Ein eingespieltes Team: Bäcker Thomas Polz beschäftigt viele Mitarbeiter mit Fluchthintergrund. Im Team gibt es selten Probleme. Rechts im Bild sein Sohn Simon und seine Schwiegertochter Kristina.
+
Ein eingespieltes Team: Bäcker Thomas Polz beschäftigt viele Mitarbeiter mit Fluchthintergrund. Im Team gibt es selten Probleme. Rechts im Bild sein Sohn Simon und seine Schwiegertochter Kristina.

Fachkräfte-Not in der Backstube

Wegen drohender Abschiebung: Bäcker verliert Mitarbeiter - „Ohne sie kann ich zusperren“

  • Katrin Woitsch
    VonKatrin Woitsch
    schließen

Thomas Polz beschäftigt in seiner Bäckerei in Ampermoching seit Jahren Geflüchtete. Einige von ihnen hat er von einen Tag auf den anderen verloren – weil sie keine Arbeitserlaubnis mehr bekamen. Polz kämpft weiter für sie – auch, weil er Fachkräfte dringend braucht.

Ampermoching - Thomas Polz hat ein gutes Team in seiner Backstube in Ampermoching (Kreis Dachau). Motivierte junge Menschen, die Bäcker oder Konditor werden wollen. „Das ist nicht selbstverständlich“, sagt er. Denn seit ein paar Jahren findet er kaum noch Nachwuchs. Der Beruf mit seinen harten Arbeitszeiten ist für viele junge Menschen nicht attraktiv. Deshalb hat sich Polz schon vor Jahren entschieden, dass er Geflüchteten eine Chance geben will. Ihre Chance ist auch seine Chance, um den Familienbetrieb weiterführen zu können. Das geht nur mit einem großen Team.

Ampermoching: Bäcker findet kaum noch Nachwuchs - nun gibt er Geflüchteten eine Chance

Eigentlich, sagt Polz, hat er es nie bereut, so viele Arbeitsverträge an Geflüchtete ausgegeben zu haben. „Die meisten sind fleißig und zuverlässig“, sagt er. In der Praxis gab es nie Problem, die Berufsschule war für einige hart. Aber sie haben sich durchgebissen. Doch einige haben die Chance zur Gesellenprüfung gar nicht erst bekommen, erzählt Polz. Da ist zum Beispiel der junge Mann aus Sierra Leone. Er hätte letzte Woche die praktische Prüfung gehabt, die theoretische hatte er schon in der Tasche. „Aber er ist kurz vorher aus Angst abgetaucht“, erzählt der Bäckermeister.

Die Polizei hatte in der Unterkunft nach dem jungen Mann gefragt – in einer ausländerrechtlichen Angelegenheit. Aus Angst vor einer Abschiebung in sein Heimatland tauchte der Mann unter. Polz vermutet, dass er ihn nicht wiedersehen wird. Die Ausbildung ist nicht abgeschlossen – die Arbeit, die der Bäcker drei Jahre lang investiert hatte, war vergeblich. Und dieser Fall wird sich wiederholen. „Ich habe fünf Auszubildende, bei denen ich fürchte, dass sie ihre Ausbildung nicht abschließen dürfen“, sagt er.

Viele Arbeitgeber sind verzweifelt, weil sie immer damit rechnen müssen, ihre Mitarbeiter zu verlieren.

Asylhelfer Peter Barth

Trotz der sogenannten 3+2-Regelung, die Geflüchteten eine Aufenthaltsgenehmigung für die Zeit der Ausbildung garantiert und für zwei weitere Jahre, sollten sie übernommen werden. Sie sollte auch Arbeitgebern mehr Planungssicherheit verschaffen. In der Praxis sei das aber komplizierter, erklärt der Dachauer Asylhelfer Peter Barth. Und frustrierender. Er betreut seit vielen Jahren Geflüchtete und erlebt immer wieder, dass ihnen trotz Arbeit oder Ausbildung die Abschiebung droht, wenn sie bei der Identitätsklärung nicht mitwirken.

Arbeitserlaubnis für Flüchtlinge: Viele Arbeitgeber verzweifelt

Auch er selbst hat schon viel Zeit damit verbracht, um Pässe aus Mali, Sierra Leone oder Afghanistan zu kämpfen. „In manchen Fällen ist das kaum zu schaffen“, sagt er. „Besonders dann, wenn die Flüchtlinge schon lange nicht mehr in ihrem Geburtsland gelebt haben.“ Immer wieder ist Barth mit den Behörden deswegen im Gespräch. „Ich kämpfe seit zwei Jahren für einen Mann aus Mali“, erzählt er. „Jeden Monat lege ich vor, was ich versucht habe, um an den Pass zu kommen.“

Arbeitserlaubnis für Flüchtlinge: Viele Arbeitgeber verzweifelt - „Ohne sie könnte ich zusperren“

Bisher war alles vergeblich. Barth weiß, dass der Mann bald seine Arbeitserlaubnis verlieren und dann wieder auf Sozialleistungen angewiesen sein wird. „Integration funktioniert durch Arbeit“, betont er. „Die 3+2-Regelung ist eigentlich der richtige Weg.“ Doch die Behörden müssten zugestehen, dass die Identitätsklärung kompliziert sein kann. „Manchmal ist dafür einfach sehr viel mehr Zeit nötig.“

Bäcker Polz ist nicht der einzige Arbeitgeber, mit dem Peter Barth in engem Kontakt ist. „Viele sind verzweifelt, weil sie immer damit rechnen müssen, ihre Mitarbeiter von heute auf morgen zu verlieren.“ Thomas Polz hat aktuell für freie Ausbildungsstellen, für die er junge Menschen sucht. Er will auch weiterhin gerne Geflüchtete einstellen – trotz des Risikos, dass auch sie die Ausbildung nicht zu Ende machen dürfen. Er macht das aus Menschlichkeit, sagt er. Und weil er auch die nächsten Jahre mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben wird. Er sagt: „Ohne die Geflüchteten könnte ich zusperren.“

Noch mehr Nachrichten aus der Region Dachau lesen Sie hier. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen Dachau-Newsletter.

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion