Janet Bens und Ansgar Wilk im Musical „Edith Piaf -Süchtig nach Liebe“ im Dezember 2018.
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Janet Bens und Ansgar Wilk im Musical „Edith Piaf -Süchtig nach Liebe“ im Dezember 2018.

„Von Woche zu Woche wird umdisponiert“

Hoftheaterleiter Herbert Müller spricht über Corona, die größten Probleme und die Zeit danach

Im Interview spricht Hoftheaterleiter Herbert Müller spricht über Corona, die größten Probleme und die Zeit danach

VON INGRID KOCH

Bergkirchen – Eigentlich sollte in diesem Jahr das 15-jährige Bestehen des Hoftheaters Bergkirchen, das seit 2005 auf dem Biohof Weller beheimatet ist, gefeiert werden, doch es kam infolge der Corona-Pandemie anders.

Zu den größten Erfolgen in den vergangenen 15 Jahren gehört das Musical „Edith Piaf – Süchtig nach Liebe“, das am 5. Dezember 2008 Premiere feierte und seit der Zeit immer wieder auf dem Spielplan stand, unter anderem am 20. Dezember 2015 aus Anlass des 100. Geburtstags der legendären Edith Piaf und im Dezember 2018 zum letzten Mal nach zehn Jahren mit der 110. Aufführung im Bühnenbild von Ulrike Beckers.

Auf der Bergkirchner Bühne haben Janet Bens in der Titelrolle und Ansgar Wilk als ihr Weggefährte die Zuschauer bezaubert und süchtig gemacht. Dazu trug Maximilian Müller als musikalischer Leiter und Pianist in jeder Vorstellung bei. Wir haben Herbert Müller, der zusammen mit Ulrike Beckers das Theater leitet, einige Fragen gestellt, wie es nach der Wiederaufnahme des Spielbetriebs weitergeht.

Werden Sie das Jubiläum „15 Jahre Hoftheater“ 2021 nachfeiern?

Im September 2005 haben wir das Hoftheater als eigene Spielstätte der Neuen Werkbühne München eingerichtet, und es hat sich seitdem zu einem festen Bestandteil des kulturellen Lebens im Landkreis und der Region entwickelt. Größere Feierlichkeiten, denke ich, stehen erst wieder zum 20-jährigen Jubiläum an. Auf unserer Internetseite jedoch hat Janet Bens eine sehr sehenswerte Reihe mit vielen Szenenfotos aus den 15 Jahren Hoftheater gestartet, die für das Publikum und auch für unser Ensemble zeigt, dass wir viel Theater mit vielen bunten Ideen vom klassischen Schauspiel bis zum Musik- und Jugendtheater gemacht haben.

Haben Frau Beckers und Sie jemals bedauert, sich in Bergkirchen niedergelassen zu haben? Was waren Ihre größten Herausforderungen in dieser Zeit?

Niemand aus dem Ensemble bedauert es, dass das Theater in Bergkirchen sein Zuhause gefunden hat. Für einzelne Mitglieder war es damals etwas gewöhnungsbedürftig, im Land der „Lokalbahn“ (Ludwig Thoma) ein festes Theater mit ganzjährigem Spielplan zu eröffnen, aber der stetig steigende Zuspruch des Publikums und die von Anfang an hilfreiche Unterstützung der Gemeinde und des Landkreises haben ganz schnell alle Bedenken ausgelöscht. Das Wichtigste in dieser Zeit bis heute war, durch einen Spielplan, der unterschiedlichste Interessen junger Leute, Erwachsener und der älteren Generation anspricht, schrittweise ein Stammpublikum zu entwickeln. Dazu brauchte es Geduld, aber es ist uns gelungen. Jetzt gilt es, immer weiter abwechslungsreiche Aufführungsformen für unsere kleine Bühne zu finden, die unsere treuen Zuschauer stets aufs Neue ansprechen und gleichzeitig Interesse bei denen wecken, von denen man immer noch hin und wieder hört: „Ach, da gibt es ein Theater?“

Sind Sie in der Zwangspause finanziell einigermaßen klar gekommen? Sind die angekündigten Hilfsgelder angekommen?

Die Neue Werkbühne München gehört seit mehr als 50 Jahren zu den vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst institutionell geförderten Theatern. Das gibt auch im Ensemble ein gutes Gefühl. Dennoch müssen wir den größten Teil unseres Budgets durch die Kartenverkäufe erwirtschaften. Wir haben in 2020 einen gewaltigen Einnahmeverlust gegenüber den vorhergehenden Jahren zu verkraften. Hierfür haben wir eine ganze Reihe von Förderanträgen an den Staat, an den Bund und an den deutschen Bühnenverein, dessen Mitglied wir sind, gestellt. Sehr dankbar sind wir auch unserem Publikum, das uns so liebevoll und spontan im Frühjahr durch Spenden und Gutscheinkäufe geholfen hat. Und aus dem Kreis unserer Zuschauer entstand die Gründung des „Freundeskreises Hoftheater Bergkirchen“, über den wir uns ganz besonders freuen.

Planen Sie auch für die nächsten Monate aufgrund der Unwägbarkeiten weiterhin nur mit kleinem Ensemble zu spielen und kürzere Stücke aufzuführen?

Der zweite Lockdown fühlt sich noch schlimmer an als der erste. Wenn wir auch vor stark reduzierten Zuschauerplätzen im Sommer und im Oktober im Hoftheater spielen mussten, wir waren wieder „im Schwung“ und hatten eine buntgemixte Spielzeit aus Theater, Lesungen und Konzerten geplant, die nun so nicht mehr durchführbar ist. Fast von Woche zu Woche disponieren wir um, wir proben und arbeiten, um sofort nach dem erlaubten Start dem Publikum neue Stücke neben dem Repertoire anbieten zu können. Mit einer lustigen Fassung der Operette „Frau Luna“ von Paul Lincke wird es losgehen, dann folgt mit Schillers „Maria Stuart“ eine Klassikerpremiere, und den Psychokrimi „Gaslicht“ konnten wir Ende Oktober ja auch nur an zwei Abenden noch spielen. Ansgar Wilk wird dann im Frühjahr mit „Maier, Wagner, Schmitt“ noch eine herzzerreißend aberwitzige Komödie aus dem Alltagsleben im Büro inszenieren, bevor wir auf‘s Sommertheater zusteuern. Das Ensemble ist in dieser Spielzeit gar nicht so klein. Wir spielen Stücke mit drei bis fünf Personen, wie sonst auch. Wir möchten vor allem unsere jungen Schauspielerinnen und Schauspieler soweit wie möglich beschäftigen, die es in diesen Zeiten besonders schwer haben. Allerdings können wir uns in dieser Spielzeit keine ganz großen Stücke wie „Die Fledermaus“ gönnen. Das geht ja schon allein aus Gründen des Abstands nicht.     Wir denken beim Regieführen an Abstandsregeln und Aerosol-Ausstöße beim Singen und Sprechen; für das Publikum haben wir mit zwei leistungsstarken Luftreinigern, die eigentlich für die mehr als doppelte Raumgröße ausgerichtet sind, mit viel Platz zwischen den jetzt nur noch 34 Zuschauerstühlen und den vorgeschriebenen Hygieneeinrichtungen so gut vorgesorgt, dass man guten Mutes wieder ins Theater gehen kann, wenn man wieder darf. Um schnell auch wieder frische Luft ins Haus zu bringen, bearbeiten wir die Stücke so, dass vor und nach der Pause nicht länger als 45 Minuten gespielt wird.

Wird es im Theatersommer 2021 in Lauterbach eine Zusammenarbeit mit der Volkshochschule geben?

Ich hatte mir ja schon immer gewünscht, dass es im Theatersommer Bergkirchen zu einer Zusammenarbeit mit anderen kulturellen Einrichtungen kommt. In den Konzerten und im Rahmenprogramm ist uns das ja auch schon in den vergangenen Jahren in Ansätzen gelungen. Dass die Volkshochschule jetzt ein so anspruchsvolles und wunderbares Programm mit Lesungen, Autorengespräch und Konzerten zum Thema „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ beisteuert, ist ein echter Glücksfall. Und das Publikum bekommt einen vielseitigen Spielplan angeboten, in dessen Mitte eine der berühmtesten Nestroy-Komödien steht: „Der Zerrissene“. Ansgar Wilk wird die Titelrolle des Herrn von Lips spielen, ich freue mich auf den alten Schlosser Gluthammer, der viel mit ihm auszufechten hat.    Das wird ein richtig schöner Theatersommer, und auch die Musiker des Petershauser Kammerorchesters sind wieder mit von der Partie.

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