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Gedenkkonzert zum ersten Transport von polnischen Häftlingen: Rund 200 Zuhörer kamen am vergangenen Sonntag in die Versöhnungskirche.

Versöhnungskirche der KZ-Gedenkstätte

Gedenkkonzert und Häftlingsbiografien berühren die Besucher

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Die 13-jährige Mania Warschauer wog nur noch 16 Kilogramm, als sie aus dem  Konzentrationslager befreit wurde. Ihre Geschichte und weitere Häftlingsbiografien berührten die Besucher bei einer Gedenkfeier in der Versöhnungskirche sehr.

Dachau - Am vergangenen Sonntag wurde in der Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte an den 16. September 1939 erinnert: Denn vor genau 80 Jahren wurden die ersten 25 polnischen Häftlinge ins KZ Dachau verschleppt. Bei einem Gedenkkonzert wurden nun Biografien von sechs polnischen Häftlingen vorgetragen und je eine Kerze für sie entzündet, dazwischen spielte Geiger Adam Baldych aus Warschau, er empfand das tiefe Leid der Häftlinge nach.

Das Publikum war international: Neben MdB Claudia Roth, dem polnischen Generalkonsul Andrzej Osiak, reisten auch Angehörige der verstorbenen Häftlinge aus Polen an. Unter ihnen: Katarzyna Werner. Pfarrer Björn Mensing erklärte: „Dein Opa ist 1941 im KZ Dachau ermordet worden“ – insgesamt wurden sechs Millionen Polen Opfer des Nationalsozialismus, davon waren drei Millionen Juden.

Bronislaw Werner stammte aus Swiecie und war Chefarzt, aber verlor nach dem Einmarsch der Deutschen seine Stelle im Krankenhaus. Als polnischer Patriot lehnte er eine Eindeutschung ab, wurde deshalb unter anderem ins KZ Dachau verschleppt. „Mit 42 Jahren starb er an den Folgen der mörderischen Haftbedingungen“, trug Julia Sailer aus Petershausen vor.

Auch Anna Baumgartner kam zu dem Gedenkkonzert, sie ist die Ururenkelin von Jakub Sabasz. Der Schuhmacher aus Friedenshütte wurde „wohl wegen seiner polnisch-patriotischen Aktivitäten denunziert“, erzählte der Beauftragte für Gedenkstättenarbeit in der Erzdiözese, Ludwig Schmidinger. Sabasz wurde 1940 mit 66 Jahren von den Nazis ins KZ Dachau gebracht. Dort musste er als einziger seiner Stube grünen Brei essen und bekam danach Durchfall: „Ein SS-Mann begleitete ihn zur Latrine und ertränkte ihn dort“, sagte Schmidinger.

Szymon Laks wurde 1901 in Warschau geboren und studierte Komposition und Dirigieren. Er wanderte nach Paris aus, aber wurde dort als „Ausländer jüdischer Abstammung“ verhaftet. Er wurde ins KZ Auschwitz-Birkenau verschleppt, seine Mutter und zwei jüngere Geschwister wurden ermordet. Laks wurde Geiger und Leiter der Männerkapelle von Birkenau: „Die Kapelle musste in unmittelbarer Nähe der Gaskammern spielen“, erzählte Aleksandra Kuhn. Später wurde Laks im Außenlager Kaufering inhaftiert. 1945 wurde er auf dem Todesmarsch befreit und kehrte nach Frankreich zurück.

Die Liebe zur Musik trug auch Mieczyslaw Kulawik in sich. Im Rahmen der Verfolgung „gegen die polnische Intelligenz“ wurde der Geigenvirtuose mit 31 Jahren ins KZ Dachau verschleppt. Dort war er Dirigent der Lagerkapelle und organisierte 1943 einen Auftritt mit polnischen Tänzen und Liedern vor 7000 Mithäftlingen, Adam Kozlowiecki erinnerte sich: „Hier in Dachau höre ich unsere Melodien. Ich vergaß den elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun und die mit Maschinengewehrläufen bestückten Wachtürme.“ Kulawik wurde 1945 befreit und wanderte in die USA aus, wo er 2005 mit 96 Jahren starb.

Adam Kozlowiecki studierte Philosophie und Theologie in Polen. Mit anderen polnischen Häftlingen, unter anderem Priestern und Ordensleuten, wurde er 1940 ins KZ Dachau verschleppt. In seinem Tagebuch erinnerte er sich an Block 26 mit einem schlichten Kapellensaal: „Heute früh wurden wir alle in die Kapelle getrieben. Wir hatten weder Wein noch Hostien.“ Nach der Befreiung ging er als Missionar nach Afrika und starb mit 96 Jahren in Lusaka.

Mit neun Jahren musste Mania Knobloch, geborene Warschauer, mit ihrer Familie in ein Ghetto bei Kielce ziehen. Später kam sie unter anderem ins Dachauer Außenlager Burgau bei Augsburg. Sie wurde 1945 befreit, aber Pfarrer Björn Mensing erzählte: „Die 13-Jährige wog nur noch 16 Kilo und war so geschwächt, dass sie über ein Jahr im Krankenhaus für Holocaust-Überlebende in St. Ottilien gepflegt werden musste.“

Ludwig Schmidinger schlug einen Bogen zur Gegenwart: „Von der Gedenkstunde bleibt der Auftrag, dass wir uns auch heute einsetzen müssen – für eine gerechte Gesellschaft.“

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