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Meist geschieht es in den frühen Morgenstunden: Polizisten holen abgelehnte Asylbewerber für die Abschiebung ab.  

111 Personen im Landkreis Dachau müssten ausreisen

Wenn die Abschiebung droht

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Oft dauert es mehrere Monate, bis Asylbewerber das Ergebnis ihres Asylantrages erfahren. Ein negativer Bescheid kann dann jede Hoffnung auf einen Schlag zerstören. Doch wenn der Betroffene nicht freiwillig ausreist, dann bleibt nur eines: die Abschiebung.

Landkreis– Nur ein einziges Blatt Papier verändert das Leben eines Asylbewerbers: die Antwort auf seinen Asylantrag vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Wenn sie negativ ausfällt, dann ist das ein harter Schlag – nicht nur für Asylsuchende, sondern auch für Helfer. Der Asylbewerber kann freiwillig in sein Heimatland ausreisen, außer er ist in einem anderen EU-Land angekommen. Dann muss er zum Beispiel nach Spanien oder Italien zurück – und dort sein Asylverfahren abwarten. Oder er klagt gegen den BAMF-Bescheid: Wenn das erfolglos bleibt, ordnet das Landratsamt eine Abschiebung an.

Meist geschieht das in den frühen Morgenstunden: Eine Polizeistreife fährt unangemeldet an der Unterkunft vor und versucht, den Asylbewerber mit abgelehntem Asylantrag in das Polizeiauto zu bewegen. Den Auftrag dafür erteilt das Landratsamt – doch ein abgelehnter Asylantrag heißt nicht, dass die Flüchtlinge auch abgeschoben werden können: 111 ausreisepflichtige Personen leben im Landkreis. Doch sie können nicht ausreisen: Knapp die Hälfte hat keinen Pass oder die nötigen Papiere. Die andere Hälfte ist krank, nicht reisefähig, in der Ausbildung – oder Klagen und Petitionen verhindern die Ausreise.

Im vergangenen Jahr gab es 21 Abschiebungen im Landkreis (siehe Kasten). Melanie Habersetzer war als Polizeihauptkommissarin dreimal mit dabei. Einmal sei eine Familie aus dem Westbalkan relativ problemlos mitgekommen. In den anderen beiden Fällen mit Einzelpersonen sei es schwieriger gewesen. „Die Menschen sind in der Situation natürlich total aufgebracht“, sagt sie.

Manche weigern sich, mitzukommen. Gewaltanwendung ist aber beim ersten Abschiebungstermin tabu. Der Flüchtling muss nicht in den Streifenwagen einsteigen. Der gebuchte Flug für die abgelehnten Asylbewerber verfällt dann. Oft sind sie auch untergetaucht, wenn die Polizei vorfährt, so Habersetzer. Wenn der Ausreisepflichtige nicht da ist, erklären die Heimbewohner oft, dass er in ein Nachbarland oder in einen anderen Teil von Deutschland gereist sei, sagt Habersetzer. „Im Normalfall kommen die dann auch nicht mehr“, sagt sie. Ob nach der untergetauchten Person gefahndet wird, entscheide das Landratsamt.

Die Polizeistreife mit zwei Beamten kommt meist gegen sechs Uhr. „Wir kommen nicht mitten in der Nacht, weil das die anderen Bewohner nur stören würde“, sagt sie. Vom einen auf den anderen Tag sind dann Betten in der Asylunterkunft leer, Familien für immer verschwunden. „Wir erfahren nicht, wann die Abschiebung ist“, sagt Waltraud Wolfsmüller, Koordinatorin des Helferkreises Asyl Dachau.

Wenn Flüchtlinge sich beim ersten Mal weigern, bei der Polizei mitzufahren, dann dürfen Beamte nach dem zweiten Abschiebebescheid auch Gewalt anwenden, zum Beispiel Handschellen anlegen. Dann geht es direkt zum Flughafen.

Peter Barth vom Helferkreis Hebertshausen war schon einmal dabei, als die Polizei einen seiner Schützlinge in den frühen Morgenstunden mitnahm. „Es ist natürlich keine schöne Sache“, sagt er. Doch vor allem in nächster Zeit rechnet er damit, dass es mehr Abschiebungen geben wird. Er versucht es als Teil seines Jobs zu sehen: Gemeinsam mit den Asylbewerbern versucht er davor einen Businessplan zu erarbeiten, einen Plan für die Zukunft im Heimatland.

Abschiebungen im Landkreis:

Im vergangenen Jahr wurden im Landkreis Dachau insgesamt 21 Personen unfreiwillig in ihr Heimatland oder das Erstaufnahmeland rückgeführt: neun Personen in den Westbalkan, eine Person nach Polen, eine Person in den Senegal und zehn Personen nach Italien, wo sie zuerst ihren Asylantrag gestellt hatten. Die Flüchtlinge selbst kamen aus Nigeria, Sierra Leone und dem Senegal. Die Zahl der freiwilligen Ausreisen kann das Landratsamt nur schätzen: 2016 waren es rund 30 Personen. Außerdem haben Asylbewerber den Landkreis während des laufenden Asylverfahrens verlassen. Das Landratsamt rechnet mit circa 300 bis 400 Personen. Insgesamt leben derzeit 1330 Asylbewerber im Landkreis. Im Februar 2016 waren es noch 1941 Asylbewerber gewesen

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