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Brutaler Neorealismus - Norbert Hechts Lyrik: Sprachgewaltig und fesselnd

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Er beschreibt seinen Gedichteband analog zu seinem Seelenzustand: schwarz und bitter. Und er hat, vor gerade einmal einem Dutzend Zuhörer im „Coffee and More“ am Marktplatz seiner Heimatstadt, erkennen müssen, dass das meistverkaufte Buch der Welt wieder einmal Recht hat – zu Hause, an einem Samstagabend, da gilt der Prophet wohl nichts. Doch damit kann der junge Schriftsteller Norbert Hecht offensichtlich gut leben.

Unser Artikel vom 12. Oktober 2004:

„Bei 80 000 Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt hat keiner auf mich gewartet“, ordnet sich Hecht durchaus selbstkritisch mit seinem Werk ein, der mittlerweile zweiten Auflage. Er, der einfach schreiben muss, „um die Schlechtigkeiten dieser Welt zu verarbeiten“, bindet seine zwar wenigen, aber umso aufmerksamer lauschenden Fans in seinen teilweise brutal formulierten Neorealismus durchaus mit ein.

Er baut keine Grenzlinie zum Auditorium auf, sein Vater als glühender Verehrer sitzt direkt vor ihm. Neben ihm glimmt ein Räucherstäbchen, er selbst stimuliert sich mit einer Zigarette. Nachdem er sich mit ein paar schnellen Zitaten aus seinem Band warm geredet hat, geht es richtig los. Zuvor warnt er sein Publikum: „Wer jetzt noch gehen will, sollte das tun. Danach lasse ich keinen mehr raus.“

Doch keiner will gehen, zu sehr fesselt die Sprachgewalt seiner Lyrik. Wie ein dichtender Rapper hämmert es aus ihm, wenn er etwa Missstände vor Gericht mit harten Worten geißelt, sich als Bittsteller um Vorschuss von seinem Chef gedemütigt fühlt, als Süchtiger aus dem Versteck das Heroinbesteck holt oder sich gegen klischeehaftes Idoldenken von Frauen stellt: „Was bist du von Beruf Privatier, tut das weh? Ich will aber einen Porsche-Fahrer!“

Doch auch die schnelle Liebe „in zartrosafarbener Luft“ gehört zu seinem Repertoire, eine seiner Gespielinnen nennt er gar Gepard.
Mit ihr, der „launenhaften Katzennatur“, treibt er nicht nur sinnliche Spiele, er verfolgt auch den Traum vom Affenbrotbaum. Schnell aber kann bei ihm Verlangen in Hass umschlagen, und dann knallen seine Worte wie Peitschenhiebe ein gnadenlos-finales „bitte verreck’, im Dreck!“ Seine Zuhörer aus der „kulturellen Diaspora Bayerns“, wie ein jugendlicher Schwabener feststellt, schwanken stets zwischen offen gezeigter Begeisterung und ergriffenem Schweigen. Norbert Hecht weiß um diese

Reaktionen, er ist sie gewohnt. Und er steht dazu, dass Kunst „manchmal auch gefährlich“ sein müsse. Er, der eigentlich im Hotelfach arbeitet, hat viele Themen in seinem Repertoire, nicht nur Gedichte. Auch einen Erotik-Roman könne er sich vorstellen zu schreiben, sieht darin keinen Bruch zu seinen Vorbildern: Erich Maria Remarque, Honoré de Balzac, Charles Baudelaire, Friedrich Hölderlin.

Das waren alle keine Dichter, die dem Volk nach dem Mund schrieben, das verstehen die Zuhörer sofort. Auch Norbert Hecht will kein Schriftsteller für jedermann sein. Da wundert es auch nicht, dass er als selbst ernannter Romantiker Vampire „etwas anders sieht“, wie er in „Liebe auf den ersten Biß“ darstellt. Selbst für alle diejenigen aus seiner Heimatstadt, die er eigentlich zu seiner Lesung erwartet hatte, dann aber doch nicht begrüßen konnte, hat er ein paar Zeilen parat: „Und die Weicheier, die es nicht verkraften, sollten es eben lassen, und die, die es hassen, haben nicht verstanden!“

Friedbert Holz

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