Er sucht Antworten – und findet sie hier. Pastoralreferent Ludwig Schmidinger führt Touristen über das ehemalige KZ-Gelände. Für ihn ein Traumberuf. Foto: Habschied

Arbeitsplatz KZ-Gedenkstätte

Dachau - 40 000 Menschen sind an Ludwig Schmidingers Arbeitsplatz gestorben. Selbst enge Freunde schütteln verständnislos den Kopf, wenn er von einem „Traumjob“ spricht. Der Pastoralreferent ist in der KZ-Gedenkstätte Dachau auf der Suche. Nach den Antworten auf Fragen, die ihn schon sein ganzes Leben beschäftigen.

Ludwig Schmidinger bleibt auf dem Kiesweg stehen. Er sucht mit den Augen seine Gruppe, holt dann kurz Luft. „Bevor wir jetzt zu den Öfen gehen, möchte ich noch kurz ein paar Worte sagen.” Zwei Mädchen kichern. Sie haben nicht zugehört, spielen an ihren Fingernägeln. Es sind die Momente, mit denen der Pastoralreferent gelernt hat umzugehen. „Ich habe das Vertrauen, dass jeder der hierher kommt, auch etwas mitnimmt. Aber alle kann ich nicht erreichen.”

Seit viereinhalb Jahren arbeitet Schmidinger in der KZ-Gedenkstätte Dachau - ein dunkler Ort der deutschen Geschichte. Er kommt gerne hierher. Er wollte hierher. An den Ort, an dem 40 000 Menschen gestorben sind. Schmidinger möchte seinen Besuchern mehr zeigen, als Bilder von kahlgeschorenen Häftlingen, Bilder von Leichenbergen, Bilder von Menschen, die keinen Namen mehr haben. „Ich glaube, ich kann hier Menschen erreichen - auch die, die Gott noch nicht gefunden haben”, sagt der 55-Jährige.

Gott - dieses Wort fällt in Schmidingers Führung über das KZ-Gelände nicht. Der Pastoralreferent erzählt den Schülern einer Berufsschulklasse aus Aichach von Widerstandskämpfern wie Fritz Gerlich. Schmidinger spricht vor den Schülern von Tod und Leiden. Und von Hoffnung.

Die Bäume werfen kurze Schatten auf den langen Kiesweg, der auch am Tag düster wirkt. Schmidinger wartet, bis die Berufsschulklasse aus der ehemaligen Gaskammer zurückkommt. Die ersten sind nach ein paar Minuten wieder da. Sie tragen kurze Röcke, darunter Leggins. Ludwig Schmidinger trägt eine lange Stoffhose. „Da hinten sind die Häftlinge gestorben?”, fragt ein Mädchen, schwarze Haare, die Augen hat sie hinter einer Pilotensonnenbrille versteckt. Schmidinger antwortet: „Du musst davon ausgehen, dass hier auf jedem zweiten Quadratmeter ein Mensch gestorben ist.”

Die Klasse geht Richtung Ausgang, Schmidinger geht in die andere Richtung. Unter seinen Schuhen knirschen Kieselsteine. „War eine gute Gruppe heute. Ich glaube, sie haben etwas mitgenommen.” Der Pastoralreferent spricht leise, er mag die Gästeführer nicht, die sich mit Megaphon vor eine Gruppe stellen.

Schmidinger betritt die Kapelle auf dem KZ-Gelände - Todesangst Christi. Auf dem Altar stehen zwei Kerzen. „Ich komme gerne hierher, auch mit der Gruppe. Ich zeige den Besucher diesen Blick auf das Gelände und stelle die Frage: Was ist der Mensch?” Die Steinmauern aus dem unbehauenen Kiesel wirken wie ein aufgebrochenes Gefängnis. Der Eingang gibt den Blick auf das ganze Gelände frei. „Für mich ist diese Kapelle ein Ort, an dem sich die Aufgabe der Kirche bewahrheitet: das Leiden im Blick zu haben, und es auch zu überwinden”, sagt Schmidinger. Zum ersten Mal faltet er heute bewusst die Hände. Er schweigt, schließt kurz die Augen und sagt dann: „Ein Christentum, das am Leiden vorbeigeht, hat seine Aufgabe verfehlt.”

Viele haben ihn gefragt, warum er sich ausgerechnet diesen Arbeitsplatz ausgesucht hat. Warum ausgerechnet einen so düsteren Ort? Schmidinger hat lange überlegt, er wollte sich Sätze zurechtlegen. Eine Antwort darauf hat er noch nicht gefunden. Mehr eine Erklärung: „Das Verrückte ist doch, dass man hier mit Geschichte konfrontiert wird, auf die man keine Antwort geben kann.” Sein Glaube an Gott hat Ludwig Schmidinger dabei geholfen, mit diesem Ort umzugehen.

Eine Erfahrung, die er weitergeben will: „Menschen, die nicht glauben können, führt dieser Ort in die Depression, wenn sie ihn an sich heranlassen. Sie werden es schwer haben, in ihrem Leben so etwas wie Hoffnung empfinden zu können.” Schmidinger hat sich für seine Führungen ein Ziel gesetzt. Er will, dass die Menschen das KZ nicht nur historisch betrachten.

Für ihn ist das ehemalige KZ ein Ort der Erinnerung, des Gedenkens. Ein Ort, um aus der Vergangenheit zu lernen. „Die Geschichte des Geländes muss dafür herhalten, um zu zeigen, wohin es führen kann, wenn Menschen an das Falsche glauben”, sagt Schmidinger.

Der 55-Jährige macht ein Kreuzzeichen, geht aus der Kapelle und betritt wieder das Gelände. Schmidinger hat viel erlebt: Gottesdienste, die sie in den vergangenen Jahren gefeiert haben. Ehemalige Häftlinge, mit denen er heute befreundet ist.

Doch dann hört er auf zu erzählen. Am Ende des Weges, bei den nachgebauten Häftlingsbaracken bleibt er stehen, wiederholt die Frage: „Warum Gott das alles zulassen konnte?” Schmidinger blickt auf das Mahnmal im Innenhof, auf die Skulptur von Nandor Glid. Menschliche Skelette, verfangen im Stacheldraht, sie gingen aus Verzweiflung in den Draht. Schmidinger spricht langsam, aber in jedem seiner Worte liegt Kraft: „Warum machen wir Gott für etwas verantwortlich, das Menschen getan haben. Wir sind nicht seine Marionetten.”

Christoph Seidl

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