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Wer Erfahrungsberichte ins Internet tippt, nimmt womöglich direkten Einfluss auf das Geschäft von Gastgebern.

Rezensionen im Internet

Wirtin lässt AfD nicht rein: Wegen negativer Online-Bewertung schaltet sie einen Anwalt ein

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Ob sie wollen oder nicht: Mit Bewertungen im Internet müssen sich Gastronomen und Hoteliers befassen. Manche antworten fleißig auf Kritik, sie sprechen aber auch vom „modernen Haberfeldtreiben“. Ein Wirt schaltet jetzt den Anwalt ein.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Sie machten auf dem Lenggrieser Rathausplatz Stimmung gegen Asylbewerber, später wollten die AfD-Mitglieder im „Altwirt“ essen. Doch daraus wurde nichts: Wirtin Ursula Werner verwies auf ihre Mitarbeiter mit Migrationshintergrund, machte von ihrem Hausrecht Gebrauch und setzte die Politiker vor die Tür. Den Sturm, der in der Internet-Welt über den Lenggrieser „Altwirt“ hereinbrechen würde, ahnte Werner schnell. Gerade hatte die Wirtin die AfD-Mitglieder des Lokals verwiesen, da zückten sie schon ihre Smartphones und fotografierten das Gasthaus. Es folgte ein Post auf einer AfD-Facebook-Seite. „Politisch Andersdenkende werden hier nicht bedient! 1933 lässt grüßen“, heißt es dort. Darunter ist der Link zum Bewertungsportal „tripadvisor“ einkopiert – man kann das als Aufruf zum Verfassen negativer Erfahrungsberichte verstehen.

„Hier dürfen nur Menschen rein, denen Deutschland egal ist.“

Auf den Altwirt prasselten in der Folge jedenfalls außergewöhnlich viele Rückmeldungen ein. Es folgten Google-Bewertungen wie diese: „Achtung, hier werden besorgte Bürger und Patrioten hinausgeworfen. Also besser nicht dort essen gehen, wenn ihr nicht links, politisch korrekt und merkeltreu seid! Hier dürfen nur Menschen rein, denen Deutschland egal ist.“ Als Reaktion auf den AfD-Facebook-Post machte der Altwirt ebenfalls im Netz mobil. Viele Unterstützer riefen zu positiven Bewertungen auf. „Wir haben dagegen gehalten“, sagt Ursula Werner.

Auf Plattformen wie „holidaycheck“, „booking.com“ und Co. lesen Urlauber die Erfahrungen anderer und überlegen sich, welches Hotel oder Restaurant ihnen zusagt. „Für Kunden sind die Portale sehr wichtig, sie orientieren sich daran“, sagt Lydia Hofherr vom Königsdorfer Posthotel. Sie sieht aber auch ein großes Problem: Wenn einer von „ekliger Tiefkühlkost“ oder „Haaren auf der Matratze“ schreibt, schreckt das mehr ab als zehn positive Bewertungen Lust auf einen Besuch machen können. Hofherr findet: „Wenn mir jemand persönlich vor Ort sagt, was nicht in Ordnung war, kann ich darauf reagieren.“

Ab und an tut sie das mit ihrem Rezeptionsteam auch im Netz: Einmal beklagte eine Hotelbesucherin über Google, dass es in ihrem Zimmer keine Safes für Wertsachen gegeben habe. Die Gastgeber antworteten: „Beim nächsten Mal können Sie gerne Ihre Wertsachen an der Rezeption abgeben. Wir haben einen Haussafe.“

Ein Gast beschwert sich wegen 30 Cent – und kriegt 10 Euro

Karlheinz Leimer, Geschäftsführer des Tölzer „Kolberbräus“, verfolgt die Rezensionen ebenfalls aktiv. Im Mai beschwerte sich ein Gast, dass für eine Spargelcremesuppe 30 Cent zu viel abgerechnet wurden. In seiner Antwort versprach Leimer einen 10-Euro-Gutschein, den der Gast aber nie einlöste. In einem anderen Fall warf ein Mann einer „Kolberbräu“-Bedienung vor, ihn missachtet zu haben, weil er Ausländer ist. Leimer entschuldigte sich höflich und schrieb, dass man gerne und regelmäßig Gäste aus Nah und Fern bewirte. Der Geschäftsführer betont das Positive an der Sache: „Für uns ist das eine Möglichkeit, direkt mit dem Gast in Kontakt zu treten.“

Johann Oberhauser vom gleichnamigen Gasthof in Egling gibt zu, „dass wir uns damit zu wenig befassen. Aber wir wissen, dass das Thema immer wichtiger wird. Um allem gerecht zu werden, müsste man einen Qualitätsmanager einstellen“. Er habe in Münchner Häusern gearbeitet, die sich eine Abteilung für Netzaktivitäten leisten.

Lesen Sie auch: Aiwanger: „Ich möchte nicht, dass die AfD so stark wird, dass Bayern schwarz-grün regiert wird“

Was für manche ein Marketinginstrument ist, bezeichnen andere als „modernes Haberfeldtreiben“, wie es ein Gastronom formuliert. Dass politische Anfeindungen nichts in einem Tourismusportal zu suchen haben, sahen die Vertreter von „tripadvisor“ ein. Ursula Werner berichtet: „Unsere Gäste haben sich dort beschwert, dann wurden die politischen Kommentare entfernt.“ Man habe bei „tripadvisor“ eine persönliche Ansprechpartnerin. Undenkbar beim amerikanischen Konzern Google, sagt die Wirtin. „Mit eigenen Mitteln hast du keine Chance, etwas zu erreichen. Mein Mann hat viele Mails geschrieben, aber du bist machtlos.“ Der Anwalt der Familie nehme nun Kontakt zu Google auf.

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