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1192 Euro und ein Bedauern

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Von: Stefanie Zipfer

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Abermals musste sich das Dachauer Amtsgericht mit dem „Kronen-Streit“ befassen (Symbolbild).
Abermals musste sich das Dachauer Amtsgericht mit dem „Kronen-Streit“ befassen (Symbolbild). © Imago

Der lange Gerichtsstreit um eine Krone zwischen einem Zahnarzt und einer Patientin ist endlich beendet. Grün sind sich die beiden jedoch noch lange nicht.

Dachau – Schon im Oktober, als sich eine 44-jährige Dachauerin und ihr Zahnarzt vor dem Dachauer Amtsgericht zum ersten Mal trafen, kochten die Emotionen hoch. Die Frau hatte den Zahnmediziner wegen einer in ihren Augen verpfuschten Behandlung verklagt, der Arzt wies jede Schuld von sich. Sämtliche Versuche von Richterin Cornelia Handl, die beiden Parteien zu einer gütlichen Einigung zu bewegen, scheiterten (wir berichteten).

Nun, ein halbes Jahr und ungezählte Schriftwechsel später, trafen sich beide Seiten erneut vor Gericht. Beruhigt hatten sich die Gemüter seitdem aber nicht. Richter Daniel Dorner, der den Fall von seiner Kollegin Handl übernommen hatte, betonte dennoch, „nichts unversucht lassen zu wollen“, um doch noch eine Einigung zu erreichen. Sollte sich das Verfahren nämlich weiter in die Länge ziehen, „drohen erhebliche Kosten“, wobei Dorner sowohl von Geld, als auch „Zeit und Mühe“ sprach.

Doch die Klägerin blieb zunächst auf ihrem Standpunkt. Sie wolle, erstens, eine Entschuldigung von ihrem jahrelangen Zahnarzt. Zweitens wolle sie Schadensersatz in Höhe von 577,80 Euro sowie, drittens, Schmerzensgeld in Höhe von 3000 Euro.

Zur Erinnerung: Der Zahnmediziner hatte zu Pfingsten 2019 der damals 42-Jährigen eine Krone auf einem Zahnimplantat befestigt. Allerdings hatte sich die Krone gelöst und wurde verschluckt. Weil das scharfkantige Teil an einer potenziell lebensgefährlichen Stelle im Darm geblieben war, musste die Dachauerin sogar zwei Tage in ein Münchner Krankenhaus. Ihr Zahnarzt habe einen ärztlicher Kunstfehler begangen, argumentierte die Klägerin daher.

Der beklagte Zahnarzt jedoch betonte, nach allen Regeln der ärztlichen Kunst gehandelt zu haben. Die neue Krone, die sich die Klägerin von einem anderen Zahnarzt zum Preis von 577,88 Euro hatte (erfolgreich) befestigen lassen, wolle er zudem schon allein deswegen nicht zahlen, weil die alte Kronenach ihrem Weg aus dem Darm „technisch und medizinisch“ noch funktionstüchtig gewesen sei.

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Richter Dorner sowie die beiden Anwälte – der Zahnarzt wurde vertreten von Carl-Gunther Rauch – mühten sich dennoch, die beiden Streithähne zu beruhigen. Anwalt Rauch gab allerdings zu, mit seinem Mandanten über die Angelegenheit „kaum sprechen zu können, weil er da jedes Mal so einen Hals kriegt“. Und als die Klägerin zum xten Mal wiederholte, dass es ihr „nicht ums Geld geht“ und eine Einigung nichts anderes bedeute, als dem Zahnarzt „die Sache durchgehen zu lassen“, schimpfte Richter Dorner: „Das hat doch mit durchgehen lassen nichts zu tun. Sie kriegen ja Geld von der Gegenseite!“

Selbst Anwältin Alexandra Strasser-Lauschke meinte am Ende zur 44-Jährigen: „Ich würde den Vergleich machen. Dass mal a Ruh is!“

So kam nach rund einer Stunde Verhandlung das, was lange unmöglich schien. Statt der geforderten 3577,80 Euro zahlt der Zahnarzt der Klägerin nun ein Drittel dieser Summe: 1192 Euro. Zugleich erklärt der Mediziner sein „Bedauern für die Folgen des streitgegenständlichen Vorfalls“. Die Klägerin im Gegenzug akzeptiert, dass mit dieser Einigung „alle streitgegenständlichen Ansprüche und Forderungen erledigt und abgegolten“ sind.

Wie es zu dieser Summe kam, erklärte Richter Dorner am Ende so: Bei Zivilsachen liegt die Beweispflicht bei der Klägerseite. Dies berge natürlich ein gewisses Risiko, in diesem Fall: Die Dachauerin müsse nachweisen, dass eine verpfuschte Behandlung zu einer Entzündung geführt hätte, die wiederum dazu geführt hätte, dass sich die Krone gelöst hätte, was am Ende zum Krankenhausaufenthalt geführt habe.

Auf der anderen Seite, so Dorner in Richtung des Beklagten, „ist es unstreitig, dass sich die Krone gelöst hat, mit all den Folgen“. Und klar sei es vielleicht technisch möglich, eine Krone, die einen tagelangen Weg durch den menschlichen Verdauungstrakt genommen hat, nach einer gründlichen Sterilisation wieder zu verwenden. „Aus juristischer Sicht“, so der Richter, „muss man aber schon fragen, ob das auch zumutbar ist“.

So richtig glücklich war am Ende des Verhandlungstags dennoch keine der Parteien. Immerhin, so berichtet die Klägerin, könne sie nun endlich wieder ruhig schlafen. Da sie ihrem früheren Zahnarzt nun ihre Meinung sagen konnte, „hab ich keine Albträume von Zähnen mehr“.

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