Alkohol
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Mit Alkohol gegen Einsamkeit antrinken

Dachau - Manche Menschen sind einfach Helden. Solche, die sich selbst in Gefahr begeben, um Anderen zu helfen. Selbst wenn die ihre Retter sprichwörtlich mit Händen und Füßen treten.

Der Rettungssanitäter des Dachauer BRK ist vor Gericht geladen. Er soll Angaben zu einem Vorfall im Frühling dieses Jahres machen.

Ein 20-Jähriger hatte sich damals über den ganzen Tag so betrunken, dass er gegen Abend bewusstlos in seiner Wohnung zusammen gebrochen war. Als das Rettungsteam versuchte, zu helfen, wachte der Dachauer auf und trat wie wild um sich. Er wollte keine Hilfe.

Vor Richter Daniel Dorner muss der BRKler erst einmal überlegen. Welcher Vorfall war das doch gleich? „Dass Menschen betrunken Hilfe abwehren und uns angreifen ist für uns ganz normal“, erklärt er seine anfängliche Erinnerungslücke. Schließlich versucht er sogar, den Angeklagten vor Gericht noch zu verteidigen: „Ich glaube, er war einfach überfordert. Da beugen sich zwei große Gestalten in roten Jacken mit leuchtenden Sicherheitsstreifen über ihn und versuchen, ihm einen Venenkatheter zu setzen.“ Gerade, wenn der Patient ohnmächtig ist, sei eine solche Reaktion für den Sanitäter völlig nachvollziehbar: „Ich kann ihm schließlich nicht erklären, was ich gerade mache.“

Zwei Monate später stieß der 20-Jährige in ähnlicher Weise wieder mit dem BRK zusammen. Am Faschingsumzug stolperte der Baumaschinist mit knapp zwei Promille in der Altstadt und schlug mit dem Hinterkopf auf dem Bordstein auf. Seine Freundin alarmierte sofort den Rettungsdienst, da der junge Mann abermals das Bewusstsein verlor.

Vor Gericht berichtet die Rettungssanitäterin dazu: „Als wir ankamen, war er bereits wieder wach. Wir haben versucht, ihn zum Aufstehen zu bringen. Es war doch so kalt und so eine Kopfverletzung darf man einfach nicht unterschätzen.“

Doch der Betrunkene wollte davon nichts wissen. Wieder schlug er um sich, trat, spuckte, schimpfte. Die Polizei kam zu Hilfe, zu viert mussten sie den 19-Jährigen am Boden fixieren und ihm Kabelbinder um Füße und Handgelenke binden.

Vor Gericht versucht der sonst eher schweigsame Heranwachsende, sich beim Rettungspersonal zu entschuldigen. Er weiß einfach nicht, was er sagen soll. Wahrscheinlich ist es ihm peinlich. Die Rettungssanitäterin würdigt seine entschuldigenden Worte: Bei ihr müsse er sich allerdings gar nicht entschuldigen. „Ihre Freundin hat an diesem Abend so viel mitgemacht. Sie hatte solche Sorgen um Sie.“

Für den 19-Jährigen ging es in der Faschingssnacht erst einmal ins Krankenhaus. Obwohl sich der Dachauer zwischenzeitlich beruhigte, fuhr die Polizei mit in die Klinik. Zur Vorsicht. Als der Baumaschinist aber die Herren in Grün entdeckte, schlug sein Verhalten erneut um. Als „halbstarke Gorillas“ und „Hampelmänner“ beleidigte er die Beamten. Im Krankenhaus sprach er sie nur noch mit „Ihr zwei Süßen“ oder „Goldie“ an. Im Gegensatz zu den Sanitätern stellte die Polizei Strafanzeige.

Richter Daniel Dorner entscheidet, den 19-Jährigen wegen der Beleidigungen zu verurteilen. „Bei den anderen beiden Taten waren Sie höchstwahrscheinlich schuldunfähig aufgrund des Alkoholmissbrauchs.“

Dass er ein Alkoholproblem hat, ist dem 20-Jährigen laut dem Bericht der Jugendgerichtshilfe bislang noch nicht bewusst. 2008 habe sich die Mutter das Leben genommen, vor einem Jahr ist der Vater gestorben. Er und seine beiden Geschwister müssten jetzt alleine zurecht kommen. „Bei seiner Freundin hat er eine neue Familie gefunden. Sie gibt ihm Halt“, so die Jugendgerichtshilfe.

Neben einer Geldstrafe in Höhe von 800 Euro erlegt das Gericht dem 20-Jährigen auch auf, an zehn Alkoholberatungsgesprächen teilzunehmen. „Sie müssen sich mit Ihren Problemen auseinandersetzen. Alkohol ist keine Lösung“, begründet der Richter sein Urteil.

Bevor die Rettungssanitäterin den Gerichtssaal verlässt, blickt sie dem Angeklagten tief in die Augen. „Ich wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft.“ Aufrichtige Worte. Gesprochen von einer Heldin, die immer wieder versuchen wird, Menschen zu helfen.

(reg)

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