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Der 70 Millionen Euro teure Erweiterungsbau für rund 120 Betten. Eröffnungstermin ist Ende 2017.

Überlebenstraining im Krankenhaus

Amper-Klinik Dachau massiv in der Kritik: Desaströse Zustände

Dachau - Verdreckte Zimmer, vernachlässigte Patienten und frustriertes Pflegepersonal. In der Helios Amper-Klinik Dachau herrschen desaströse Zustände. Der Landkreis ist machtlos. Ihm gehörte das Klinikum früher – jetzt ist es in der Hand eines milliardenschweren Konzerns.

Die Chefs der Helios Amper-Klinik Dachau wirken entspannt, als sie am 19. Oktober zum Pressegespräch laden. Zum Cappuccino servieren sie einen umfangreichen Entwurf, der die Sauberkeit und Pflege in ihrem Krankenhaus verbessern soll. Doch so gut gelaunt sich Geschäftsführer Christoph Engelbrecht, Pflegedirektor René Marx und der Ärztliche Direktor Horst-Günter Rau nach außen hin geben, sie wissen: Es muss sich enorm viel ändern. Sofort. Nach einer einzigartigen Flut an Beschwerden über Missstände in ihrer Einrichtung stehen sie als Verantwortliche gewaltig unter Druck.

Unter Druck: Klinik-Chef Christoph Engelbrecht.

Alles begann am 6. September, als die Dachauer Nachrichten über eine 82-jährige Patientin berichteten, die in der Amper-Klinik stundenlang in einem mit Blut und Kot verschmierten Bett alleine gelassen worden war. Die 26-jährige Enkelin der alten Dame war an die Öffentlichkeit gegangen. Nachdem die Geschichte in unserer Zeitung stand, klagten dutzende Patienten, ihre Angehörigen sowie Klinikangestellte in Telefongesprächen, E-Mails und in den sozialen Netzwerken ihr Leid. Demnach ist die Situation auf vielen der zwölf Stationen des 470-Betten-Hauses oben am Weblinger Hang desaströs. Die Situation hat sich in den letzten Monaten immer weiter zugespitzt.

Pflegedirektor: Anzahl der Stellen sei nicht reduziert worden

Klinikchef Christoph Engelbrecht verteidigte sich damals zunächst – und gab bei einem Gespräch lediglich Versäumnisse bei der Reinigung der Zimmer zu. „Da gibt es Abstimmungsprobleme, das gefällt uns nicht“, sagte der Geschäftsführer im September. Bei der Pflege hingegen sei alles in Ordnung. Pflegedirektor Marx sprang seinem Chef im September bei: „Die Anzahl der Stellen in der Pflege ist weder aktuell noch in den Vorjahren reduziert worden. Aktuell haben wir fast alle 320 Stellen besetzt.“

Die Belegschaft war außer sich, als sie die Sätze hörte. Da konnte auch der Verbesserungsentwurf vom 19. Oktober nichts mehr ändern. Am 25. Oktober entlud sich ihr Ärger wie bei einem Kochtopf, in dem Überdruck herrscht.

Das Café Gramsci in der Dachauer Altstadt ist kaum größer als das Wohnzimmer eines Reihenhauses – über 100 Pflegekräfte und Patienten der Amper-Klinik Dachau quetschen sich hinein, um bei der Podiumsdiskussion dabei sein zu können. Viele finden in der kleinen Kneipe keinen Platz mehr und müssen im Windfang oder auf dem Vorplatz ausharren.

Pflegepersonal sind an den Grenzen ihrer Belastbarkeit

Zum Sprecher der Aufgebrachten wird an diesem Abend der Pfleger Matthias Gramlich. Er sagt: „Die Grenze unserer Belastbarkeit ist überschritten, denn die Klinikleitung schaut nur auf Köpfe und nicht auf die Anforderungen und Qualifikationen.“ Im Bereich der Pflege gebe es eine enorm hohe Ausfallquote. Die Kollegen, die auch noch Putzarbeiten übernehmen müssten, seien den Anforderungen nicht mehr gewachsen. Immer wieder seien nur zwei oder drei Kräfte für die Patienten da, so Gramlich. „Da bricht alles über einem zusammen. Viele Mitarbeiter resignieren und kündigen freiwillig.“ Neben ihm sitzt Claus-Dieter Möbs, langjähriger Betriebsratsvorsitzender: „Ein Krankenhausaufenthalt bei uns gleicht einem Überlebenstraining für die Patienten“, sagt er. Und: „Engelbrecht ist eine Marionette von Helios.“ Zwar verstünde Engelbrecht die Sorgen des Personals, aber er dürfe sich nicht um sie kümmern – „sonst fliegt er“, vermutet Möbs.

Krisensitzung im Café Gramsci: (v.l.) Dachaus Landrat Löwl, Betriebsratschef Möbs und Pfleger Gramlich.

Auch Landrat Stefan Löwl (CSU) ist an diesem Abend ins Café Gramsci gekommen. Früher einmal gehörte das Krankenhaus dem Landkreis. 2004 verkaufte die Kommune an die Rhön-Kliniken AG, die das Haus wiederum 2013 an die Fresenius-Tochter Helios-Klinken GmbH weiter veräußerte. Fresenius ist ein milliardenschwerer DAX-Konzern. Gerade hat er sein Ergebnis für das dritte Quartal bekannt gegeben: Die Geschäfte laufen blendend, ein Umsatzplus von sechs Prozent auf 7,3 Milliarden Euro steht in den Büchern.

Der Landkreis Dachau hält heute nur noch 5,1 Prozent der Anteile an dem ehemaligen Kreiskrankenhaus. Landrat Löwl sagt, dass der Kreis die „für Patienten und Personal unerträgliche Situation“ weder lösen noch regeln könne. Wegen der paar Prozentchen Mitspracherecht könne er Helios keine Anweisungen geben. Der Kreis habe nur eine Kontrollfunktion. „Wir können Engelbrecht nur sagen: ,Du musst was ändern‘. Wie er es ändert, kann ich nicht bestimmen“, so der Landrat.

Will die Helios Amper-Klinik die Rendite auf Kosten der Patienten erhöhen?

Es steht immer wieder der Vorwurf im Raum, die Helios Amper-Klinik wolle die Rendite erhöhen – auf Kosten von Patienten und Mitarbeitern. Ein Blick auf die Gewinnvorgaben von Helios schürt diese Sorgen. Laut Entwicklungsplan, den der Konzern auf seiner Internetseite offenlegt, soll das operative Ergebnis seiner Häuser jährlich um zwei Prozent steigen. In der letzten Stufe „sieht der Entwicklungsplan den Zielkorridor von 12 bis 15 Prozent“ Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen vor.

Damit verlangt Helios seit der Übernahme viel von seinen Dachauer Geschäftsführern. Zu viel, so scheint es, für zwei von ihnen. Mit Bernward Schröter (Ende 2014) und Martin Jonas (Mai 2015) verabschiedeten sich gleich zwei Chefs vorzeitig.

Der 70 Millionen Euro teure Erweiterungsbau für rund 120 Betten. Eröffnungstermin ist Ende 2017.

Christoph Engelbrecht ist seit November 2015 für die Klinik verantwortlich. Der promovierte Diplom-Kaufmann, 43, hat neben den Konzernvorgaben noch ein weiteres Problem: Oben am Weblinger Hang entsteht bis Ende 2017 ein Erweiterungsbau für rund 120 Betten. 70 Millionen Euro kostet das Projekt. Bleibt da noch Geld für die Entlastung der Pflege und besseres Reinigungspersonal übrig? „Wir arbeiten profitabel“, sagt Engelbrecht knapp.

Im Oktober kündigte er an, dass sich „ab sofort“ drei spezialisierte Serviceteams um Essen, Reinigung und Patientenwünsche kümmern. Dazu sechs neue Vollzeitstellen, Entlastung der Pflege durch konsequente Nachbesetzung offener Stellen und ein Ausfallkonzept für ungeplante Krankheitsfälle.

Patientin lag nach eigener Aussage stundenlang in eigenem Blut

Gestern teilte er auf Anfrage mit: „Zur Unterstützung unserer Pflege sowie zur Verbesserung unserer Reinigung haben wir vor gut zwei Monaten konkrete Maßnahmen verabschiedet, die wir seitdem konsequent umsetzen. Sowohl Patienten und deren Angehörige als auch Mitarbeiter spiegeln uns immer wieder zurück, dass einzelne Maßnahmen bereits greifen und spürbar sind. Gleichzeitig bitten wir aber um Verständnis, dass viele Themen nur Schritt für Schritt gelöst werden können.“

Tatsächlich läuft längst noch nicht alles rund. So berichtete eine Patientin, dass sie nach einer Operation am 9. November auf der Aufwachstation stundenlang „ein Blutbad in meinem Bett“ erdulden musste. Sie selbst konnte wegen der Narkose-Nachwirkungen nicht mitteilen, dass sich ihr Venenkatheder gelöst hatte. Ärzte und Pfleger ließen die Frau jedoch im Stich. „Es passiert nichts, was das Aufstocken des Pflegepersonals betrifft“, sagte eine Angestellte unserer Zeitung gegenüber noch vor wenigen Tagen. Im Gegenteil. „Nun macht man aus fünf Pflegebereichen auf einem Stockwerk vier. Das heißt, dass jede Schwester sechs bis acht Patienten mehr versorgen muss.“

Viele fürchten, dass der Masterplan für die Dachauer Klinik nur auf dem Papier existiert. Bei der Präsentation des neuen Konzepts sagte der Ärztliche Direktor Rau: „Bei der Chefarztvisite gucken wir verstärkt hin, ob alles passt. Da schauen wir auch mal ins Bad rein.“ Die Chefärzte wollen selbst Verantwortung für ihre Klinik übernehmen.

Der Betriebsratsvorsitzende Möbs sagt dazu nur: „Das ist alles eine reine PR-Kampagne.“

Vier Beispiele – so schlimm sind die Zustände in der Klinik

Nach dem ersten Bericht in den Dachauer Nachrichten vom 6. September erreichten uns viele weitere schockierende Fälle aus der Amper-Klinik Dachau. Vier dokumentieren wir hier.

-Fall 1: „Ich habe darum gebeten, die Medikamente nicht auf den Nachttisch zu stellen. Meinem Wunsch wurde nicht entsprochen.Die Tagesration hat mein Mann dann auf einmal zu sich genommen“, sagt die Ehefrau eines dementen Patienten. Am Entlassungstag sei ihr Mann auf ein anderes Zimmer verlegt und dort stundenlang alleine gelassen worden –Schlafanzugjacke, darüber eine Strickjacke, eine Windel, seine vollgepinkelte Hose, seine Tasche gepackt, darauf der Entlassungsbrief, fertig.

-Fall 2: „Das Essen hat auf dem Tisch geklebt, der Fußboden war völlig verdreckt. Zudem ist die blutverschmierte Wäsche nicht gewechselt worden“, sagt eine Angehörige, deren Mann und Mutter stationär behandelt wurden.

-Fall 3: Der Sohn einer 90-jährigen Patientin bat die für den häuslichen Bereich privat engagierte Pflegerin, nach der Mutter zu sehen. „Die Pflegerin ist dann den ganzen Tag über von den Klinik-Angestellten eingespannt worden und hat im Nebenzimmer die dortigen Patienten mitbetreut“, so der Sohn.

-Fall 4: „In den Nächten waren wir zwei Krankenschwestern, die für 77 Patienten zuständig waren“, sagt eine Angestellte, die inzwischen gekündigt hat. Auch tagsüber sei sie unter Dauerstress gestanden. „Da ist es ab und zu passiert, dass ich vergessen habe, bettlägerigen Patienten das Essen zu geben.“

Das sind die Helios-Kliniken

Im Helios Amper-Klinikum Dachau werden jedes Jahr rund 23 000 Patienten stationär versorgt. Weitere 39 000 Patienten werden ambulant betreut. Die zwölf Fachabteilungen verfügen zusammen über 470 akutstationäre und sechs tagesklinische Betten. Das Krankenhaus hat insgesamt 1200 Mitarbeiter.

Zur Helios Kliniken-Gruppe gehören 112 eigene Akut- und Rehabilitationskliniken, 72 Medizinische Versorgungszentren, fünf Rehazentren, 18 Präventionszentren und 14 Pflegeeinrichtungen. Helios ist damit einer der größten Anbieter von stationärer und ambulanter Patientenversorgungin Deutschland. Im Jahr 2015 erwirtschaftete Helios einen Umsatz von rund 5,6 Milliarden Euro. Der Sitz der Helios-Unternehmenszentrale ist in Berlin.

Weitere bayerische Helios-Klinikensind in Bad Kissingen, Volkach, Erlenbach (alle in Unterfranken),Bad Grönenbach im Unterallgäu,Kronach in Oberfranken,Berchingin der Oberpfalz, Markt Indersdorfim Kreis Dachau und inMünchen-PasingundMünchen-Perlach.

Über 52 000 Mitarbeiter arbeiten bei dem Unternehmen, das zum Dax-Unternehmen Fresenius gehört. Insgesamt hat Helios über 34 000 Betten und pro Jahr 1,25 Millionen stationäre Fälle (Stand 2015).

Wieder eine Beschwerde über das Dachauer Klinikum 

Alleingelassen in der Notaufnahme

Dutzende Patienten haben sich in den vergangenen Wochen über Hygienemängel und überlastetes Personal im Amper-Klinikum Dachau beschwert. Nun wurde der Fall eines Patienten bekannt, der mit einem äußerst komplizierten Fußbruch in die Notaufnahme des Krankenhauses eingeliefert und dort liegen gelassen wurde.

Thomas Zimmerly

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