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Pausenlos waren die Feuerwehren im Einsatz. Hier am Tölzer Isarkai.

Zehn Jahre nach dem August-Hochwasser

In der Katastrophe hielt Tölz zusammen

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Bad Tölz - „Eine Katastrophe, wie sie Bad Tölz noch nicht erlebte“ titelte der Tölzer Kurier vor zehn Jahren. Das Hochwasser vom August 2005 war für Bad Tölz, das Loisachtal und den Isarwinkel ein einschneidendes Ereignis.

Am Tischbein ihres Arbeitstischs hat Rosemarie Huber mit Kugelschreiber ein kleines Kreuz gemacht. „Wenn jemand fragt, wie hoch das Wasser damals in der Wohnung stand, hebe ich die Tischdecke hoch und zeige ihm das Kreuz.“ Etwa einen halben Meter war am 23. August 2005 das Erdgeschoss ihres Hauses an der Königsdorfer Straße überflutet. Rosemarie Huber gehört zu den vielen Tölzern, die durch das August-Hochwasser massive Schäden zu beklagen hatten. „Manchmal schaue ich noch aus dem Fenster auf die Isar und denke daran“, sagt sie. „Ich hätte vorher nie gedacht, dass es so weit kommt.“

Für die meisten Tölzer kam die Katastrophe unerwartet. Noch am Vorabend war ein Krisenstab im Landratsamt von einem beherrschbaren Hochwasser ausgegangen. Doch statt nachzulassen wurde der Dauerregen immer heftiger. Am 23. August um 9.35 Uhr wurde der Katastrophenfall ausgerufen. Zur Unterstützung von Feuerwehr, BRK, THW und Polizei wurden 134 Bundeswehr-Soldaten aus Brannenburg, 115 Berufsfeuerwehrleute aus München und 100 Bereitschaftspolizisten an Isar und Loisach beordert.

Einsatzkräfte, Bauhof-Mitarbeiter aber auch viele spontan zupackende Freiwillige schaufelten Sandsäcke voll und versuchten, isarnahe Anwesen zu schützen. Am Nachmittag forderte die Polizei rund 1500 Anwohner an Lenggrieser Straße, Kohlstattstraße, im Gries und an der Königsdorfer Straße per Lautsprecher auf, ihre Wohnungen zu verlassen. Viele fanden Unterschlupf bei Freunden und Bekannten, andere harrten in ihren Häusern aus. Die Turnhallen, die als Notquartier für die Evakuierten vorbereitet waren, bezog am Ende niemand.

Am Sylvensteinsee trafen derweil Ministerpräsident Edmund Stoiber, Umweltminister Werner Schnappauf und Innenminister Günther Beckstein ein. Vor dem eindrucksvollen Bild einer riesigen Fontäne am Auslaufstollen in die Isar sprach Stoiber von einem „großen Unglück, das unser Land getroffen hat“. In Bad Tölz erreichte die Flutwelle ihren Scheitel gegen 19.15 Uhr mit einem Durchfluss von 650 Kubikmetern pro Sekunde.

Fast überall im südlichen Landkreis kämpften die Menschen mit den Wassermassen, mit einer entfesselten Loisach, mit Bächen, die zu reißenden Strömen wurden. Die Jachenau, Walchensee, Urfeld und Hohenbirken waren zeitweise von der Außenwelt abgeschnitten, in der Jachenau fiel der Strom aus. In Schlehdorf-Unterau öffnete die Feuerwehr den Loisachdamm, um das Loisach-Kochelsee-Moor als Rückhalteraum zu überfluten.

Amtierendes Tölzer Stadtoberhaupt war im August 2005 Josef Janker. Der heutige Rathauschef war damals Zweiter Bürgermeister und vertrat den verreisten Josef Niedermaier. Zu Jankers Erinnerungen zählt, wie ihn Kreisbrandinspektor Hermann John „um 1 oder 2 Uhr“ anrief, wie er nachts zum Parkplatz an den Muchgaragen fuhr und Wohnmobilisten aufforderte wegzufahren. Am Tag des Hochwassers seien im Rathaus immer neue Meldungen zusammengelaufen, Maßnahmen wurden koordiniert. Von Bürgern gab es „verzweifelte Anrufe“ – auch mit Vorwürfen, warum ein Anwesen geschützt wurde, das andere nicht.

Als die Flut kam: Das August-Hochwasser 2005 im Tölzer Land

Trotz allem: Die Bilanz von Vize-Landrat Martin Bachhuber am Folgetag lautete: „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen.“ Die angekündigte nächste Starkregenzelle war ausgeblieben – es hätte noch schlimmer kommen können. Auch heute resümiert Janker: „Ich bin froh, dass es es bei uns nicht noch massivere Schäden gegeben hat, so wie etwa in Obernzell oder in Passau. Und es sind keine Menschen zu Schaden gekommen.“ Dankbar ist Janker dem Wasserwirtschaftsamt, das den Sylvensteinspeicher umsichtig gesteuert habe. „Das hat uns definitiv gerettet.“

So sieht das Gemeindeoberhaupt im Rückblick auch Positives: „Alle haben unglaublich gut zusammengeholfen – ein ausgezeichnetes Beispiel für Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt.“ Davon könne Bad Tölz durchaus etwas mit in die Gegenwart mitnehmen: „Dieses Gefühl brauchen wir, dann werden wir es auch schaffen, weiterhin die Asylbewerber gut aufzunehmen und zu betreuen.“  Andreas Steppan

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