Mann, Frau, 2 Kinder vor Tipi
+
Glücklich im eigenen Garten: die vier Baedekers (von links) Moritz, Jakob, Julius und Sonja. Ihr Traum, naturnah und nachhaltig zu leben, ist allerdings bald ausgeträumt.

Lager baurechtlich nicht erlaubt

Junge Familie wohnt seit Jahren in Zirkuswagen in der Natur - jetzt muss sie weg

  • Stefanie Zipfer
    VonStefanie Zipfer
    schließen

Auf einem Gartengrundstück in Neuhimmelreich bei Bergkirchen hat sich eine junge Familie ein kleines Paradies aufgebaut. Doch dieses währt nicht mehr lange.

Bergkirchen – Vier Jahre lang lebten Sonja und Moritz Baedeker ihren Traum. Auf einem knapp 1000 Quadratmeter großen Gartengrundstück in Neuhimmelreich richteten sich die Kinderpflegerin und der selbständige Landschaftsgärtner häuslich ein: Im umgebauten Zirkuswagen schliefen sie, im Gartenhäusl wurde gewaschen und in einem Tipi konnten die beiden Buben Jakob und Julius, geschützt vor Wind und Wetter, spielen. Dazu gibt es Obstbäume und Gemüsebeete.

„Wir haben in verschiedenen Wohnungen, unter anderem in Dachau-Ost, gewohnt, immer ohne Garten“, erzählen die beiden. Als sie dann im Jahr 2017 das Grundstück in Neuhimmelreich fanden, wussten sie: „Hier wollen wir leben!“ Die Monatspacht in Höhe von 490 Euro ist erschwinglich; und dank Strom- und Wasseranschluss lässt sich die Flucht aus der Zivilisation dann doch auch einigermaßen bequem gestalten. „Der Verpächter war einverstanden, dass wir hier so richtig leben“, berichtet die 30-jährige Sonja Baedeker. Auch die Nachbarn hätten sich offen gezeigt.

Familie lebt in der Natur: Jakob (5) kennt nur den Urwald

Während Familienvater Moritz Baedeker den „Urwald“ Stück für Stück fruchtbar machte, wuchs der heute fünfjährige Jakob praktisch mitten in der Natur auf. Vor zweieinhalb Jahren komplettierte der kleine Julius das Familienglück. „Es war uns immer klar, dass das hier nicht für die Ewigkeit ist“, betont der 32-Jährige. Aber „solange die Kinder klein sind“, wollten er und seine Frau eben ein „anderes, nachhaltigeres“ Leben führen. „Natürlich sind wir irgendwie Außenseiter“, glaubt der gebürtige Dachauer. Doch das vergleichsweise langsame Leben, ohne Plastik, ohne Chemie, dafür mit viel Zeit für die Familie, das alles sei es ihm wert.

Gemüse aus eigener Produktion: der fünfjährige Jakob beim Gießen seiner Pflanzen. 

Familie wohnt in der Natur: Dieses Leben hat ein Verfallsdatum

Doch nicht nur wegen des Alters der Kinder – der kleine Jakob wird in einem Jahr eingeschult – hat der Traum vom konsumfreien, naturnahen Leben ein Verfallsdatum. Ein Nachbar hatte die Familie angezeigt: Wegen des Kamins, mit dem die Baedekers im Winter ihren Bauwagen heizten, bestünde auf dem Grundstück eine „Gefahr für Leib und Leben“. Als sich ein Mitarbeiter des Landratsamts daraufhin auf den Weg an die Himmelreichstraße machte, stellte er aber nicht nur den angeblich gefährlichen Kamin fest, sondern auch, dass ein Leben im Garten baurechtlich eigentlich gar nicht erlaubt ist.

Ein Gartenhäusl, ein umgebauter Zirkuswagen und ein Zelt sind (noch) das Zuhause der vierköpfigen Familie.

Das Stichwort in diesem Zusammenhang heißt nämlich: Außenbereich. Insbesondere Wohnbauvorhaben scheitern im Außenbereich oft am öffentlichen Belang der Zersiedelung, speziell an Ortsrändern. Ausnahmen lässt das Gesetzbuch zwar zu, etwa wenn es sich bei dem Vorhaben um einen land- oder forstwirtschaftlichen Betrieb handelt. Doch das Grundstück, auf dem die Baedekers leben und das ihr Verpächter schon lange gern in lukratives Bauland umwidmen lassen würde, gibt diese Ausnahme nicht her. Die Folge: Die Familie muss raus.

Familie zieht vom Garten in Wohnung in Altomünster

„Ab Herbst haben wir eine Wohnung in Altomünster“, berichtet Sonja Baedeker. Einerseits, das gibt sie zu, wird sie dort natürlich die Annehmlichkeiten einer festen Wohnbebauung – speziell das Bad – zu schätzen wissen. Andererseits bedauert sie auch, ihr Leben mit der Natur, mit der Sonne, mit dem Garten, der gleichzeitig Wohnzimmer, Küche und Kinderzimmer ist, aufgeben zu müssen.

Insofern hofft das junge Paar, langfristig vielleicht doch noch einmal raus zu dürfen aus dem typisch deutschen Mieter-Leben. „Ein Tiny Haus wäre eine Option“, erklärt Sonja Baedeker. Auch ein Wohnwagenstellplatz in München wäre toll, „nur leider gibt es davon viel zu wenige“.

Woher ihre Leidenschaft für das freiere, naturverbundenere Wohnen kommt? „Ich arbeite in einem Waldkindergarten. Drum fand ich es so schön, diese Freiheit mit meinen eigenen Kindern auch leben zu können!“

Leben auf kleinstem Raum in der Natur: An der Rechtslage ändert sich nichts

Dass sich in absehbarer Zeit etwas an der Rechtslage ändert oder die Landkreisgemeinden bei der Genehmigung von Tiny Häusern großzügiger werden, ist allerdings unwahrscheinlich. Wie berichtet, hatte etwa die Stadt Dachau die Ausweisung von Grundstücken für die Mini-Häuschen im Frühjahr abgelehnt, mit der Begründung, dass dies in Zeiten von Wohnungsmangel und damit einhergehend horrend hoher Mietpreise „unökonomisch“ sei. So ließe sich ein Grundstück mit klassischem Geschosswohnungsbau wesentlich effizienter nutzen.

Sollte sich in den kommenden Wochen also nicht doch ein Wunder ereignen und die Familie Baedeker ein anderes Grundstück für ihren Bauwagen und ihr Tipi finden, werden der kleine Julius und sein älterer Bruder bald in wesentlich beengteren Verhältnissen spielen.

Anders als die meisten anderen Zweijährigen kennt Julius dafür jedoch alle Gemüsesorten bei ihrem Namen, die er gemeinsam mit seinem Bruder Jakob ganz brav jeden Abend gießt.

Unser Dachau-Newsletter informiert Sie rund um die anstehende Bundestagswahl über alle Entwicklungen und Ergebnisse aus Ihrer Region – und natürlich auch über alle anderen wichtigen Geschichten aus der Region Dachau. 

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare