Zwei Personen beim Abstrich
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Am Ende der Ferien werden besonders viele kommen: ÄKD-Vorsitzende Hans-Ulrich Braun nimmt hier einen Abstrich bei einer Kollegin vor.

Ärzte kritisieren Tests für Urlaubsrückkehrer

  • Thomas Zimmerly
    vonThomas Zimmerly
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Die Vernachlässigung ihrer Patienten aufgrund sinnlosen Testens von Urlaubsrückkehrern sowie Konzeptlosigkeit beim Corona-Krisenmanagement: Mehr als deutsche 60 Hausärzte üben scharfe Kritik an Markus Söder und Jens Spahn. Der Ärztliche Kreisverband Dachau hingegen wartet erst einmal ab.

Dachau – Urlaubsrückkehrer können sich laut Verordnung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) seit 1. August kostenlos auf das Coronavirus testen lassen, solange sie noch keine 72 Stunden in der Heimat zurück sind. Abstriche sollen auch in den Praxen der niedergelassenen Ärzte erfolgen. Das versetzt viele Mediziner in Rage. Über 60 Hausärzte, die meisten aus Bayern, machten in einem offenen Brief an das Bundesgesundheitsministerium und die bayerische Staatsregierung sie ihrem Ärger Luft.

Haben wir keine Patienten zu versorgen? Sind unsere Praxen überhaupt baulich und personell in der Lage, neben dem regulären Praxisbetrieb eine kleine Teststation aufzubauen? Fragen wie diese richten die Mediziner in ihrem Schreiben an Minister Spahn und Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und sprechen in diesem Zusammenhang von der „Quadratur des Kreises, indem wir unsere eigentliche Aufgabe, die Versorgung von Patienten, irgendwie mit den Pandemie-Maßnahmen zu kombinieren versuchen“. Die Hausärzte fürchten einen Andrang von Reiseheimkehrern, bei denen sie unter Zeitdruck einen Abstrich machen müssen, was dann nicht zu bewältigen sei.

Beim Ärztlichen Kreisverband Dachau (ÄKD) geben sich die Verantwortlichen zurückhaltend. „Klar, das wird eine Herausforderung“, sagt der zweite ÄKD-Vorsitzende, Dr. Michael Ranft, „aber warten wir ab, wie groß der Ansturm ist“. Als „sportlich“ bezeichnet der Facharzt für Innere Medizin die Einhaltung 72-Stunden-Regelung – vor allem an Wochenenden und Feiertagen. Eine Möglichkeit wäre es, je nach Bedarf, etwa eine Stunde am Tag für die Tests freizuhalten, die dann auch medizinisches Fachpersonal vornehmen könne, so Ranft, der prinzipiell dafür ist, dass viel getestet wird. Engpässe werde es zum Ende der Ferien geben, ergänzt der ÄKD-Vorsitzende Hans-Ulrich Braun, „dann werden besonders viele kommen“.

Nur ist es so, das sich in Bayern nicht nur Urlaubsrückkehrer, sondern schlicht jedermann kostenlos testen lassen kann. Die Leute sollen sich daher mit dem Arzt absprechen, sagt Braun, „es macht keinen Sinn, dass ältere Herrschaften, die bisher kaum draußen waren, zu uns kommen“.

Neben der Überlastung ist auch das Honorar ein Thema. Die Pauschale in Höhe von 15 Euro pro Test halten die hausärzte für „grotesk und eine Missachtung unserer Arbeit“. Weiter führen sie an, dass „die Labore von Mangel an Materialien berichten und uns nicht mehr ausreichend Test-Kits zur Verfügung stellen können bzw. immer länger brauchen, um die anfallenden Testungen abzuarbeiten“. Sollten die Laborkapazitäten „in die Knie gehen“ oder die Wartezeiten länger werden, so Dr. Ranft, müsse man die Testungen in Risikobereichen und aus medizinischen Gründen priorisieren.

Apropos Tests: Sie scheinen für die Politik das Maß aller Dinge und ein ausreichendes Konzept zu sein, so die Unterzeichner des Briefs. Dazu heißt es: „Eine ungezielte Ausweitung, wie beim bayerischen Testangebot, ist jedoch nicht sinnvoll. Sie verbrauche enorme Ressourcen. Viele negative Tests bedeuten auch, dass wir vielleicht an falschen oder unnötigen Orten testen. Wie viele positive Testergebnisse hat das bayerische Testkonzept erbracht? In den meisten uns bekannten Praxen nahezu null.“

In Bezug auf die Sinnhaftigkeit des Testens stellen die Hausärzte weitere Fragen an die Politik: „Bedarf es nicht sogar einer zweiten Testung nach fünf bis sieben Tagen, um auch diejenigen zu identifizieren, die sich am Ende des Urlaubs oder auf dem Reiseweg, zum Beispiel im Flugzeug, infiziert haben?“

Alles in Allem fühlen sich die Hausärzte nicht ernst genommen. Sie fordern den Staat auf, „endlich“ Konzepte zu entwickeln, die auf mehr als einer ungezielten Ausweitung der Testungen basierten. Zudem möchten sie in Zukunft darin eingebunden werden. Die Aussage der Politiker, sie hätten bisher tolle Arbeit geleistet, erscheint den Medizinern „höchst gefährlich“.

Bernhard Seidenath, Vorsitzender des Landtags-Ausschusses für Gesundheit und Pflege und Dachauer CSU-Stimmkreisabgeordneter, wehrt sich gegen die Vorwürfe. Die Testungen seien notwendig, um die zweite Welle, die „wir sicher erleben werden“, so milde wie möglich verlaufen zu lassen. Der Staat habe 3000 zusätzliche Stellen geschaffen, um die Kontakte nachzuverfolgen. Die Laborkapazitäten seien ein „schwieriges Problem“, doch auch hier sei „kräftig aufgestockt“ worden, um die Masse der Tests zu bewältigen. Seidenath: „Nach 24 Stunden, längstens 48 Stunden muss das Testergebnis vorliegen!“

Weiter weist der Abgeordnete daraufhin, dass die Tests ja nicht allein in den Praxen stattfinden sollen, schließlich gebe es beispielsweise Teststraßen wie die auf der Münchner Theresienwiese. Und: „Ein Abstrich dauert nicht so lange, das sollte einen Arzt nicht überfordern.“ Und was der Honorar angehe, „hat sich das Kabinett damit beschäftigt. Ich selbst habe eine Erhöhung auf mindestens 25 Euro vorgeschlagen“.

Abschließend meint Seidenath zum gesamten Aufwand der Testungen: „Es ist es uns wert. Das Geld ist vernünftig angelegt!“

Positive Tests an Urlaubern liefern ein Argument, um weiter die Angst schüren zu können

Die Hausärzte halten die Tests für Reiserückkehrer für nicht sinnvoll. Zu Recht! Negativ Getestete könnten sich schließlich noch kurz vor Ende ihres Urlaubs infiziert haben. Auch die ärztliche Leitung des Klinikums Dachau sieht das übrigens so. Keinerlei Aussagekraft hat überdies die von Politik stets bemühte Statistik der Johns-Hopkins-Universität, weil sie nur die Infizierten pro durchgeführter Tests abbildet, es in der Bevölkerung aber viele weitere „Positive“ geben dürfte, darunter bislang Unentdeckte, die das Virus schon lange Zeit in sich tragen. In Deutschland sind bislang lediglich 8 Millionen Tests erfolgt, und wir haben rund 83 Millionen Einwohner. Die Zahl der Tests war noch nie so hoch wie jetzt. Gut 563 000 waren es in Kalenderwoche 30. Zum Vergleich: In der Woche vor dem Lockdown waren es noch 348 000. Es ist deshalb keine Überraschung, dass zuletzt die Anzahl von positiv Getesteten wieder zunahm. Zudem dürften viele Langzeit-Infizierte identifiziert worden sein. Obwohl das alles die Sache relativiert, werden Söder und Spahn weiter ungebremst die Angst in der Bevölkerung schüren. Sie wollen schließlich weiter als Heilsbringer in Sachen Krisenbewältigung gebraucht werden. Das hält die Umfragewerte schön hoch. Jetzt aber meinen die Hausärzte, dass die Heilsbringer keine gute Arbeit leisten. Dazu ein Beispiel anhand der von Söder und Spahn so hofierten Johns-Hopkins-Statistik: Danach liegt die aktuelle Sterblichkeitsrate in Deutschland bei rund 4,3 Prozent. In den USA beträgt sie – trotz Trump – knapp 3,3 Prozent. Aber keine Angst, lässt man einmal nicht die Herren Drosten, Wieler oder Lauterbach zu Wort kommen, sondern Prof. John Ioannidis von der Stanford Universität: Demnach sei das Risiko, in Deutschland an Covid-19 zu sterben, für Personen unter 65 Jahren so hoch wie bei einer Autofahrt von 32 Kilometern – also äußerst gering. Bei den über 80-Jährigen kommt der weltbekannte US-Epidemiologe auf eine die Sterblichkeitsrate von 7 pro 10 000. T

THOMAS ZIMMERLY

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