75 Jahre nach Ende des Grauens: Zeitzeugen erinnern an Holocaust
+
Nach der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau durch amerikanische Truppen am 30. April 1945 jubeln die Insassen ihren Befreiern zu (Archivfoto). 75 Jahre nach Ende des Grauens: Zeitzeugen erinnern an Holocaust (Symbolbild)

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs

Erinnerungen aus Bergkirchen: Als vor 75 Jahren die Amis ins Dorf kamen

Erinnerungen aus Bergkirchen zum Ende des Zweiten Weltkriegs: Als vor 75 Jahren die Amis ins Dorf kamen

VON INGRID KOCH

Bergkirchen – „Corona und Amtsantritt der neuen Gemeindeparlamente bestimmen derzeit überwiegend die Lokalpresse,“ sagt Heimatforscher Hubert Eberl. Doch für Bergkirchen sei der 29. April 1945 mit dem Einzug der Amerikaner und dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Tag, an den erinnert werden sollte.

„Wir haben ja brauchbare Zeitzeugenberichte, die diesen Tag vor 75 Jahren jeweils aus ihrer Sicht beschrieben haben.“ In der Ortschronik von 2014 sind die Erinnerungen verewigt.

Ein Zeitzeuge schreibt:„Die Amerikaner kamen an einem Sonntag. Hinter unserem Dorf war eine deutsche Artilleriestellung, die die amerikanischen Panzer, die wegen der gesprengten Autobahnbrücke nicht mehr in Richtung München weiter konnten, angriff. Die Amerikaner gingen daraufhin auf den Feldern zwischen der Dachauer Ausfahrt und Eisolzrieder Brücke mit ihrer Artillerie in Stellung und beschossen unser Dorf. Als erstes wurde das Dach des Kirchturms getroffen. Die beiden Giebel sowie auch der Blitzableiter blieben stehen. Ein zweiter Treffer oberhalb der Kanzel richtete in unserer Kirche großen Schaden an.“   

Aus Sicht des Pfarrers Oberlinner: „Mit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen am Sonntag, 29. April, ging ein Raunen durchs Dorf, ein Aufatmen durch die Pfarrgemeinde, schon die ersten Wochen nach dem Einmarsch zeigten Anlässe zu neuer religiöser Betätigung ohne Furcht und Scheu. Das Pfarrdorf hatte nur neun Männer, die nicht Parteigenossen waren. Mit diesem kleinen Häuflein muss sowohl in religiöser wie auch in gemeindepolitischer Beziehung ein Wiederaufbau begonnen werden.“

Außerdem liegt Hubert Eberl ein Zeitzeugenbericht von Günter Darpe (damals gerade zehn Jahre alt) vor, der diesen 29. April 1945 aus Sicht eines Kindes sehr anschaulich in seinen Lebenserinnerungen geschildert hat. Günter Darpe war damals mit seiner Mutter im Bruckerhof einquartiert, wo heute das gemeindliche Bruggerhaus steht.

„Im Frühjahr war der Krieg zu Ende. Die Amerikaner wollten auch unser Dorf einnehmen. Ich wusste nicht, wodurch bekannt war, dass zum Zeichen der kampflosen Aufgabe eine weiße Fahne an jedem Haus ausgehängt werden musste. Jedenfalls hing auch aus unserem Haus ein weißes Betttuch aus einem der oberen Fenster auf der Frontseite des Hauses heraus, die zur Dorfmitte gerichtet war. Das konnten die Amis aber nicht sehen, da sie von der vorbeiführenden Landstraße von außen auf das Dorf zukamen, also auf die Rückseite unseres Hauses zu, wo kein weißes Tuch hing. Also machten sie kurzen Prozess, brachten einen Panzer in Stellung und schossen eine Granate auf uns. Die schlug in das Scheunendach ein und riss ein riesiges Loch hinein. Nun wurde hastig ein weißes Betttuch, gut sichtbar, aus einem der oberen Fenster auf der Hausrückseite herausgehängt. Kurz darauf kamen die schwer bewaffneten Amis mit vorgehaltenen Waffen ins Haus und durchsuchten alle Räume, Keller, Dachboden, Ställe und Scheunen nach deutschen Soldaten und Waffen. Da sah ich erstmals schwarze Menschen und hatte mächtig Angst vor denen.

Aber wir Kinder hatten uns bald daran gewöhnt und nutzten manches auch schamlos aus. Beispielsweise fragten uns die Amis aus einem Jeep heraus, wo junge Frauen wohnen. Dann haben wir erst mal Schokolade verlangt und auch bekommen, sie dann auf einen abgelegenen Hof in Biberck verwiesen, wo nur zwei sehr alte Leute lebten. Sofort fuhren die los – wir waren aber weg, bevor die Amis enttäuscht und wütend zurückkamen“.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Freie Bahn für X-Bus und Radler
Freie Bahn für X-Bus und Radler
Manfred Betzin tritt aus der CSU aus
Manfred Betzin tritt aus der CSU aus
Corona-Folgen verschärfen die ohnehin angespannte Finanzlage der Gemeinde Karlsfeld
Corona-Folgen verschärfen die ohnehin angespannte Finanzlage der Gemeinde Karlsfeld
Gemeinderat Sulzemoos: Widerstand gegen Kampfhund-Passus
Gemeinderat Sulzemoos: Widerstand gegen Kampfhund-Passus

Kommentare