Augenzeuge bei Bluttat: „Und plötzlich höre ich Schüsse“

Dachau - Als die Schüsse am Dachauer Amtsgericht fallen, ist Redakteur Christian Chymyn zufällig vor Ort. Sein Augenzeugenbericht:

Aus reinem Zufall gehe ich in den Sitzungssaal C, eigentlich wollte ich ja in den Sitzungssaal D, zur „vorsätzlichen Körperverletzung“. Ich bin aber zu spät dran, die Verhandlungen laufen schon, deshalb bin ich aus Versehen im anderen Saal gelandet – beim „Vorenthalten und Veruntreuen von Arbeitsentgelt“.

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Ich setze mich gleich auf den ersten Stuhl in der Reihe der Zuhörer. Der Angeklagte ist ganz nahe bei mir. Ich kann ihn genau betrachten: Er ist etwas dicker, ganz schwarz angezogen, bis auf seine braune Winterjacke, er hat graue Haare und einen ganz kurzen Schnauzer. Irgendwie wirkt er seltsam. Seine Krücke hat er neben sich an den Tisch gelehnt. Und seine Winterjacke hat er auch angelassen, noch im Saal.

Bilder: Schüsse am Dachauer Amtsgericht

Bilder: Schüsse am Dachauer Amtsgericht

Der Mann ist mit dem Verlauf der Verhandlung offenkundig nicht einverstanden. Er regt sich auf, seine Anwältin muss ihn beruhigen. Sie ist noch recht jung. Erst als Richter Lukas Neubeck weiter spricht, merke ich: Ich bin in der falschen Verhandlung. Kurz überlege ich, trotzdem zu bleiben, da ich mir insgeheim denke: Der Mann liefert sicher eine Geschichte. Wie recht ich doch leider behalten sollte.

Als die Schüsse am Dachauer Amtsgericht fallen, ist Christian Chymyn, Redakteur der "Dachauer Nachrichten", zufällig vor Ort.

Trotzdem stehe ich auf und gehe in den Sitzungssaal nebenan. Dort wird eine Stunde lang eine Körperverletzung verhandelt. Gegen 16 Uhr unterbricht der Richter Daniel Dorner die Verhandlung, er will ein Rechtsgespräch mit dem Staatsanwalt und dem Verteidiger abhalten. Pause. Ich verlasse den Saal, unterhalte mich vor der Tür mit einem Journalisten-Kollegen über unsere Verhandlung. Wir gehen zum Kaffeeautomaten, der steht direkt vor der Tür zum Sitzungssaal C.

Plötzlich ertönt ein Knall. Ich dachte noch: Da ist was umgefallen in dem Saal, wahrscheinlich der Kleiderständer. Erst beim zweiten Schuss merke ich: Da schießt jemand. Es kracht noch dreimal. Die Tür springt auf, der Protokollführer rennt aus dem Saal, er schreit etwas. Als ich realisiere, was passiert, renne ich in den Flur, die Treppe hinunter. Als ich bei der Hälfte bin, sehe ich eine andere Gerichtsmitarbeiterin im Flur. Ich schreie: „Da schießt jemand!“ Sie schaut mich ganz verwundert an. Ich renne weiter nach unten, runter in den Keller. Dort geht es mir blitzschnell durch den Kopf: Wenn der jetzt auch runterkommt! Dann bin ich gefangen! Ich schau mich um, sehe eine Tür und hoffe nur, dass sie offen ist. Ist sie. Ich renne nach draußen, auf den Parkplatz des Gerichts, höre wieder, wie jemand schreit: „Es wird geschossen!“ Ich renne weiter, gleich nach rechts, über eine Mauer, durch Gestrüpp, springe über einen Zaun. Ich falle in den Dreck, wieder einmal den angeschlagenen Fuß verknickt, egal.

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Vorne an der Ecke zur Schlossgasse steht ein Wachtmeister, ich sage: „Da oben wird geschossen!“ Er geht den Schlossberg hoch. Nach Sekunden höre ich schon das Geheule der Sirenen. Ich bin erleichtert. Die Polizeiautos brettern den Schlossberg herauf. Als sie oben angekommen sind, gehe ich auch den Schlossberg hoch.

Ich stehe auf dem Schlossplatz. Die Beamten stürmen das Gebäude. Sie haben Gewehre in der Hand, riesige Waffen. Eine Schriftführerin rennt aus dem Gebäude, sie ruft: „Wir brauchen einen Notarzt!“ Mir geht gar nichts mehr durch den Kopf. Alles geht so schnell. Sankas fahren auf den Schlossplatz, Sanitäter rennen ins Gericht.

Ich gehe wieder in den Vorraum, dahin, wo ich die Schüsse gehört habe. Die Tür zum Sitzungssaal steht ein Stück weit offen. Ich sehe einen Polizisten, mit einem riesigen Gewehr in der Hand, ich denke mir: Gottseidank, sie haben ihn. Ich gehe zurück ins Freie.

Ich muss jetzt der Redaktion Bescheid sagen, ich rufe dort schnell an, „es wurde geschossen, am Gericht“. Mehr weiß ich ja noch nicht.

Bilder: Pressekonferenz in Dachau

Bilder: Pressekonferenz in Dachau

Auf einmal kommen zwei Beamten aus dem Gebäude, zwischen ihnen ist der Täter. Er wird abgeführt in Handschellen. Er wehrt sich aber nicht. Ich bin nicht sensationsgeil, aber ich bin Journalist. Mein Pflichtbewusstsein meldet sich: ein Foto. Ich hole mein iPhone, mein Handy, aus der Hosentasche. Meine Hände zittern. Ich drücke einmal darauf, das Bild ist ganz verwackelt. Der Täter sieht mich direkt an. Ich knipse noch einmal. Jetzt ist das Foto brauchbar. Der Mann wird abgeführt, ins Polizeiauto verfrachtet.

Vor der Tür steht der Protokollführer aus dem Saal, in dem geschossen wurde. Er raucht. Ich gehe zu ihm. Er wirkt gefasst, irgendwie. Er erzählt, dass es nicht die erste Verhandlung mit dem Angeklagten war. „Ich hab schon viel mitgemacht“, sagt er. „Aber so was habe ich noch nie erlebt.“ Er erzählt, dass er sich sofort unter den Tisch geduckt hat, dann hat er nur noch gehört, wie der Mann um sich geschossen hat.

Hier wird der Täter abgeführt

Bilder: Schüsse am Dachauer Amtsgericht

Erst jetzt realisiere ich zu hundert Prozent, dass das kein Film ist, was hier passiert. Es ist echt.

Auf einmal kommen fünf Rettungsmänner aus dem Gebäude gelaufen, sie rollen die Rettungstrage heraus. Darauf liegt der junge Staatsanwalt, regungslos. Auf seinem Hemd sieht man rote Flecken. Blut. Er wird in den Krankenwagen gebracht und abtransportiert. Ich höre, dass er einen Bauchschuss hat. Dass ihn drei Schüsse getroffen haben.

Ich gehe zurück in den Vorraum vor den Sitzungssälen. Dort sitzen die junge Anwältin und die Zuhörerin aus dem Saal. Sie werden von Polizisten befragt. Dann höre ich, wie ein Polizist zum anderen sagt: „Der Staatsanwalt ist tot.“

Ich denke: Nein! Das darf doch nicht sein.

Die Nachricht spricht sich schnell im Raum herum. Die Gerichtsmitarbeiterin, der ich auf meiner Flucht begegnet bin, ist völlig durch den Wind. Sie setzt sich auf den Boden. Sie ist fassungslos, schüttelt den Kopf.

Als ich in die Redaktion fahre, werde ich wütend. Auf den Täter. Als ich am Computer das Foto von dem Angeklagten sehe, steigt noch mehr Wut in mir auf. Er saß eine Stunde lang im Gerichtssaal. Mit der Waffe in der Jacke. Womöglich war er schon zu diesem Zeitpunkt fest entschlossen, jemanden zu töten.

Ich kenne die Geschichte des Mannes nicht, aber mir ist es unbegreiflich, wie man einen unschuldigen Menschen umbringen kann.

Von Christian Chymyn

Rubriklistenbild: © Habschied

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