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Tatort Apotheke: Der Angeklagte wurde nach dem Überfall auf die Eulen-Apotheke in Karlsfeld auf der Verkehrsinsel von einem couragierten Dachauer und zwei mutigen Apothekerinnen überwältigt.

38-Jähriger vor Gericht

Auf der Suche nach Geld: Einbrecher zerrt Rentner an Haaren durchs Haus

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Ein Einbrecher bedroht den Besitzer, schleift ihn unter einem vorgehaltenen Messer an den Haaren durchs ganze Haus und flüchtet mit 600 Euro Bargeld. Einem Dachauer (75) ist das im Juli 2017 passiert.

Dachau/München – Mit heruntergezogener Kapuze hockt Rado G. (38) auf der Anklagebank. Zu seinem Leben will er eigentlich nichts sagen – und dann erzählt er alles. Von seiner trostlosen Kindheit in Bulgarien, von seinem Aufenthalt in der Besserungsanstalt, in der er zum Vollkriminellen heranreifte. 20 Jahre seines Lebens hat er nach eigenen Angaben in der Haft verbracht. In Deutschland zog er seine in Dachau lebenden Neffen schon früh in sein straffälliges Handeln herein. Der 19-Jährige sitzt im Gefängnis, dessen kleiner Bruder (16) seit gestern mit dem Onkel auf der Anklagebank im Münchner Landgericht II.

Während der Staatsanwalt nüchtern die Anklage verliest, weint im Zuschauerraum leise die Mutter und Schwester der Angeklagten vor sich hin. An ihrer Seite sitzt ihr Lebensgefährte, offenbar ein neuer Mann, den der Sohn bislang nicht gekannt haben will. Das sagt er am Nachmittag, als er über sein Leben berichtet. Von der Mutter, einer Putzhilfe, bekam er monatlich zwischen 100 und 200 Euro Taschengeld, er hätte nicht zu Überfällen mitgehen müssen, er tat es trotzdem. Warum? Er wisse es nicht, lässt er immer wieder die Dolmetscherin übersetzen. Er mag mit den Richterinnen nicht Deutsch sprechen. Auf Bulgarisch fühlt er sich sicherer, erfährt die 1. Jugendstrafkammer.

Sein Onkel nahm ihn mit bei Überfällen auf Apotheken in München und im Raum Dachau, doch der damals 15-Jährige stellte auch im Alleingang allerhand kriminellen Schmarrn an. 14 Fälle von Schwarzfahrens listet die Anklage auf. Seine Ex-Freundin beschimpfte, bedrohte und attackierte der junge Mann. Die Schule brach er in der 7. Klasse ab. Als 14-Jähriger begann er eine unrühmliche Drogen-Karriere.

Beim Überfall seines Onkels in einer Julinacht 2016 auf einen Rentner im Dachauer Süden war er nicht dabei gewesen. Rado G. schaffte es auch alleine, eine Szenerie der Todesangst zu schaffen. Mit einem Stein hatte der Bulgare ein Loch in die Terrassentür des allein lebenden Seniors in Dachau-Süd geschlagen. Dieser schlief tief und fest, bis der Täter vor seinem Bett stand und ihn weckte. „Money“, verlangte er in schlechtem Englisch. Gestern, zu Prozessauftakt, behauptete er, kein Englisch zu sprechen. Den Vorfall an sich räumte er schon im Vorfeld des Prozesses ein – bis auf ein Hackebeil aus der Küche, mit dem er laut Anklage den damals 75-Jährigen bedroht haben soll. Mit einem messerähnlichen Gegenstand dirigierte er den Hausbesitzer auf der Suche nach Geld durch das gesamte Anwesen. Er zerrte ihn an den Haaren, stach ihm in die Rippen. Er ließ ihn eine Stunde lang nicht aus den Fingern, stopfte sich schließlich 600 Euro Bargeld in die Taschen und floh, nachdem er sich noch am Kühlschrank bedient und sechs Flaschen Bier genommen hatte. Die habe er später ausgekippt, weil er gar kein Bier möge, behauptete er im Gerichtssaal.

Der 75-jährige Rentner war bei dem Überfall zumindest körperlich nur leicht verletzt worden. Es ist aber anzunehmen, dass die seelischen Folgen des Überfalls weitaus schlimmer sind und möglicherweise das Leben des Opfers verändert haben.

Die Polizei suchte lange erfolglos nach dem Räuber, bis Rado G. erneut zuschlug. Zusammen mit seinem Neffen überfiel er die Eulen-Apotheke in Karlsfeld. Der Bub kaufte zum Schein einen Müsliriegel. Beim Bezahlen schlug Onkel Rado zu. Er stieß die Mitarbeiterin zu Boden, griff in die offene Kasse und entwendete 300 Euro. Den beiden Verwandten gelang die Flucht aus der Apotheke. Draußen wurde der 38-Jährige aber von einem aufmerksamen Passanten gestellt, zwei couragierte Apothekerinnen halfen. So konnte der Mann der Polizei übergeben werden. Eine DNA-Spur von dem Überfall auf den Rentner konnte schließlich dem Bulgaren zugeordnet werden.

Der Neffe blieb noch vier Monate auf freiem Fuß und stellte einiges an. In der S-Bahn bedrohte und beschimpfte er seine Freundin. Mit ihr hatte er Wochen zuvor in einem Discounter noch 24 Flaschen Wasser ausgeschüttet, um den Pfand für die Flaschen zu kassieren. Als er schließlich in Haft kam, attackierte er die Beamten. Der Prozess wird fortgesetzt.

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