentümer Alois Willibald. Neben der bestehenden wachse bereits eine zweite Rinne, freut sich der Landwirt (50).

Steinerne Rinnen sind ausgesprochen selten und höchst empfindlich. Sie entstehen, wenn kalkhaltiges Quellwasser möglichst langsam und flach über Moose abfließt. Das Moos bewirkt im Kalk einen chemischen Prozess. Der so veränderte Kalk lagert sich ab und bildet entlang des Rinnsals eine Rinne, die stetig weiter wächst. Das funktioniert am Rand besser als in der Mitte, wo das Wasser kälter ist. Deshalb bleibt die Vertiefung auch erhalten, wenn die gesamte Rinne allmählich nach oben wächst. Schon ein herabfallendes Blatt kann diesen Prozess stören - deshalb werden die meisten Rinnen von Menschen gepflegt.

Die zweite in Wackersberg, die Größere der beiden, befindet sich beim Weiler Knapp. Sie ist etwa 30 Meter lang, einen halben Meter breit und bis zu zwei Meter hoch.

Auch die Temperatur des Wassers spielt eine wichtige Rolle bei der Bildung der Rinnen. Denn in warmem Wasser löst sich der Kalk besser.

„Alle ein bis zwei Jahre müssen wir das Moos und den Tuffstein aushacken, weil die Rinne sonst nicht mehr weiter wächst und das Wasser links und rechts runterläuft“, meint Johann Pluger, Eigentümer des Grundes, auf dem die Rinne bei Knapp steht. Der 65-Jährige schätzt, dass sich die Rinne pro Jahr „um bis zu einen Zentimeter“ erhöht. Vom Wachstum ausgenommen sind dem Landwirt zufolge die ersten fünf bis sechs Meter, „die bleiben immer gleich“, so Pluger. Erst danach wachse sie empor.

Inzwischen bestehe ein regelrechter „Rinnentourismus“, darauf weise der Trampelpfad hin, der zu dem Geotop führt. Einen praktischen Wert habe das steinerne Monument für ihn ebenfalls. Pluger nutzt sie als Viehtränke für seine Rinder. „Wie sie entstanden ist, das weiß ich nicht“, gibt der Landwirt unumwunden zu. (cum)

Auch interessant

Kommentare