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Apollonia allein zu Haus

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Ein Besuch bei den letzten Birgitten: Schwester Apollonia in ihrem riesigen Kloster in Altomünster. Nur zwei Frauen leben noch hier. Ihre letzte verbliebene Mitschwester wollte nicht aufs Foto. © Klaus Haag

Altomünster - Einem Kloster droht der Tod: In Altomünster leben grad noch zwei Schwestern. Die Birgitten brauchen neue Nonnen. Sonst stirbt der Orden in Bayern aus. Im Ort geht bereits die Angst um. Ein Kloster-Rundgang mit Schwester Apollonia, die einen uralten Zettel findet und einen Witz erzählt.

Letzten Sommer haben sie es mit zwei Klosterschwestern aus Mexiko versucht. Der langersehnte Nonnennachwuchs ist eingezogen. Endlich. Die Rettung für das Birgittenkloster in Altomünster. Hier, wo mal fast 50 Schwestern lebten und beteten.

Aber es haute nicht hin. Die Mexikanerinnen konnten kein Deutsch. Und sie brachten merkwürdige Sitten mit in das bayerische Kloster, das es seit über einem halben Jahrtausend gibt. Sitten, die sie hier noch nie gesehen haben. „Wenn eine Schwester Geburtstag hat, streuen sie um ihren Platz Blütenblätter“, sagt Schwester Apollonia. „Oder“, sagt die Ordensfrau, „sie singen bei der Arbeit.“ Ein Kulturschock – für beide Seiten.

Nach einem Monat sind die Mexikanerinnen wieder heimgeflogen. Experiment beendet. Nonnentransfer gescheitert.

Hinter dem Klausurgitter: So empfängt die Schwester Gäste. Auf dem Kopf trägt sie eine Krone aus Leinen mit fünf Punkten.
Hinter dem Klausurgitter: So empfängt die Schwester Gäste. Auf dem Kopf trägt sie eine Krone aus Leinen mit fünf Punkten.

Seitdem ist Schwester Apollonia, 58, wieder allein zu Haus. Allein in einem gigantischen Kloster mit dicken Mauern, wertvollen Reliquien, Bibliothek, schier endlosen Gängen und eigener Kapelle. Nur Schwester Pia Regina, 69, lebt noch bei ihr. Zusammen sind sie die letzten Birgitten von Altomünster. Eine dritte bayerische Birgittin lebt in einem Pflegeheim in München.

Schwester Apollonia sitzt gerade hinter einem weißen Klausurgitter auf ihrem Stuhl, hier sitzt sie immer, wenn sie Gäste empfängt. Man muss sich durch das Gitter mit ihr unterhalten. Sie trägt ihr graues Ordenskleid und einen schwarzen Schleier. Auf dem Kopf hat sie eine Krone aus weißem Leinen, darauf fünf rote Punkte, die die fünf Wundmale Christi symbolisieren. Das ist das Symbol der Birgitten.

Das Innere des Klosters – kaum ein Einheimischer hat es je zu Gesicht bekommen. Es ist eine verborgene Welt mitten in der Marktgemeinde. Die Schwestern bleiben lieber unter sich. Apollonia sagt: „Wir könnten hier bis zu 20 Schwestern unterbringen.“ Locker. Aber keine einzige kommt. Niemand will mehr in den strengen Orden im Kreis Dachau eintreten. Das Kloster hat Nachwuchssorgen, mehr noch: Es ist vom Aussterben bedroht. Die ganze Marktgemeinde sorgt sich. „Wir sind ein seltener Orden. Kaum bekannt“, sagt Schwester Apollonia. Das sei das Problem. Eines der Probleme.

Bürgermeister Konrad Wagner sagt: „Ohne das Kloster verliert der Ort sein Gesicht.“ Man helfe ja schon, wo man könne. Man weise immer wieder Grundstücke des Klosters als Bauland aus, natürlich nur dort, wo es für die Ortsentwicklung wichtig ist. Damit die Birgitten die Kosten für den Unterhalt des Gebäudes stemmen können. Aber, sagt der Bürgermeister, „die Hilfe muss auch angenommen werden“.

Die Hirnschale des Heiligen Alto: Die Reliquie gehört den Birgitten. Am Altotag (9. Februar) wird sie in die Kirche getragen.
Die Hirnschale des Heiligen Alto: Die Reliquie gehört den Birgitten. Am Altotag (9. Februar) wird sie in die Kirche getragen.

Es gibt wahrscheinlich kein Thema, das diesen Ort mit seinen 7500 Einwohnern mehr bewegt als die Zukunft ihres Klosters. Der Historiker Wilhelm Liebhart aus Altomünster sagt: „Es ist die Keimzelle des ganzen Marktes, seine geistliche Mitte.“ Der Ort verdankt dem Kloster seine Gründung. Altomünster ohne Kloster wäre ungefähr so wie Berlin ohne das Brandenburger Tor oder Altötting ohne die Gnadenkapelle. Unvorstellbar.

Ihr Orden, erzählt Schwester Apollonia, geht auf die Heilige Birgitta von Schweden zurück, die von 1303 bis 1373 lebte und 600 mystische Visionen direkt von Jesus Christus und allerlei Heiligen empfangen haben soll. Dabei sollen ihr auch die Ordensregeln zuteilgeworden sein. Die Birgitten leben kontemplativ und in Klausur; sie verlassen ihr Kloster nur, wenn’s dringend sein muss. Für Arztbesuche. Um neue Schuhe zu kaufen. Oder Medikamente. Auf einen Ratsch zum Metzger oder ein Nachmittag im Biergarten – streng verboten.

Alte Schwedin. Und Ordensgründerin. Die Heilige Birgitta.
Alte Schwedin. Und Ordensgründerin. Die Heilige Birgitta.

In einem fingerdicken Buch sind sämtliche Ordensregeln aufgelistet. Das Bettzeug besteht aus zwei Decken und einem Kopfkissen, steht dann da. Dort sind auch die Gebetszeiten aufgelistet, die Kleidungsregeln und Essvorschriften. „Ganz für Gott da zu sein“, sagt die Schwester, das ist die Aufgabe einer Birgittin. Das ist das Leben einer Birgittin. Es besteht aus Gebet, Betrachtung, Stille, Schweigen. Es ist ein Leben wie aus der Zeit gefallen. Manchmal kommen Besucher und fragen: „Wie lange braucht man mit dem Auto nach Dachau?“ Apollonia kann dann nur den Kopf schütteln, sie weiß es nicht. Sie sagt: „Ich lebe seit 30 Jahren hinter Klostermauern.“ Da verschieben sich Prioritäten. Da verschwimmen Ortskenntnisse.

Schwester Apollonia war früher Mathe- und Russischlehrerin, aber irgendwann hat es sie ganz hin zum Gebet gezogen, in die Klausur. Sie sagt selbst: „Vielleicht ist es eine Flucht vor der Welt.“ Es ist allerdings nicht so, dass die Nonne, die aus dem Bayerischen Wald stammt, so gar nichts mitbekommt, was auf der Welt und um sie rum in Altomünster geschieht. Abkehr bedeutet nicht Unwissen. Seit ein paar Monaten haben die Nonnen Internet, die Papstwahl haben die beiden im Fernsehen verfolgt und jeden Tag in aller Früh weckt sie der Radiowecker mit den Morgennachrichten. Außerdem kommen immer wieder Einheimische vorbei, um zu erzählen, was den Markt gerade umtreibt.

Gebetszeit: So sieht die Klosterzelle einer Birgittin aus. Das Bild zeigt eine Nachbildung aus dem Heimatmuseum.
Gebetszeit: So sieht die Klosterzelle einer Birgittin aus. Das Bild zeigt eine Nachbildung aus dem Heimatmuseum.

Man kann von so einem weltabgewandten Klosterleben halten, was man will, aber eine nette Gesprächspartnerin ist diese wundervolle Apollonia schon. Sie lacht viel und gerne. Und: Sie erzählt sogar Witze, durch das Klausurgitter hindurch. Zum Beispiel den vom Kardinal Marx, der zuletzt das Erzbistum mit allerhand Strukturreformen aufgeschreckt hat. Dieser Kardinal Marx also kommt an die Himmelstüre. Er klopft. Die Türe geht auf – der Teufel höchstpersönlich steht vor ihm. Marx schaut entgeistert und sagt: „Was soll das? Was machen Sie denn hier?“ Sagt der Teufel: „Wir haben Himmel und Hölle zusammengelegt. Wegen Personalmangel. Kennen Sie doch.“

Klösterliche Marktgemeinde: Ein Blick auf Altomünster im Kreis Dachau. 7500 Menschen leben hier, darunter zwei Nonnen.
Klösterliche Marktgemeinde: Ein Blick auf Altomünster im Kreis Dachau. 7500 Menschen leben hier, darunter zwei Nonnen.

Schwester Apollonias Schleier schüttelt’s durch. So arg muss sie über ihren eigenen Witz lachen. Ein herrlicher Anblick. Und dann hat sie sogar eine Überraschung parat: Sie lädt zu einem kleinen Rundgang durch ihr Kloster. Durch einige der Räume, längst nicht alle. Dennoch: Ein außergewöhnlicher Moment, ein seltener. Schwester Apollonia zeigt die weiten Gänge, die Heiligenbilder und die vergoldete Hirnschale des Heiligen Alto. Eine wertvolle Reliquie des Ortsheiligen, die die Nonnen verwahren.

Dieses Kloster ist ein Ort der Stille, der Erhabenheit. Das merkt man schon nach ein paar Schritten durch die heiligen Gänge. Wer reingeht, lässt die Welt zurück. Schwester Apollonia steht inzwischen im prächtigen Kapitelsaal, in dem sich die Birgitten früher versammelt haben. Inzwischen wird der Raum kaum noch genutzt. Apollonia geht umher, rückt ein Kreuz zurecht, schaut sich um und fischt plötzlich einen Zettel unter einem Lesepult hervor. Es ist der Sitzplan von 1982. Schwester Leopoldine, Schwester Martina und Schwester Bartholomäa sitzen auf St-Birgitta-Seite, ist drauf zu lesen. Insgesamt 19 Namen stehen auf dem Plan. Damals war noch mächtig Leben im Kloster. Noch gar nicht lange her.

Bitte beten! „Haben so viel Unglück im Stall“. Zettel mit Gebetswünschen, die bei den Nonnen abgegeben werden.
Bitte beten! „Haben so viel Unglück im Stall“. Zettel mit Gebetswünschen, die bei den Nonnen abgegeben werden.

Weiter geht’s die Treppe hoch Richtung Kapelle, vorbei an den monströsen Türen, über denen Bibelsprüche in Schnörkelschrift stehen. „Weide die dir anvertraute Herde Gottes“. Oder: „Mit den Heiligen wirst Du heilig sein“. Apollonia sagt: „Wenn man zum ersten Mal in dem Haus ist, weiß man nicht, wo man lang gehen soll.“ So groß ist das Kloster.

Ein paar Meter weiter haben die Nonnen die Gebetswünsche hingelegt, die die Einheimischen bei ihnen einwerfen, damit die Birgitten für sie beten. „Haben so viel Unglück im Stall“ heißt es auf einem Zettel. Oder: „Bitte um Gebet für den Onkel, der alles vergisst, und für die Schwiegermutter um ein gutes Miteinander.“ Oder: „Mann ist alkoholkrank. Zwei Kinder. Bitte um Hilfe, dass Mann die nächsten Schritte erkennt.“ Ehrensache, dass die Nonnen die Gebete übernehmen.

Der Kapitelsaal, der 1590 entstand. In dem Raum voller Heiligenfiguren haben sich die Birgitten früher versammelt.
Der Kapitelsaal, der 1590 entstand. In dem Raum voller Heiligenfiguren haben sich die Birgitten früher versammelt.

Am Ende des Rundgangs steht die Schwester in der Kapelle, der Privatkapelle der Nonnen. Hier haben gut und gerne drei Dutzend Birgitten Platz. Apollonia deutet auf die leeren Reihen. Sie sagt: „Ich habe einen Brief nach Rom geschrieben.“ Darin bittet sie um neue Schwestern. „Aber solche Verhandlungen ziehen sich hin“, sagt sie. Apollonia kann warten. Noch.

Dann geht sie die steinerne Treppe wieder runter, den endlosen Gang entlang, vorbei an dutzenden Klosterzellen, die seit Jahren leer stehen. Was ein Bild: Gott kommen bestimmt grad die Tränen.

Stefan Sessler

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