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Abgesagtes Gemeinschaftsprojekt von Liedertafel und Chorgemeinschaft (Verdi-Requiem). Hier ein Foto von den Proben.  

Schwere Zeiten

Kulturschaffende im Landkreis wegen Corona im Schockzustand

Die einen fühlen sich, als ob sie mit Karacho gegen die Wand gefahren wären, die anderen schauen frustriert mit dem Ofenrohr ins Gebirge. Für die Kulturschaffenden im Landkreis brechen  schwere Zeiten an.

Landkreis Weltweit gibt es momentan kaum noch ein anderes Thema als die aktuelle Corona-Krise, in Deutschland ist jeder von den Maßnahmen zur Verlangsamung der Pandemie betroffen. Während sich manche Schüler vielleicht noch über ein paar Wochen schulfreie Zeit freuen, sind die Umstände für die meisten Bürger dagegen eher belastend. Sportevents, Konzerte, Theaterbesuche – auch auf die meisten Freizeitaktivitäten müssen die Menschen in nächster Zeit verzichten. Besonders hart trifft es diejenigen, die bereits viel Mühe und Herzblut in die Vorbereitung von Veranstaltungen gesteckt haben, die nun kurzfristig nicht mehr stattfinden dürfen.

„Ich fühle mich, als wäre ich mit vollem Karacho gegen eine Wand gerannt, nach all der Vorbereitung“, sagt etwa Gudrun Huber, die Leiterin des Dachauer Jugendsinfonieorchesters. Das Frühjahrskonzert des Ensembles war als Gemeinschaftsprojekt mit der Big-Band der Knabenkapelle und jungen Pianisten für vergangenen Samstag geplant. Bis wenige Tage vor dem geplanten Termin hatten die Mitwirkenden noch bangend gehofft, auftreten zu können. „Vor kurzem waren wir noch auf einem Probewochenende, und auch in der letzten Phase hatten wir noch sehr intensive Proben“, erzählt Orchestermitglied Benjamin Stibi.

Die Veranstaltungen, die in Dachau allein im kulturellen Bereich aufgrund der akuten Situation ausfallen mussten oder müssen, sind zahlreich. Auftritte von der Chorgemeinschaft oder der Stadtkapelle, das jüngste Schlosskonzert, das Konzert des Karlsfelder Sinfonieorchesters – das sind nur wenige Beispiele aus einer langen Liste abgesagter Ereignisse. Ein immenser Schock ist auch die Absage der weiteren Runden des Wettbewerbs „Jugend musiziert“. Jugendliche, die im Regionalwettbewerb die Weiterleitung auf Landesebene erhalten haben, dürfen nun nicht mehr antreten, und infolgedessen entfällt auch die dritte Runde: der Bundeswettbewerb. Aus dem Landkreis Dachau sind es Elise Brunner, Samuel Voiler und Leo Zuo, die diese bittere Pille schlucken müssen.

Der Blick in die Zukunft ist zudem noch sehr ungewiss, da niemand sagen kann, wie lange die Krise wirklich dauern wird und ob die Konzerte wenigstens teilweise nachgeholt werden können. „Die Ostermesse mit Orchester und Chor fällt definitiv aus, da wir ja nicht proben können“, berichtet Kirchenmusiker Norbert Engelbrecht. „Weil aber der aktuelle Stand ist, dass die Gottesdienste nur bis Palmsamstag entfallen sollen, muss ich ein Ersatzprogramm für Ostern finden, das dann unter Umständen doch noch abgesagt wird“, erklärt er sein Dilemma.

Auch der Dachauer Klarinettist und Saxophonist Hans Blume hat reichlich entfallene Konzerte zu verbuchen: „Wie es momentan weitergeht, da können wir alle nur mit dem Ofenrohr ins Gebirge schauen, man kann ja niemandem die Schuld geben. Es gibt aber zum Glück Infos und Petitionen für Kulturschaffende auf der Seite des Münchner Tonkünstlerverbands“, informiert er.

Die Vivaldi-Orchester von Monika Fuchs-Warmhold aus Karlsfeld haben dagegen Glück im Unglück: „Wir hätten im Mai eigentlich unser 50-jähriges Bestehen gefeiert, glücklicherweise konnten wir vieles gerade noch rechtzeitig umorganisieren und die Feier auf den Herbst verschieben“, sagt die Musikpädagogin. Insgesamt berichten die meisten Veranstalter von einer verständnisvollen und umsichtigen Stimmung bei allen Beteiligten. „Da müssen wir jetzt durch“, findet Monika Fuchs-Warmhold, „Da kann man nichts dagegen machen“, sagt auch Norbert Engelbrecht.

Für die meisten Musiker geht es aber nicht nur um Projekte und Konzerte, sondern auch um den regulären Unterricht für ihre Musikschüler. Denn fünf Wochen ohne Instrumentalunterricht bedeuten für die meisten Kinder, dass sie kaum oder nicht vorankommen, für die Lehrer zudem Verdienstausfall. „Ich war auch vor der Verordnung schon sehr vorsichtig, beispielsweise wenn jemand im Skiurlaub war, inzwischen betrifft es uns natürlich vollkommen“, meint Fuchs-Warmhold.

Während einige Eltern deswegen zunächst noch skeptisch waren, sei das Feedback inzwischen durchweg positiv. Wie die Lehrer in der Schule, geben die meisten Musikpädagogen ihr Bestes, die Schüler nicht ganz unbetreut zu lassen, und finden kreative Wege: Die einen lassen sich Aufnahmen schicken, andere geben per Telefon neue Hausaufgaben oder unterrichten per Videotelefonat. Besonders für Anfänger sei das aber sehr schwierig, da bei diesen wirklich noch jede Mund- oder Fingerbewegung erläutert und oft korrigiert werden müsse, erzählt Hans Blume. Er gibt sich aber auch Mühe, der Sache etwas Positives abzugewinnen: „Vielleicht bringt es meinen Schülern ja künstlerisch einen neuen Aspekt. So viel Zeit, sich mit dem Instrument zu befassen, haben die meisten sonst nicht. Und ich versuche, ihnen wenigstens die Wichtigkeit von Konditionstraining aufzuzeigen.“ Denn auch ohne direkten Unterricht ist es sehr wichtig, weiter am Ball zu bleiben, um etwa Lungen-, Zungen- und Fingerfertigkeit zu üben. Letztlich geht es den Musikerinnen und Musikern genau wie fast allen anderen Berufsgruppen im Moment: Jeder macht möglichst gute Miene zum bösen Spiel und hofft, dass die Krise bald überstanden ist.

Susanna Morper

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