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„Macht Euch keine Sorgen!“ Das Foto hat Melanie Hocke für ihre Kinder und ihre Mama gemacht, um ihnen zu zeigen: „Ich bin hier gut geschützt.“

„Beste Mutter und Krankenschwester Bayerns“

Spagat zwischen Intensivstation und Familie

  • vonChristiane Breitenberger
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Die Opfer von Corona. Als Intensivkrankenschwester auf der Covid-19-Station und vierfache Mama kennt Melanie Hocke sie. Die kleinen, die großen. Alle, die einem das Herz zerreißen. Ihre Mutter ist stolz auf das, was ihre Tochter leistet und hat sie mit einem ganz besonderen Dankeschön überrascht.

Altomünster – Er kann ein neues Kunststück, der Hase. Er kann jetzt Männchen machen. Selbstverständlich schaut Melanie Hocke zu. Und selbstverständlich gibt es erstmal Lob für den kleinen Dompteur, Sohn Manuel (7). Dass sie eigentlich gerade erst zur Tür rein ist, zurück von ihrer Schicht als Intensivkrankenschwester auf der Covid-19-Station – in diesem Moment egal. Seit Monaten ist das Melanie Hockes Alltag.

Vormittags arbeitet die Altomünstererin in der Helios Amper-Klinik in Dachau, nachmittags kümmert sich die Alleinerziehende um ihre vier Kinder und: kauft für ihre Mutter ein. Die ist begeistert von dem, was ihre Tochter leistet. Und wollte auf einem einzigartigen Weg danke sagen. Doch dazu später.  

Es ist ein Spagat – die Arbeit auf der Intensivstation in Coronazeiten und das Heimkommen in den völlig neuen Alltag. Ein Spagat, den „so viele Familien jetzt durchleben“, weiß sie. Es gibt Tage, an denen hat es einer der Patienten nicht geschafft. An denen sich Angehörige – unter strengen Vorsichtsmaßnahmen – ein letztes Mal von ihrem Papa oder ihrer Mama verabschieden konnten.

Dann kommt Melanie Hocke nach Hause. Zu Marlena (11), Raffael (10), Manuel (7) und Samuel (5). Zu den Hasen, die vielleicht ein neues Kunststück gelernt haben, zu Deutschhausaufgaben und Matheübungsblättern. „Das war tatsächlich die härteste Herausforderung für mich“, sagt sie. Die 40-Jährige und ihr „tolles Team geben immer 200 Prozent“, arbeiten stundenlang unter einer FFP-Maske, schwitzen unter dem Schutzkittel, meist zu beschäftigt, um etwas zu trinken. Trotzdem weiß sie: „Wir hatten es noch gut. Für die Kollegen in Spanien und Italien war das ganz anders.“

Manchmal brauchte sie, wenn sie nach Hause kam, eine halbe Stunde, der Kopf so voll, dass er „fast platzt“. Doch das vergeht, muss vergehen, „die Kinder wollten natürlich bespaßt werden“, sagt Melanie Hocke und lacht, so wie sie es fast die ganze Zeit tut, wenn sie erzählt. Doch mit Bespaßen war es gerade in der Anfangszeit nicht getan.

Melanie Hocke weiß genau, was Eltern in dieser Zeit für Sorgen hatten. Die Kinder völlig verunsichert, ihr Leben liegt plötzlich brach – alles wegen eines diffusen Wortes: Corona. Das muss kindgerecht erklärt werden. Einem Fünfjähren ganz anders als einer Elfjährigen und beiden so, dass sie keine Angst mehr haben. Hocke ist stolz auf ihre Kinder. „Sie sind meine Corona-Helden, weil sie die Veränderungen so gelassen angenommen haben.“ Weil sie immer verstanden haben: Es gibt viele, die haben es nicht so gut wie wir.

Trotzdem ist es oft hart. Wie an den zwei Kindergeburtstagen. Zwei Geburtstage, an denen die Sorge nicht mehr war, einen tollen Kuchen zu machen, sondern einem Kind zu erklären, warum alles anders ist. Warum es keine Party gibt. Warum die Oma nicht da ist, kein Freund, keine Tante. Melanie Hocke weiß, wie sich das als Mutter anfühlt. Zwei Söhne hatten während der Pandemie Geburtstag, einer noch am Anfang, mit weniger Einschränkungen, doch Manuel, den kleinen Hasen-Dompteur, traf es voll. Alles fiel aus.

Und wer glaubt, Kinder sind vor allem auf die Geschenke aus: der irrt. Denn obwohl alle ihre Päckchen schickten, der Tisch voll war wie zu Weihnachten, bleibt am Ende nur: „Mir fehlt die Oma so.“ Doch ihre Kinder haben sie in den vergangenen Monaten völlig überrascht. „Ohne sie hätte ich das alles nie so gut überstanden.“ Die 40-Jährige lacht. Sie hat gesehen, wie aus Geschwistern Freunde wurden, wie sich die Großen liebevoll um die Kleinen kümmern und wie selbstständig sie in diesen Wochen wurden.

Die Krise hat nicht nur ihre Kinder stärker gemacht, sie hat auch einen Konflikt gelöst. Seit der Pandemie verstehen sich „mein Ex-Mann und ich wieder. Corona hat uns gelehrt, dass es wichtigere Dinge gibt. Dass man für die Kinder zusammenhält“. So kam es, dass der Papa unter der Woche vormittags bei seinen Kindern war und sich ums Homeschooling kümmerte und nachmittags, wenn Melanie Hocke nach Hause kam, in die Arbeit fuhr. Nach den Osterferien gingen die Kinder in die Notbetreuung.

Genau wie sie zu Hause stets positiv ist, ist sie es auf der Intensivstation, egal, ob ein Patient ansprechbar ist oder nicht: Melanie Hocke erzählt ihm, „dass er heute nichts draußen verpasst, weil es ein ganz scheußlicher Tag ist“, macht Späße, liest Briefe von Angehörigen vor.

Als eine Patientin nach drei Wochen Beatmung wieder ansprechbar war, hatte sie Geburtstag. Hocke und ihre Kollegen sangen ein Lied. Als die Frau entlassen wird, musste Melanie Hocke ihr versprechen, sie zu besuchen. „Denn Sie werde ich nie vergessen“, sagte die Patientin.

Für Melanie Hocke ist das, wie sie die vergangenen Monate erlebt hat, „völlig selbstverständlich. Ich hab doch einfach nur meine Arbeit gemacht und mich um meine Kinder gekümmert. Wie viele andere auch.“

Ihre Mutter sieht das anders. Sie ist stolz und nominierte Melanie für die Radio-Aktion Heldenwochen auf Bayern 1. Der Sender wählte sie als „beste Mutter und Krankenschwester Bayerns“ aus und schenkte ihr ein Wohlfühlwochenende.

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