+
„Der Betrachter muss Kunst nicht schön finden“: KVD-Chef Johannes Karl mit seiner Vorgängerin Monika Siebmanns.

100 Jahre Künstlervereinigung Dachau

„Kunst sollte mehr sein als Dekoration“ - Interview mit Johannes Karl

Seit 100 Jahren gibt es die Künstlervereinigung Dachau. Zum Jubiläum erklärt ihr Vorsitzender Johannes Karl, wohin der weg der Vereinigung noch führen soll.

Dachau –In den Arbeiten des Videokünstlers, Malers und Zeichners Johannes Karl lassen sich meist Bezüge zur Kunstgeschichte, Literatur oder zu Religionen wiederfinden. Der 36-Jährige ist seit fünf Jahren zudem Vorsitzender der Künstlervereinigung Dachau (KVD). Seitdem hat er es gemeinsam mit dem Vorstand geschafft, dass der Verein auch neue Wege geht. In diesem Jahr feiert die Vereinigung 100-jähriges Bestehen. Zeit, den Dachauer um eine Rückschau und einen Ausblick zu bitten.

Wieso haben Sie sich vor fünf Jahren entschieden, den Posten des Vorsitzenden der KVD zu übernehmen?

Im Vorstand selbst war ich bereits vorher, und als sich Monika Siebmanns entschlossen hat, sich nicht mehr zur Wahl zu stellen, hat sich das so ergeben. Wir hatten damals ein gutes Team, es hat Spaß gemacht mit den Kollegen zu arbeiten, und ich hatte das Gefühl, dass man etwas bewegen, weiterführen, aber auch lebendig halten kann. Deshalb ist mir die Entscheidung leicht gefallen.

Monika Siebmanns war sieben Jahre Vorsitzende. Wissen Sie, wie lange Sie den Posten machen?

Mir macht die Arbeit als Vorsitzender nach wie vor viel Spaß. Natürlich stellt sich manchmal die Frage, ab wann würde dem Verein ein Wechsel gut tun. Jeder geht die Dinge auf seine Weise an, deshalb denke ich, es muss nach einiger Zeit auch immer mal einen Wechsel geben, damit es nicht zu lange in eine Richtung geht.

In den 13 Jahren, in denen Sie in der KVD Mitglied sind, was waren die größten Veränderungen im Verein?

Der Umzug von der Brunngartenstraße in die Galerie in der Schranne war 2010 ein großer Schritt. Es war ein längerer Prozess und ein Stück Aufwand, bis die Räumlichkeit in der Altstadt eine kunstgeeignete Architektur hatte. Der alte Boden der Schrannenhalle war beispielsweise viel zu unruhig, um dort Bilder aufhängen zu können. Seitdem die KVD in der Mitte der Altstadt beheimatet ist, werden wir in der Öffentlichkeit als Institution viel stärker wahrgenommen. Was ebenfalls eine große Veränderung war, ist, dass wir die Schlossausstellung im Jahr 2015 zum ersten Mal in der alten Papierfabrik organisiert haben. Es ist unser Ziel, weitere Ideen zu entwickeln und immer neue Sachen auszuprobieren. Wir möchten weiterhin die große Schlossausstellung nicht so sehr an das Schloss koppeln.

2019 im Jubiläumsjahr der KVD passiert das bereits. Es wird im Juni die Ausstellung „Raus“ geben.

Vom Bahnhof bis zur Altstadt werden 33 Künstler, darunter KVD-Mitglieder, aber auch Eingeladene, ihre Kunst im Stadtgebiet präsentieren. Neben Kunst draußen wird es auch Werke in den verschiedenen Galerien zu sehen geben. Die Idee oder Frage, die dahinter steckt, ist, wo kann Kunst die Stadt ein bisschen interessanter machen und beleben? Bürger und Passanten werden hier und da Kunst erblicken, können es gut oder schlecht finden, kommen aber sicherlich mit Kunst in Berührung.

Gibt es auch Negatives aus der Vergangenheit zu berichten?

Ich kann nur über die Zeit sprechen, in der ich Mitglied bin. Ich merke, dass es ein permanenter Kampf ist, die Bedeutung und Wertigkeit von Kunst zu vermitteln. Dass Kunst nicht nur Spaß macht, sondern auch Arbeit ist. Diese Ernsthaftigkeit muss ich oft weiter tragen. In Dachau herrscht noch immer das klischeehafte Bild eines Künstlers vor, der in seinem großen Atelier sitzt, große bunte Bilder malt und abends viel Wein trinkt. Die Realität sieht oft anders aus. Und wenn den Leuten das klar wird, sind viele fast schon enttäuscht.

Ist es schlecht, wenn ein Künstler seine Kunst nur zum Spaß macht und abends Wein trinkt?

Ich denke, es ist eine Frage, ob man Kunst macht für sich als Ausgleich, oder ob ich die Kunst mache, weil ich mich ernsthaft mit zeitgenössischen Geschehnissen und zeitgenössischer Ästhetik auseinandersetzen möchte. Denn Kunst sollte mehr sein als Dekoration. Durch ein Kunst-Studium wird man so geschustert, dass man ernsthaftes Interesse entwickelt, sich an zeitgenössischer Ästhetik zu reiben, diese weiterzuentwickeln, und sich durch seine Kunst auch mit aktuellem Geschehen und Politik auseinandersetzt. Hier ist dann das Transportieren einer bestimmten, seiner individuellen Haltung wichtig. Heißt, der Betrachter muss die Kunst nicht sehen und schön finden, sondern sich Gedanken darüber machen können. Kunst soll und kann unterhalten, aber nicht wie etwa ein Volksfest, sondern Kunst hat die Möglichkeit, Anstöße zu geben. Der kommunikative Gedanke ist also wichtig, nicht der dekorative.

Ab Samstag ist bis 27. Januar eine Fotoausstellung zum Jubiläum in der Galerie zu sehen. Was erwartet die Besucher?

Die Ausstellung stellt einen völlig subjektiven Rückblick auf die letzten 100 Jahre da. Jedes Mitglied, das sich beteiligen wollte, hat in seinem Archiv gewühlt. In der Ausstellung werden die Bilder, meist von Persönlichkeiten – ehemaligen KVD-Mitgliedern – zusammengetragen. Damit versuchen wir, sichtbar zu machen, wie viele Künstler mit der KVD einmal verbunden waren und wer diese Künstler waren. Wer sich mit der Kunstszene von Dachau in den letzten Jahren ein bisschen beschäftigt hat, kann schöne Entdeckungen machen, die jetzt wieder hochkommen.

Gibt es noch weitere, spezielle Projekte zum 100-jährigen Bestehen?

Die Gemäldegalerie macht eine Ausstellung zu den Anfängen der Künstlervereinigung im März. Und im gleichen Monat wird es in der KVD-Galerie eine Ausstellung zum 70. Todestag von Adolf Schinnerer mit Druckgraphiken geben. Schinnerer war der erste KVD-Vorsitzende nach dem Zweiten Weltkrieg.

Viele Vereine klagen über Nachwuchssorgen, wie sieht es bei Ihnen aus?

Es wird unsere Aufgabe weiterhin sein, junge Leute zu finden, beziehungsweise Kontakte zu halten. Aktuell bewerben sich im Schnitt jährlich etwa zehn Künstler für eine Mitgliedschaft. Ich würde also behaupten, dass wir keine Nachwuchssorgen haben. Aktuell hat der Verein über 40 Künstler als Mitglieder und weitere Fördermitglieder.

Der OB sowie der Landrat sind oft bei den Ausstellungseröffnungen dabei und kaufen kräftig Kunstwerke ein. Wie ist die Zusammenarbeit mit der Politik sonst?

Die Ausgangsbasis ist eine gute. Wir sind auch für das Jahr 2019 wieder gut unterstützt worden, wir sind sicherlich ein ordentlich bezuschusster Kulturverein. Natürlich ist der Wunsch nach immer mehr da. Probleme bereiten uns bei Großprojekten eher die öffentlichen Strukturen. Da ist aber nicht die Schuld der Stadt oder des Landratsamtes, sondern allgemein der deutschen Bürokratie.

Interview: Miriam Kohr

Eckdaten der Künstlervereinigung Dachau

Nach dem Ersten Weltkrieg organisieren sich 44 der nach dem Krieg in Dachau verbliebenen Maler unter dem Vorsitz von Felix Bürgers in der „Künstlergruppe Dachau“. Sie stellen am 11. Juni 1919 erstmals gemeinsam im Dachauer Schloss aus. Die Gruppe löst sich wegen Not und Arbeitslosigkeit wieder auf. Erst 1927 gründet sich die „Künstlervereinigung Dachau“ mit Hermann Stockmann an der Spitze. 1929 tritt Walter von Ruckteschell die Nachfolge Stockmanns an. 1934 gibt es die Ausstellung „Hundert Jahre Dachauer Kunst” aus Anlass der Erhebung Dachaus zur Stadt. Nach dem Wegzug von Ruckteschells übernimmt August Kallert den Vorsitz. Bis 1942 gibt es Ausstellungen im Schloss. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Künstlervereinigung wie alle anderen Vereine von der Militärregierung aufgelöst. Adolf Schinnerer übernimmt 1946 als Vorsitzender, ihm folgt ab 1947 erneut Kallert. Nach vielen Ausstellungen in den 50er Jahren wird es ruhiger um den Verein. Anfang der 1970er Jahre reaktiviert er sich wieder – vermutlich unter Wilhelm Dieninghoff. Karl Huber wird dessen Nachfolger. Nach einer weiteren Unterbrechung findet 1982 wieder eine Schlossausstellung statt, Organisator: Wolfgang Huss. 2010 zieht die KVD von der Brunngartenstraße in die Kulturschranne. Seit 2013 leitet Johannes Karl die Geschicke der KVD.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

BMW-Fahrer  fährt fünf Autos und einen Zaun an - und flüchtet
In der Nacht zum Sonntag um 1 Uhr. Ein BMW-Fahrer hat auf dem Parkplatz des FV Birkenhof-Eschenried fünf Autos und einen Zaun angefahren. Dann flüchtete er. Allerdings …
BMW-Fahrer  fährt fünf Autos und einen Zaun an - und flüchtet
Wie Sarah Schneider ihren Alltag fast Abfall-frei machte
Die Initiative „Zero Waste Dachau“ will den Alltag Abfall-freier machen. Am Dienstagabend findet der erste  Stammtisch statt.
Wie Sarah Schneider ihren Alltag fast Abfall-frei machte
Ein Abend voller außergewöhnlicher Darbietungen
Das Orion Streichtrio hat beim Dachauer Schlosskonzert mehr geboten als nur Präzision und Perfektion. Das Publikum durfte sich über ein  Klangerlebnis freuen.
Ein Abend voller außergewöhnlicher Darbietungen
Mann filmt Nachbarn bei Streit und postet Video auf Facebook - das hat Konsequenzen
Es wird viel gepostet in den sozialen Netzwerken wie Facebook. Eines sollte man dort definitiv nicht teilen: ein Video von den Nachbarn, das bei einem Streit entstanden …
Mann filmt Nachbarn bei Streit und postet Video auf Facebook - das hat Konsequenzen

Kommentare