Kopien der Impfbescheinigungen
+
Kopien der Impfbescheinigungen von Franz Mayr.

Zeitgeschichte: Impfen in Feldgeding Anfang des 19. Jahrhunderts

Als die Menschen an den Blattern starben

Feldgeding – Die Feldgedinger Heimatforscherin Inge Bortenschlager hat sich aus aktuellem Anlass mit dem Thema Impfen befasst und ist „den Blattern in Feldgeding anfangs des 19. Jahrhunderts“ auf den Grund gegangen. Zudem hat sie fürs Archiv von ihrem ehemaligen Klassenkameraden Franz Mayr die Kopie von dessen Impfbescheinigungen für Pocken und Kinderlähmung erhalten.

Bortenschlager: „Seuchen gab es auch schon in früheren Zeiten, nicht erst seit Corona. Besonders grassierend waren die Pocken, auch Blattern genannt, im 18. und 19. Jahrhundert. In Feldgeding starben zu Anfang des 19. Jahrhunderts innerhalb von drei Wochen neun Personen.“ Es gab in Bayern zwar schon vorher Impfangebote, die von Impfgegnern aber nicht angenommen wurden. Erst durch den Impfzwang vom 26. August 1807 durch König Max I. Josef wurde man der Seuche in Bayern Herr. Es war das erste Land weltweit, das den Impfzwang eingeführt hatte. Noch im Jahr zuvor wurden Geistliche „in der baierischen Provinz“ angehalten, von der Kanzel für eine Impfung zu werben, allerdings vergebens.

„Erst nach der Gründung des Kaiserreichs wurden alle Deutschen im Reichsimpfschutzgesetz von 1874 gezwungen, die Impfung anzunehmen. Falls Eltern sich weigerten, wurden die Kinder mit der Polizei abgeholt, und den Eltern drohte eine hohe Strafe“, sagt Bortenschlager.

Es war üblich, die erste Impfung ein Jahr nach Geburt verabreicht zu bekommen, die Auffrischung mit zwölf Jahren. Sie fand klassenweise im Saal einer Gastwirtschaft statt. Diszipliniert musste man sich in einer Reihe aufstellen und auf den Schnitt im Oberarm warten. Keiner getraute sich zu weinen, jeder wollte tapfer sein. Und diese Narbe war auch im Alter noch zu erkennen. Seit 1980 sind die Pocken ausgerottet. Pockenimpfstoffe sind die ältesten bekannten Impfstoffe in Deutschland und wirken 75 Jahre nach. Impfpflicht bestand auch für die Kinderlähmung.

Ingrid Koch

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare